Christopherus Rex Daniae

Schlagwörter

, ,

Ein Dänenkönig aus der Oberpfalz

Wer das Grabdenkmal des Pfalzgrafen Rupprecht in der St. Martinskirche, oder die einfache Marmorplatte in der Pfarrkirche von Neunburg v. W. betrachtet, unter der die Gebeine von Pfalzgraf Johann ruhen, wird sich selten bewußt sein, daß der Sohn des letzteren vor nunmehr bald sechshundert Jahren die Kronen der Skandinavischen Reiche getragen hat. Die Feen haben es dem Knaben, dessen Wiege 1416 in Neumarkt stand, auch sicher nicht gesungen. Denn die oberpfälzische Linie der Wittelsbacher gehörte nicht zu den reichsten im Land, und als Nebenzweig des stolzen Hauses hatte sie wenig Aussicht, einen Reis zu treiben, dem einmal eine besondere Rolle in der Weltgeschichte zufallen sollte. Aber an der Schwelle des Mittelalters, wo Kronen nicht selten verschenkt und ganze Länder verkauft wurden, geschah es noch häufiger, daß ein edles Geschlecht über Nacht durch irgendeine verwandtschaftliche Beziehung auf einen Thron gelangte, und diesem Umstand verdankte auch der junge Pfalzgraf Christoph und Herzog von Bayern seinen plötzlichen Aufstieg zur höchsten weltlichen Macht, weit ab von seiner väterlichen Burg.

Seine Mutter war die pommersche Herzogin Katharina und als solche die einzige Schwester des Königs Erich VII., der seit 1412 unter Führung Dänemarks, jedoch unter Wahrung der Selbständigkeit von Schweden und Norwegen, über die drei Länder in einer Person herrschte. Aber diese sogenannte „Kalmarische Union“ erwies sich ebenso wenig dauerhaft, als frühere Versuche in derselben Richtung. Nach mehrjährigem Kampfe des dänischen und des schwedischen Adels gegen den Unionskönig wurde derselbe 1439 abgesetzt, und die Reichsstände riefen den 23-jährigen Wittelsbacher aus Neumarkt in der Oberpfalz auf den Thron am blauen Oeresund.

Mit ihm zogen eine ganze Reihe von oberpfälzischen Grafen und Edlen durch die deutschen Lande und übers Meer nach Dänemark, deren Blut noch heute in bekannten Namen dort fortlebt. Als solche wurden von dem im XVIII. Jahrhundert lebenden dänischen Historiker Holmbergs selbst genannt: die Parsberger, die Poisaecker (Poißl), die Lindenauer (wahrscheinlich aus der Gegend von Viechtach), die Valkendorper (vielleicht aus Falkendorf bei Höchstädt a./Aisch) und nicht zuletzt die Ulfelds, deren Nachkomme Graf Kornitz Ulfeld, unter der Regierung Christian VI. und Friedrich III. von Dänemark die höchsten Ämter bekleidete, dann aber sein Land verriet, und als Heimatloser Abenteurer. Landflüchtig und zum Tode verurteilt 1664 im Rhein ertrank.

Von der kurzen Regierungszeit Christoph III. ist nicht viel zu erzählen. Er wurde 1441 zu Uppsala zum schwedischen, 1442 zu Oslo zum norwegischen König gekrönt, und erhielt zuletzt am Neujahrstage 1443 vom Erzbischof von Lund zu Ripen auch die Krone Dänemarks aufs Haupt gesetzt, wobei nach der geschichtlichen Überlieferung neben anderen auch noch ein bayerischer Herzog, dessen Name aber nicht erwähnt wird, die Reichsinsignien trug. Von seinen Taten kann uns noch am meisten die Belehnung des Grafen Adolf als erblichen Herzog von Schleswig interessieren, dessen Nachfolger die bekannten und nachhaltigen Worte des „up ewig ungedeelten“ Landes geprägt hat.

Weiterlesen

Advertisements

Hochosterwitz bei Klagenfurt

Schlagwörter

, , , , ,

Die Burg der oberpfälzischen Kevenhüller in Kärnten

Von August Sieghardt

Das Reiseziel einer Urlaubsfahrt im Herbst 1956 war das sonnige Land Kärnten mit dem berühmten Wörthersee und die Landeshauptstadt Klagenfurt mit ihrer burgenreichen Umgebung. Wer in Kärnten reist, dem begegnet auf Bahnhöfen und in Reisebüros immer wieder ein von der österreichischen Verkehrswerbung herausgegebenes künstlerisches Plakat, das in Wort und Bild die Fremden zu einer Fahrt nach Burg Hochosterwitz einlädt. Die bildliche Darstellung dieser Burg ist so, daß sie jeden Burgenfreund in Begeisterung versetzt, denn das Bergschloß Hochosterwitz thront auf einem freistehenden 175 m hohen Kalkfelsen und gilt als die schönste und größte Burganlage Österreichs. Ihre Besitzer sind seit vier Jahrhunderten die ehemaligen Grafen und nunmehrigen Fürsten v. Khevenhüller (so ist die Schreibweise der,“ fürstlichen Familie) , die am Fuße der Burg, in einem parkumfriedeten schloßartigen Landhaus, ihren Wohnsitz haben. Die Burg selbst steht ganz im Dienste des Fremdenverkehrs und sie ist als Schauobjekt so berühmt, daß es so gut wie kein Fremder in Kärnten versäumt, ihr einen Besuch zu machen. Autobusse aus allen Himmelsrichtungen fahren Tag für Tag zur Burg Hochosterwitz, dem Burgenkleinod Osterreichs.

Wenn wir nachstehend eine gedrängte Schilderung dieser Burg Hochosterwitz auf Grund unseres Besuches geben, so geschieht dies deshalb, weil ihre Besitzer Beziehungen zur Oberpfalz haben, ja sogar aus der Oberpfalz abstammen. Die Urheimat der Fürsten Khevenhüller ist nämlich das auf einsamer Jurahochfläche zwischen dem Sulztal und dem Labertal nordöstlich .von Beilngries gelegene Pfarrdorf Kevenhüll. An der Stelle, an der heute die katholische St. Ulrichs-Pfarrkirche steht (sie befindet sich seit 1413 unter dem Patronat des Klosters Plankstetten), erhob sich im frühen Mittelalter die Stammburg der Edlen v. Kevenhüller. Sie diente nicht nur als Rittersitz, sondern auch zugleich als Bethaus. Um das Jahr 1148 soll der Überlieferung. nach (urkundliche Nachweise darüber sind nicht vorhanden) ein Ritter Richard der Kevenhüller von Kevenhüll in der Oberpfalz ausgewandert sein und zwar nach Kärnten, wo das neugegründete Bistum Bamberg durch Schenkungen Kaiser Heinrich II. ausgedehnte Besitzungen hatte (Carinthiae Bambergenses).

In Kärnten erwarben die Ritter v. Kevenhüller im Lauf der Zeit zahlreiche Besitzungen und Bergwerke, rund zwei Dutzend Burgen, Schlösser und Güter, darunter die etwa 25 km nördlich von Klagenfurt unweit der herzoglichen Residenzstadt St. Veit a. Glan auf einem riesigen Bergkegel gelegene, urkundlich erstmals um das Jahr 1200 genannte Burg Osterwitz. Diese Burg erhielt der Landeshauptmann von Kärnten, Christoph .v. Khevenhüller zu Aichelberg, im Jahre 1541 als Pfandobjekt von König Ferdinand I. Im Jahre 1571 hat dann der Freiherr Georg v. Khevenhüller, der ebenfalls Landeshauptmann von Kärnten war, Burg Hochosterwitz käuflich erworben und sie zu einer unüberwindlichen Festung ausgebaut, in erster Linie ·deshalb, um das Land vor den drohenden Einfällen der Türken zu schützen. Den steilen Aufstieg zur Burg ließ er in den Jahren 1570-86 durch zahlreiche Türme, Bastionen und Wälle, sowie durch nicht weniger als 14 feste, z. Tl. mit Zugbrücken versehene Tore versehen, die heute noch vorhanden sind und die man alle durchschreiten muß, wenn man zur eigentlichen Burg gelangen will. Es gibt in Osterreich und auch in Deutschland keine zweite Burg, deren Burgweg derart umfassend gesichert wäre. Jedes dieser Tore führt einen eigenen Namen, ist mit Wappen, Inschriften· und Bildnissen versehen, der Weg durch sie führt manchmal über grausige Schluchten und schwindelnde Abgründe hinweg. Seit dieser Zeit, seit der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, ist Burg Hochosterwitz baulich in unverändertem Zustand, das mittelalterliche Antlitz der Burg ist geblieben und darüber hinaus befindet sich die Burg mit ihren unzähligen Baulichkeiten, dank der großen Opferwilligkeit der fürstlichen Familie, in ausgezeichnetem Zustand. Die Fürsten v. Khevenhüller (die Familie wurde 1566 in den Grafen- und 1763 in den Fürstenstand erhoben) erfüllten und erfüllen mit der kostspieligen Erhaltung .dieses riesigen Bergschlosses nicht zuletzt ein Vermächtnis ihres Ahnen, des genannten Freiherrn Georg Khevenhüller, der, wie eine große Marmortafel im Burghof verkündet, in seinem Testament den Wunsch aussprach, daß die Burg Hochosterwitz immer und für ewige Zeiten in dem Eigentum seiner Nachkommen bleiben und von ihnen erhalten werden möge. Diese Verpflichtung wird auch von dem jetzigen Burgherrn, dem Fürsten Franz Khevenhüller-Metsch, dessen Bruder Georg wir übrigens eine (im Selbstverlag erschienene) 62 Seiten starke geschichtliche Darstellung der Burg verdanken, opferwillig erfüllt.

Hochosterwitz#4_HDR

Burg Hochosterwitz

Der Anblick der Burg Hochosterwitz auf der 175 m hohen Felsenkuppe, die an die Lage der Burg Hohentwiel (688 m) bei Singen im Hegau erinnert, ist schon aus der Ferne bezaubernd. Wie eine Gralsburg steht dieses einzigartige Bergschloß mit seiner verwirrenden Zahl von Gebäudeteilen und Befestigungsanlagen, mit dem Hauptschloß und der Burgkirche, in der von hohen Bergen und prachtvollen Wäldern umgebenen Landschaft und die Rundsicht, die man von ihr genießt, bleibt jedem Besucher unvergeßlich. Im Burghof versorgt uns eine vortreffliche Burgschenke mit Speis‘ und Trank; wer bei einem Glaserl Wachauer oder steierischen Weines oder bei einem Schalerl Kaffee mit Schlag auf der Burgterrasse sitzt und über Wälder, Berge, Dörfer und Burgen ins Land schaut, dem fällt es schwer, sich von dieser Burg zu trennen. Mit einem historisch kostümierten sprachkundigen Führer werden die reichen Sammlungen, die in der Burg untergebracht sind, besichtigt; bei der Erklärung derselben weist der Führer darauf hin, daß die Fürsten Khevenhüller aus Kevenhüll bei Beilngries in der Oberpfalz stammen und im Jahre 1628 ihres evangelischen Glaubens wegen Kärnten verlassen und ihre zwei Dutzend Güter und Schlösser im Stich lassen mußten. Etliche Mitglieder der Familie kehrten damals in ihre oberpfälzische Urheimat zurück, sie ließen sich in Regensburg nieder; andere wurden in Nürnberg seßhaft. Das im Luftkrieg zerstörte schöne Schloß Oberbürg bei Nürnberg (im Pegnitztal) wurden von den Khevenhüller erworben; in den evangelischen Pfarrkirchen zu Nürnberg-Mögeldorf und Nürnberg-St. Johannis befinden sich heute noch Grabdenkmäler der Khevenhüller. Verwandtschaftliche Bande verknüpften die Khevenhüller mit der Nürnberger Patrizierfamilie der Herren Kreß v. Kressenstein und mit der gräflichen Familie v. Giech in Thurnau in Oberfranken. Hans v. Khevenhüller, der als Oberst im Heer Gustav Adolfs diente, wurde 1632 bei einem Ritt durch Freystadt i.d. Opf. durch einen unglücklichen Schuß getötet. Am kaiserlichen Hof in Wien spielten die Grafen und Fürsten Khevenhüller eine große Rolle; Ludwig van Beethoven hat im Palais Khevenhüller in Wien wiederholt konzertiert und der fürstlichen Familie, die zu seinen Gönnern zählte, eine Sonate gewidmet.

Im Jahre 1953 traten die Fürsten v. Khevenhüller in ein verwandtschaftliches Verhältnis zum bayerischen Königshaus, als die Tochter des jetzigen Fürsten Franz, Gräfin Helene Khevenhüller, auf Burg Hochosterwitz den Prinzen Konstantin von Bayern, Sohn des Deutschen Botschafters Prinzen Dr. Adalbert von Bayern heiratete. Die Trauung fand in der Burgkirche auf Hochosterwitz statt, das Hochzeitsmahl in der großen Halle der Burg. In der Nachkriegszeit gingen der fürstlichen Familie Khevenhüller, den „Freiherrn von Landskron, den Herren von Aichlberg zu Frankenburg, Hochosterwitz und Karlsberg“, die in Böhmen und Ungarn gelegenen Güter und Schlösser verloren. Das stolze Renaissanceschloß der Khevenhüller in Villach mit seinem prachtvollen Arkadenhof, zuletzt als Rathaus verwendet, wurde ein Opfer des Luftkrieges; erhalten blieben dagegen die vielen prunkvollen Grabdenkmäler der Khevenhüller in der Villacher Stadtpfarrkirche. Die stilvolle Burggaststätte wird vom jetzigen Fürsten in eigener Regie betrieben, die Bedienungen sind als Burgfräuleins gekleidet. Tausende von Fremden aus aller Herren Länder sind das Jahr über auf Burg Hochosterwitz zu Gast. Sie ist ein Anziehungspunkt des österreichischen Fremdenverkehrs ersten Ranges.

In der Khevenhüller’schen Urheimat zu Kevenhüll bei Beilngries erkennt man beim Betrachten des jetzigen Gotteshauses, das 1739 mit Benutzung des uralten quadratischen Turmchores neu aufgeführt und 1752 geweiht wurde, noch den ursprünglichen Burgcharakter, nicht nur im genannten frühmittelalterlichen Turmchor, sondern auch in der einstigen Befestigungsanlage unweit des ehemaligen Karners. Einige Quellen besagen, daß die sog. Ritterkapelle (Turmkapelle) in Kevenhüll von den Rittern v. Kevenhüll schon im 12. Jahrhundert erbaut worden sei. Zu Beginn des 15. Jahrhunderts hat man anstelle der romanischen Burgkirche ein gotisches Gotteshaus gesetzt, das 1739 dem jetzigen Neubau weichen mußte. Eine Ansicht der Kevenhüller Pfarrkirche befindet sich in dem genealogischen Werk über „Die Khevenhüller“ von Bernhard Czerwenka, das 1867 in Wien erschienen ist.


© August Sieghardt

Plünderungen im Theuerner Pfarrhof

Schlagwörter

, , ,

Die Franzosen im Theuerner Pfarrhof

Von A. Dollacker

Als die französische Armee unter Jourdan im August 1796 von Nürnberg her die Österreicher an die Naab zurücktrieb, gingen ihr wegen massenhaft begangener Greueltaten und Plünderungen, Angst und Schrecken voran und es flüchteten bei ihrem Vorrücken wie anderswo so auch in Theuern fast alle Ortsbewohner in die Wälder. Auch der dortige Hofmarksverwalter Warmuth, der nach Dienstvorschrift eigentlich hätte ausharren sollen, nahm rechtzeitig Reißaus und ließ sich über 14 Tage nicht mehr sehen, bis der Feind verschwunden war. Der Hofmarksherr Frhr. v. Lochner, der sich auf seinem Theuerner Schloß überhaupt nur vorübergehend aufzuhalten pflegte, hatte sich und seine Familie selbstverständlich schon längst in Sicherheit gebracht.

Deshalb fanden die französischen Reiter, die zuerst in das Dorf kamen und zunächst das Schloß aufsuchten dieses von der Herrschaft und dem Verwalter verlassen vor. Das brachte sie in Wut und sie drangen in den Pfarrhof ein, wo sie dem pflichtbewußt dagebliebenen Pfarrer Linhard deswegen heftige Vorwürfe machten und drohten, zur Strafe Kirche und Schloß in Brand zu stecken.

„Ich zittere“, schreibt der Genannte darüber später, „beinahe jetzt noch, wenn ich mich in die Lage zurückdenke, in der ich mich damals befand. Ich bat, ich flehte ich hörte nicht auf die Erzürnten zu beschwören, von ihrem Vorhaben abzusehen. Sechsmal sollte ich das erste Opfer werden. Die Säbel wurden über mich hingeschwungen, auf die Brust gestoßen, die gespannten Gewehre zum Losdrücken bereitgehalten, ich hatte sechsmal wahre Todesangst auszustehen, bis ich es endlich dahin brachte, das nichts geschah, was das Elend noch größer gemacht hätte.“

Während ein Teil der Franzosen den Pfarrer mißhandelte, raubte der andere Teil im Pfarrhof was ihm in die Hände kam, und ebenso machten sie es nachher im Schloß und im übrigen Dorf.

In den folgenden Tagen wurde das Plündern durch nachkommende Truppen fortgesetzt. Besonders schwer hatte darunter der Pfarrherr Linhard zu leiden, der  nach seiner glaubhaften Aussage einen Schaden von 600 fl. erlitt. Er sagte schließlich – wohl in seiner Verzweiflung – einem plündernden Offizier, daß er außer einem der Kirche gehörigen Kelch, nichts wertvolles mehr besitze. Hierauf verlangte dieser natürlich sofort den Kelch und ließ sich nur dadurch abfinden, daß ihm 60 Gulden von den versteckt gehaltenen Kirchengeldern gereicht wurden. Erst nach zwei Wochen befreite das Wiedervordringen der Österreichischen Armee Theuern von den Plünderern.

Da Pfarrer Linhard mit der Hofmarksherrschaft verfeindet war, so benützte diese ihr damaliges Aufsichtsrecht über das örtliche Kirchenvermögen dazu, die Geschichte vom Kelch der Regierung in Amberg und zugleich anzufragen, ob, ob er nicht wegen der gegenüber dem französischen Offizier begangenen Unvorsichtigkeit den Schaden der Kirche zu ersetzen habe.

Er wurde daraufhin von der Regierung zur Verantwortung gezogen, wobei er sich damit entschuldigte, daß der Kelch von einem Franzosen ausgespäht worden sei und mit Recht über den ihm zuteil gewordenen Undank klagt, indem er durch des Verwalters Flucht Preisgegebene unter Daransetzung seines Lebens und seines Vermögens zu retten gesucht habe, zugleich aber stellte er – den Spieß geschickt umdrehend – der Regierung anheim, den Theuerner Hofmarksverwalter zum Ersatz des nicht bloß der Kirche sondern auch ihm und den Untertanen durch Plündern erwachsenen Schadens anzuhalten, weil er schändlich geflohen sei statt daheim zu bleiben und, wie dies zum Beispiel der Hofmarksherr im benachbarten Ebermannsdorf getan habe, von den Franzosen Sauvegarde (Schutzwache) zu erkaufen.

Kurz darauf starb Pfarrer Linhard und nun wurde seinen Erben vom Nachlasse der Betrag von 60 Gulden bis zur Erledigung der Frage der Ersatzpflicht vorenthalten; allein in der Folge trat auch eine Änderung in der Person des Hofmarksverwalters zu Theuern ein und nun stand seine Herrschaft von ihrem unbilligen verlangen ab, sodaß den Linhardschen Hinterbliebenen von ihrer Erbschaft nichts entging.


(Nach dem Regierungsakt Nr. 4531 des Amberger Staatsarchivs)

(Die Oberpfalz, 1925)

morbus hungaricus

Schlagwörter

, , ,

Die ungarische Krankheit

Ungarische Krankheit, morbus hungaricus, hieß jene Seuche, die 1566 aus dem Lager bei Komorn in Ungarn nach Deutschland verschleppt wurde. Die mangelhafte Gesundheitspflege im Lager, die schlechten Unterkünfte in den Städten, die ungenügende Verpflegung des Heeres, die nachlässige Pflege in den Spitälern, vor allem aber das schlechte Trinkwasser aus den Sümpfen der oberungarischen Ebene trugen zur Ausbreitung dieser Lagerseuche bei. Kurpfuscher und Gesundbeterinnen, unwissende Feldscherer und Bader, hilflose Heereschirurgen trugen das übrige bei, um das Los der Kranken noch zu verschlimmern. So griff die ungarische Krankheit unter den vereinigten Hilfstruppen Kaiser Maximilians des Zweiten immer mehr um sich, sodaß ein Zeitgenosse mit Recht sagen konnte: „Ungerland ist der Teutschen Kirchhof.“ Das Wesen der Ungarischen Krankheit ist heute klar erkannt. Es war nach Dr. Tiberius von Györy das Fleckfieber.

Györi

Die ersten Orte in die der Krankheitskeim drang waren Wien und Regensburg. Die Ärzte konnten beobachten, daß sich die Krankheit durch Verschleppung milderte, und daß die Behandlung durch diesen Umstand nicht aussichtslos wurde, Immerhin gab es aber in den Städten der Oberpfalz noch Verluste genug. In Amberg fielen ihr zahlreiche Bewohner zum Opfer; noch 1607 klagten die Stadtärzte, daß die Ungarische Sucht weiter um sich greife. Im dreißigjährigen Krieg wurde die Seuche durch die Soldaten immer weiter in die Bevölkerung der Oberpfalz hineingetragen. Die oberpfälzischen Ärzte, wie Rumelius, Martin Ruland und Oberndorffer suchten mit größtem Berufseifer die Krankheit zu erforschen und zu bekämpfen. Es fielen ihnen die „seltsamen Malflecken“ auf, welche die Krankheit hervorrief , und das pestartige Vorwärtsdringen dieses Faulfiebers. Unreines Trinkwasser in Haus und Hof erkannten die Ärzte als den Hauptherd der Seuche. Eine neue Krankheit sei das Ungarische Fieber nicht, meinte Ruland, denn jeder Bauer kannte dieses Übel schon längst. Die Arzneibehandlung war sehr sorgfältig und vielgestaltig. Aderlaß, Schweiß- und harntreibende Mittel, Latwerge und Brechpulver, Umschläge mit geriebenen Rettich usw.

In Regensburg wirkte mit besonderem Glück der Stadtarzt Martin Ruland. Er bekennt in seiner Schrift De morbo ungarico vom Jahr 1610, daß ihm alle Stände nachgetrauert hätten, als er als kaiserlicher Leibarzt nach Prag berufen worden sei. Seinem Gegner Oberndorffer wirft er vor, daß ihm viele Kranke durch nicht sachgemäße Behandlung verschieden seien (animam excacaverint!*) z. B. Sulphureus, Moroldus, Portner, Speidler, Prasebius  und unzählige andere. Der fürstbischöfliche Leibarzt Oberndorffer  widersprach in seiner Schrift der Behandlungsweise Rulands, und ein junger Arzt aus Regensburg namens Giechtl arbeitete eine Schrift über die Ungarische Krankheit aus, worin ganz im Oberndorfferschen Geiste über das Heilverfahren Rulands abfällig. Ruland schrieb sehr derb über diesen „Gelbschnabel“ Giechtl und verwies selbstbewußt auf seine Heilerfolge. In seinem Buch von 1610 führt Ruland eine Anzahl Krankengeschichten auf, die nicht allein wegen der Ausbreitung der Ungarischen Krankheit in Regensburg und Umgebung wissenswert sind, sondern auch Familiengeschichtliche Hinweise bieten. Einige Fälle von Ungarischen Fieber seien hier wiedergegeben.

morbus hungaricus

Im Jahre 1597 brachte der Schreiber Pottinger aus Neuburg das Ungarische Fieber aus dem Kriegslager von Ungarn nach Regensburg. Ruland heilte den 24-jährigen Mann. Ebenso erfolgreich behandelte er 1595 einen Reitburschen des Herrn von Reitzenstein. 1596 rief man Ruland zu einem fettleibigen Maler „in der Grieb“; mit Mühe aber doch erfolgreich, genas dieser trinkfeste Mann; denn er begehrte schon nach dem ersten Besuch nach Weißbier. 1599 erkranke nach längerem Weinzechen mit guten Freunden der Pfarrer von Obermünster. Ruland mußte zuerst die Verlegung des Kranken aus dessen dumpfer Stube neben dem Friedhof in ein freundlicheres Gemach anordnen. Während des Reichstags 1594 genas unter Rulands Händen der 30jährige Herr von Fugger vom Ungarischen Fieber. Nach nutzlosem Überbeten durch alte Weiber begab sich die Frau des Gastwirts Herele aus Mintraching in Rulands Behandlung; er rettete die schwerkranke Frau. Der Abt von St. Emmeram erbat Rulands Hilfe für den Klosterdiener Seyler; das Fieber brachte Seyler aus seiner Heimat mit, wo gegen 100 Menschen daran gelitten haben. Schlimm rückfällig wurde die achtzehnjährige Tochter des bayerischen Zolleinnehmers in Regensburg, denn sie ließ sich nach einigen Tagen von ihren Freundinnen zu Obst- und Weingenuß verleiten; mit Mühe kam sie mit dem Leben davon. Mit Erfolg behandelte Ruland auch den Müller Lorenz Sperle von Schirling, der nach acht Krankheitstagen nach ihm schickte, nach Rulands Beobachtung sollte besonders übermäßiger Bier- und Weingenuss den Krankheitsausbruch forciert haben. So fiel unter anderem 1596 der Bader Nußschaler nach einem Weinrausch ins Ungarische Fieber. Beim Durchzug durch Regensburg erkrankte 1595 der Augsburger Bürger Seyer; er gab an, sich das Fieber im ungarischen Lager geholt zu haben. 1595 befiel die Ungarische Seuche die verwitwete Tochter des Sternkundigen Kandler sie erholte sich bald unter Rulands sorgfältiger Behandlung. Im gleichen Jahr erkrankte die Wirtin zum Fuchsen mit ihrem achtjährigen Sohn. Durch Rulands Behandlung wurde beide nach  14 Tagen gesund. Desgleichen genasen vom Fieber 1595 der Bierbrauer Fischer von Regensburg und 1594 die Bürgermeistersfrau Glaser von Regensburg. In seinem Bürgerquartier befiel den hanseatischen Assessor Onacker während des Reichstags 1594 die Seuche. Seine Erkrankung verursachten übermäßiger Alkoholgenuß und Unsauberkeit, die die Hofbediensteten in seinem Quartier verursachten das Ungarische Fieber verbreitete sich 1594 durch die vielen Gäste und die Enge und Unsauberkeit der Herbergen immer mehr. So erfaßte die Krankheit die junge Schwägerin des Kaufmanns Hermannseder, den Regensburger Bürger Adam Wild, die zehnjährige Tochter des kaiserlichen Vizekanzlers Freymann und die drei Töchter der armen Verdingerin Anna Stengel. Auch Martin Rulands Braut Benigna erkrankte. In ihrem Hause war der Kurfürst Ernst von Köln zur Herberge. Die künftigen Schwiegereltern mußten sich in ihrer Wohnung sehr einschränken und sich den Gestank und den Schmutz, den die Hofleute ins Haus brachten gefallen lassen. Wegen dieser unhygienischen Zustände und nach dem Genuß von Teichfischen erkrankte seine Braut am Fieber. Nach ihrer Gesundung war sie entstellt, glich einer Leiche und war ihres Haarschmuckes beraubt. 1594 brach die Seuche wieder beim Bürgermeister Glaser in Regenstauf aus. Sie hatte den sechzigjährigen Bürgermeister ergriffen, seine siebzehnjährige Tochter und den dreizehnjährigen Schenkburschen. Soldaten, die aus Ungarn kamen und im Gasthaus Glasers eingekehrt waren, hatten die Krankheit eingeschleppt. Rulands Kunst rettete die drei Schwerkranken. 1594 ließ der Stricker Mulperger den Arzt Ruland zu seiner todkranke Frau rufen. Der Mann und seine Kinder weinten bitterlich und baten um Rulands Hilfe. Da sich alle willig seinen ärztlichen Anordnungen fügten, genas die Frau innerhalb acht Tagen.

1595 heilte Ruland das Fräulein Agnes Weißbrunner, sie überstand glücklich ein sehr schweres Fieber mit zahllosen bleifarbenen Makeln. Um diese Zeit behandelte Ruland mit Erfolg auch einen Geistlichen von Eilsbrunn.

Im Jahre 1598 scheint die Ungarische Krankheit von neuem heftig ausgebrochen zu sein. Wilhelm Geberhard aus Pfreimd, der bei Verwandten in Regensburg weilte, wurde nach reichlichem Alkoholgenuß vom Ungarischen Fieber erfaßt. Der 26jährige wollte jedoch lieber Durst leiden, als Rulands süße Heiltränke einzunehmen; solche Feinschmecker sind die Bayern, meinte Ruland. Wider Erwarten genas der kräftige junge Mann. Der Kaufmann Bayer aus Regensburg lag 1598 an dr Seuche so schwer danieder, daß Ruland seinen Tod voraussagte; mit Rulands Beihilfe wurde er jedoch wieder gesund. Im gleichen Jahr wurde der praefectus Zeller von Breitenbrunn durch Verwandte angesteckt; vielleicht trug nach Rulands Ansicht der Genuß von dickem und satzigem Biere zu diesem Krankheitsausbruch bei; Zeiler erholte sich nach einigen Wochen wieder. Hoffnungslos erkrankte 1598 Frau Clausius aus Regensburg, mit der Ruland verschwägert war. Die junge Frau übertrug durch ihre Liebkosungen die Seuche auf ihr vierjähriges Töchterchen. Mutter und Kind wurden durch Rulands Heilkunst gerettet.

Das Erschütterndste, das Ruland 1598 während seiner ärztlichen Tätigkeit erlebte, war das Wüten der Ungarischen Seuche in Herrnried bei Parsberg. Am 22. April 1598 berief in der Schloßherr Probst dorthin. Die Seuche herrschte so arg, daß das ganze Schloß und die Nachbarschaft von ihr befallen war. Auch Gäste, die nur kurz in Herrnried verweilten, fielen ihr zum Opfer. So starb nach zweitägigem Aufenthalt die Schwester des Schloßbesitzers Probst; sie war wohlbehalten von Lengenfeld abgereist. Als Ruland in Herrnried ankam, konnte sich seiner niemand annehmen, da alle krank waren. Die Schloßherrin war als Leiche aufgebahrt. Der Schloßherr war bedenklich erkrankt und besinnungslos. Die Arzneien verabreichte Ruland mit Wasser aus Regensburg; denn das Hüllenwasser von Herrnried barg ja den Krankheitsherd. Die gleiche Ansteckungsgefahr suchte Ruland dort auch im Bier, welches dort mit Hüllenwasser gebraut wurde. Rulands ärztlicher Kunst gelang es, den Schloßbesitzer wieder gesund zu machen.

Auch im 17. Jahrhundert kamen verschiedene Fälle von Fleckfieber vor, die Ruland alle mit Glück heilen konnte. 1601 erkrankte nach übermäßigem Biergenuß der Bierbrauerssohn Bernhard Fischer aus Regensburg. In Haselbach heilte er 1602 Georg Schad, Herrn von Mittelbiberach. 1603 behandelte Ruland die edle Witfrau von Preysing, eine Schwester des Landrichters Hund von Straubing; in Regensburg vertraute sich im gleichen Jahre während des Reichstags der Kaufmann Andreas Arzoni seiner Heilkunst an. 1603 erkrankte an Fieber Rulands Gevatter der Rat Simplizius Wild, übermäßiger Weingenuß verursachte bei ihm den Ausbruch der Seuche. Auch Rulands Bruder Andreas, Arzt in Regensburg erkrankte 1603 an der Ungarischen Seuche und ließ sich von seinem Bruder Martin behandeln. Leider traute er sich zuviel zu; nach 23 Tagen ging er an die kalte Luft, aß Obst und trank kaltes Wasser, alles wider den ärztlichen Vorschriften seines Bruders. Sein Zustand verschlimmerte sich von neuem, auch litt der Kranke unter der Zurückhaltung der Körperausscheidungen weil seine Frau Ekel empfand. Martin Ruland machte ihr deshalb Vorwürfe worauf ihn seine Schwägerin mit Unhöflichkeiten überschüttete. Sie rief einen anderen Arzt und als Andreas Ruland genas, schrieb sie es der Kunst des zweiten Arztes und dessen Heilbehandlung zu.

1604 gelang es Ruland zwei durchziehende Jahrmarktskaufleute von ihrem schweren Fleckfieber zu heilen. Auch seine Magd erkrankte 1604; sie wies die ärztlichen Mittel zurück aber Rulands Gattin pflegte sie sorgfältig nach Rulands Anweisungen, daß das Mädchen bald wieder zu Kräften kam.

Rulands wirksame Behandlung zu bewundern, hatte der Hofmeister des jungen Herrn von Diefenbach und sein Gastgeber der Bürger und Rat Perger von Regensburg, Gelegenheit, als der junge Herr sich 1606 überraschend schnell vom schweren Fleckfieber gesundete. Zur selben Zeit erholte sich auch nach Rulands sicherem Heilverfahren der 13jährige Sohn der Witwe Ködlin von Regensburg.

Im Jahr 1608 treffen wir Martin Ruland als Kaiserlichen Leibarzt in Prag an. Dort setzte er seine ruhmvolle Bekämpfung der Ungarischen Krankheit fort. Doch verschwindet in diesen Zeiten die Bezeichnung Ungarische Krankheit allmählich; man nannte sie fortan Friesel, Pestfieber, Hauptweh, alles nur neue Bezeichnungen für längst bekannte Krankheiten, wie Ruland feststellte

***

 

Hans Ulrich Schaffgotsch

Schlagwörter

, , , ,

Von Ernst Reinhold Hauschka

Am 25. Februar 1634, gegen zehn Uhr abends, wurde Albrecht von Wallenstein, Herzog von Friedland, Generalissimus seiner Kaiserlichen Majestät, in Eger ermordet.

Noch drei Jahrhunderte später diskutieren Geschichtsschreiber darüber, ob der Friedländer seinen Kaiser treulos verraten hat oder ob er das Opfer von Neidern und Verleumdern geworden ist.

Welche gewaltige Anziehungskraft er ausstrahlte, wie mächtig er seinen Willen Anderen aufzwang und wie schwer es war, sich aus seinem Banne zu lösen, zeigt das Schicksal eines Mannes, der sich arglos ihm verbunden hatte. Er sollte, als Wallenstein längst tot war, dafür einen hohen Preis bezahlen. Es ist der schlesische Freiherr Hans Ulrich von Schaffgotsch. Und das ist die denkwürdige Geschichte seines Lebens:

Das Geschlecht der Schaffgotsch besaß seit dem 14. Jahrhundert ausgedehnte Güter und Ländereien am Nordrande des Riesengebirges. 92 Ortschaften, Hammerwerke, Mühlen und ein Zinnbergwerk waren ihm eigen. Holz, Getreide und Fische gab es in Fülle.

So wuchs Hans Ulrich, der am 28. August 1595 auf Schloß Greiffenstein geboren wurde, inmitten von ruhmreichen Erinnerungen eines altehrwürdigen Hauses auf. Schon früh hörte er von den vortrefflichen Kriegstaten seiner Ahnen erzählen! In der wohlausstaffierten Rüstkammer hing ein Schwert, zu dem der Junge oft hinaufgeschaut hat. Im „Rundel am Heft“ standen die Worte eingegraben, die ihm als Verpflichtung erscheinen mußten, auch sein Leben dem edlen Rittertum zu weihen:

Anno Christi 1488 hat Herr Ulrich Schaffgotsch mit diesem Schwerte die Ritterschaft gewonnen uf der Bonlitzschen Heyde.

Mit sechs Jahren verlor Hans Ulrich seinen Vater. Mit 14 zog er hinaus, um an den Universitäten in Tübingen, Altdorf und Leipzig zu studieren. Als 16 jähriger bereiste er ganz Europa.

In seinem 19. Lebensjahr kehrte er als vollendeter Kavalier und Edelmann, befreundet mit Gelehrten seiner Zeit und der Kenntnis von vier Sprachen mächtig, in seine schlesische Heimat zurück und nahm die Huldigung seiner Untertanen entgegen. Als freundlicher, lebensfroher und allseits beliebter Landesherr, verwöhnt durch glückliche Lebensumstände, wußte er gar wohl zu regieren.

Mitten in Turniere, Ritterspiele und Ringelrennen hinein platzte die Kunde vom Beginn des Krieges. Man schrieb das Jahr 1618. Wie ein Feuerbrand breitete sich die Kriegswut nach allen Seiten aus. Der Pulverdampf der österreichischen und der schwedisch-sächsischen Armeen überzog in den kommenden Jahren auch das stille Schlesien.

Schaffgotsch

Hans Ulrich Schaffgotsch

Schaffgotsch trat in den Dienst Albrecht von Wallensteins. Seine Tüchtigkeit als Offizier erregte das Wohlwollen des Kaisers und er erhielt das Recht, sich mit dem Ehrenworte „Semperfrei“ bezeichnen zu dürfen.

Da traf ihn der erste harte Schicksalsschlag. Nach sechsjähriger Ehe erkrankte seine Gemahlin an einem schweren Fieber. Unverzüglich eilte Schaffgotsch aus dem Felde herbei. Als er heimkam, schaufelten die Totengräber bereits das Grab. In ungestümer Verzweiflung übergab der Witwer die Kleider, die er beim Tode seiner Frau getragen hatte, seinen fünf Kindern mit der Erklärung, Stoffe von dieser Farbe niemals wieder tragen zu wollen.

Indessen strebte Wallenstein dem Gipfel seines Ruhms entgegen. „Der abenteuerliche Sohn des Glücks“, wie das Volk ihn nannte, hinterließ Schrecken und Klagen, Furcht und Bestürzung überall, wo er hinkam. Auch Schaffgotsch, sein ergebener Offizier, ließ in besetzten Städten requirieren und „in der Furie“ Stadtschreiber aufhängen. Begeisterung für den Feldherrn und persönlicher Ehrgeiz schienen ihm vergessen zu machen, daß er in Schlesien kämpfte, seiner Heimat, daß er seinen Verwandten und Landsleuten gegenüberstand, daß Schlesien den Habsburgern mißtraute und lieber Schweden und Sachsen unterstützte, als sich von dem Friedländer lästige Einquartierungen aufzwingen zu lassen.

Zu Ende des Jahres 1633 wurde Schaffgotsch, der eine steile Karriere hinter sich hatte, und längst den Oberbefehl über die gesamten schlesischen Truppen besaß, zum Unterhändler gegenüber der neutralen Stadt Breslau bestimmt. Der schlaue Wallenstein wollte den schlesischen General gegenüber seinen Landsleuten ins Spiel bringen. Schaffgotsch schrieb daher den Breslauer Ratsherren:

Insonders geliebte Herren und Freunde! Der Herren Ihre Resolution habe ich empfangen und daraus verstanden, daß Sie dem Feindesvolk keine Hilfe mehr leisten und keine Proviant mehr reichen wollen. Die Besatzung bin ich erbietig, mit fliegenden Fandl, Ober- und Untergewehr, Kugel im Mündt, brennenden Lunten und Sackh und Packh abziehen zu lassen.

Die Breslauer hielten sich nur kurze Zeit, ihrem Landsmann zuliebe, an dieses Versprechen. Wenige Wochen später wurde der Pakt gebrochen. Wallenstein setzte daraufhin Schaffgotsch als Befehlshaber über die schlesischen Truppen ab und ernannte General Gallas zu seinem Nachfolger.

Dieser General, den der Historiker Ranke „unübertrefflich in der Verbindung militärischer und diplomatischer Tätigkeit“ nennt, wurde zum Schicksal für beide, die ihn verkannten: Wallenstein und Schaffgotsch. Ein kühler, überlegener Denker, den Besonnenheit und Unbestechlichkeit auszeichneten, stand zwei ahnungslosen Schwärmern gegenüber.

Schon um diese Zeit spielte Gallas ein doppeltes Spiel: Er beobachtete im Auftrage des Kaisers, was Wallenstein tat, und besaß dennoch das uneingeschränkte Vertrauen des Friedländers. Daß er nach dessen Tode zu seinem Nachfolger ernannt wurde, ist nur ein Zeichen seiner imposanten taktischen Geschicklichkeit.

Jetzt nahm das Schicksal rasch seinen Lauf. Im Januar 1634, sechs Wochen vor seiner Ermordung, rief Wallenstein den General Schaffgotsch nach Pilsen. Die Beiden hatten mehrere vertrauliche Unterredungen. Im Verlaufe derer setzte Schaffgotsch ein Schriftstück auf, das sogenannte Memoriale, das ihm später zum Verhängnis werden sollte.

Er wurde in diesem Schriftstück auf folgendes hingewiesen: am Hofe gäbe es eine Partei, welche die Armee zu ruinieren bestrebt sei; nach dem geplanten Friedensschluße sollten sämtliche Truppen unter Wallenstein vereinigt werden.

Schaffgotsch war der einzige Offizier, der aus Schlesien herbeigerufen worden war. Sein Vorgesetzter Gallas fehlte. Das hätte ihn mißtrauisch stimmen können, allein — es schmeichelte ihm, von seinem Herzog in das engste Vertrauen gezogen zu werden. Die treuesten Verbündeten Wallensteins, die später mit ihm am gleichen Abend ermordet wurden, die Generale Ilow und Terzka, bildeten seinen Umgang. Mit ihnen waren 49 Offiziere anwesend.

Anläßlich eines Gastmahls, bei dem es hoch herging, entschlossen sich diese Offiziere „nach gehabtem starken Trünke“ folgenden Revers zu unterschreiben:

Die Offiziere verpflichten sich statt eines körperlichen Eides, bei Ihrer Fürstlichen Gnaden, der einzigen Hoffnung der Armee, ohne die sie ins Verderben gerät, ehrbar und treu auszuhalten, solange seine Fürstliche Gnaden in Ihro Majestät Dienste verbleiben werden. Sie wollen sich auf keine Weise von Ihrer Fürstlichen Gnaden trennen oder trennen lassen und für Sie alles bis zum letzten Blutstropfen einsetzen.

Es kam dabei zu Wortwechseln und Drohungen, aus dem Fenster zu werfen, wer nicht unterschreibe. Die Unterschrift von Schaffgotsch befand sich in der ersten Zeile an dritter Stelle, hinter der des General Ilow.

Der Friedländer trug Schaffgotsch auf, bei seiner Rückkehr nach Schlesien den General Gallas aufzusuchen und ihm mitzuteilen, daß er nunmehr von Schaffgotsch abgelöst sei. Der Freiherr triumphierte. Jetzt hatte er endlich dem Herzog zeigen können, was er wert war!

Außerdem befahl Wallenstein, er solle eines von den Originalen, welches die Offiziere in Pilsen unterzeichnet hatte, mit nach Schlesien nehmen und dort seinen Offizieren zur Unterschrift vorlegen. Auch dieser Wunsch bestätigte des bevorzugte Vertrauen, das der Herzog in ihn setzte.

Ehe er abreiste, suchte er den General Piccolomini auf. Dieser hatte zwar ebenfalls unterzeichnet, war aber im Bunde mit Gallas. Er bat Schaffgotsch um einen Gefallen. Hilfsbereit wie jener war, erfüllte er sie gern und nahm ein Schreiben an Gallas aus der Hand von Piccolomini mit auf die Reise.

Um die Zeit als Schaffgotsch bei Gallas eintraf, arbeitete man in Wien bereits an dem Absetzungspatent für Wallenstein. Gallas nahm das Schreiben entgegen und las es. Dann eröffnete er Schaffgotsch, es stünde darin, daß nicht er, sondern Colloredo, ein verschlagener, tückischer Offizier, den Oberbefehl über das schlesische Heer erhalten solle. So hätte es ihm Piccolomini mitgeteilt.

Schaffgotsch war bestürzt. Das also wurde hinter dem Rücken seines geliebten Herzogs gespielt! Empört und enttäuscht meinte er, gerade jetzt dem Friedländer weiterhin die Treue halten zu müssen.

Er fügte sich zwar der Weisung von Gallas, doch er verstand die Welt nicht mehr. Er hielt es nicht für möglich, daß es Menschen geben konnte, die nicht so aufrichtig dachten wie er. Er wollte Klarheit über die politischen Vorgänge, die er nicht begriff. Er wollte sich mit jemandem aussprechen.

Er sprach sich aus. Gegenüber Gallas. Erzählte ihm alle Vorgänge von Pilsen. Gallas hörte zu und schwieg. Schließlich begehrte er das Schriftstück zu sehen, das die Offiziere unterzeichnet hatten. Auch das breitete Schaffgotsch unbekümmert vor ihm aus. Gallas dankte. Er wußte nun alles. In seinen Augen war Schaffgotsch schon jetzt ein verlorener Mann, dem nicht mehr zu helfen war.

Die kommenden Wochen waren für Schaffgotsch furchtbar. Er wußte nicht, was er tun sollte. Colloredo ging inzwischen hart gegen die Breslauer vor und bezeichnete das frühere milde Vorgehen von Schaffgotsch als Hochverrat. Selbst Wallenstein wurde diese Deutung unterbreitet und auch er schien sich nunmehr endgültig von Schaffgotsch abzuwenden — als einem Mann, den man wohl brauchen, nicht aber vertrauen könne. Gallas, der von nun an immer in der Nähe des Friedländers weilte, mag zu dieser Meinungsbildung beigetragen haben.

Da erhielt der von Sorgen und Gewissensnöten geplagte General einen Befehl aus Pilsen:

Es wird allen Kommandanten und Offizieren befohlen, keine Order vom kaiserlichen Hofe aus anzunehmen, oder einer solchen zu parieren.

Auch darin, so sagte Schaffgotsch später aus, konnte er nichts ehrenrühriges gegen den Kaiser sehen. Der Kaiser war nur schlecht beraten, davor wollte der Friedländer die Armee bewahren! Dennoch wurde er jetzt unschlüssig.

Das Warten zermürbte seine Nerven. Hier stand etwas vor ihm, das man nicht mit dem Schwerte zerschlagen konnte. Seine Lage erschien ausweglos: Mit seinen Landsleuten hatte er gebrochen, seine Kinder konnten ihm keinen Rat geben, Freunde besaß er nicht mehr, seine Mitoffiziere waren ihm gegenüber mißtrauisch, der Herzog schien auf gefährlichem Wege und der Kaiser war weit.

In seiner späteren Rechtfertigung faßte er die Lage so zusammen:

Wider Ihre Majestät habe ich nichts tun wollen und den Friedländer habe ich fürchten müssen.

Und er meinte, daß alle die gleiche Schuld treffen müsse:

Sie alle haben dies, so er mir befohlen, gewußt und vollziehen helfen. Was habe ich allein für eine Entschuldigung brauchen können, seinem Befehl nicht nachzukommen? Ich wünsche den zu sehen, der mit Fundament mir weisen kann, wie ich damalig gestalten Sachen und Zuständ nach es ändern können oder ein besseres Mittel finden mögen.

 Schaffgotsch verschanzte sich hinter Lügen. Er berichtete weiter nach Pilsen und korrespondierte heftig mit Terzka, als wäre er der treueste Anhänger des Friedländers, als führte er alle Befehle aus. In Wirklichkeit tat er es nicht. Er wartete und wartete, was morgen geschehen würde. Er hoffte auf einen plötzlichen Umschwung der Lage, so oder so.

Terzka drängte von Pilsen aus, er müsse endlich das Schriftstück von seinen Offizieren unterzeichnen lassen. Schaffgotsch trug es wochenlang mit sich herum, um Zeit zu gewinnen.

Zwei Tage, ehe Wallenstein ermordet wurde, entschloß er sich zu einem Schreiben an den Friedländer, worin er ihm in übertriebenster Weise seine Ergebenheit zum Ausdruck brachte, seine Regimenter für den Notfall zur Verfügung stellte und seine Bereitwilligkeit erklärte, alles zu tun, was der Herzog wollte. Er schloß den Brief mit der Bemerkung, daß es  jetzt Zeit wäre die Augen aufzutun und nicht zu feiern.

Es war die nackte Angst und Verzweiflung, die ihn dazu trieb, einen Brief zu schreiben, der mehr Lügen als Buchstaben enthielt. Er fürchtete beim Herzog in Ungnade gefallen zu sein und wollte es sich doch auch mit ihm nicht verderben.

Er ahnte nicht, daß es jenem längst um andere Dinge ging, als um den General Schaffgotsch in Schlesien. Aber der Brief war geschrieben und der ihn verfaßt hatte, mußte als Hochverräter gelten. Einen Tag , ehe der Mord zu Eger geschah, wurde Schaffgotsch im Namen seiner kaiserlichen Majestät verhaftet. –

Nicht weniger als sieben Wachtposten standen vor der Tür seines Gefängnisraumes in der Festung Glatz, wohin man Schaffgotsch zunächst gebracht hatte. Auf seine Bitten hin wurde er einige  Wochen später nach Wien transportiert.

Indessen waren auch andere Offiziere, die man der Teilnahme an der Verschwörung  bezichtigte, festgenommen worden. Da sie nach Pilsen gebracht wurden, mußte auch Schaffgotsch Wien wieder verlassen.

Als Pilsen schließlich durch Kriegswirren bedroht schien, wurden die Gefangenen nach Budweis geleitet. Sie durften dort Bankette geben, Gastmähler halten und bei fröhlicher Musik Tanz und Geselligkeit pflegen. Als Schaffgotsch von seinem schlesischen Sekretär 2 bis 3 000 Reichsthaler auf Wechsel einforderte, schloß er den Brief mit den Worten:

Ich hoffe, Gott wird nach den trüben Wolken wieder seinen Sonnenschein geben.

Im Februar 1635, ein Jahr nach der Ermordung des Friedländers, wurden die  Angeklagten donauaufwärts zu Schiff nach Regensburg gebracht.

Ein Kriegsgericht sollte über sie das Urteil sprechen. Vorsitzender war ein Offizier, der jahrelang Schaffgotsch gedient hatte: Feldmarschall-Leutnant Götz. Der Kaiser legte Wert darauf, daß gründlich untersucht und absolut gerecht geurteilt werde.

Schaffgotsch wurde vorgeworfen:

Er sei willens gewesen, die in Schlesien gelegenen kaiserlichen Truppen mit der Armee des Feindes und des Friedländers zu vereinigen; er habe den Offizieren befohlen, keine Ordonanz vom kaiserlichen Hofe anzunehmen; er habe den meuterischen Schluß zu Pilsen machen helfen; er habe dem Friedländer überall als Mithelfer angehangen,dem Kaiser aber von nichts Meldung getan.

Der Angeklagte wollte bei seiner Verteidigung die Unwahrheiten, die er nach Pilsen geschrieben hatte, nicht eingestehen. Er verwickelte sich dabei in peinliche Widersprüche.

Er schämte sich seines unritterlichen Tuns und brachte sich dadurch in noch größere Schwierigkeiten. Die Notlage, in der er sich befand, konnte nicht bestritten werden: Ihro Majestät müssen ihr die Schuld zumessen, und nit einem treuen Diener schrieb er verzweifelt nieder.

Das Gericht sah jedoch weniger die mangelnde politische Klugheit des Angeklagten, als dessen nahe und vertraute Beziehung zu dem Friedländer. Deshalb wurde schon am 31. März das Urteil gesprochen:

Nach reiflicher Erwägung aller Umstände wird für Recht erkannt, daß Beklagter wegen seiner Adhärenz mit dem Friedländer freventlich gebandelt bat. Dannhero Ihrer Kaiserlichen Majestät mit Ehr, Leib und Gut heimgefallen, wird dem Meineidigen die rechte Hand abgehauen und der Meutemacher, Verräter und Beleidiger Seiner Kaiserlichen Majestät mit dem Schwert vom Leben zum Tode hingerichtet

.Noch immer hoffte Schaffgotsch, der davon nichts wußte, daß der Kaiser seine treuen Dienste gebürtig honorieren würde. Abermals wurden die Beschuldigungen in Wien sorgfältig geprüft. Noch einmal wurden die Verdachtsmomente als unzureichend zurückgewiesen. Da erwog man die Tortur, die als Mittel zur Wahrheitsfindung in jener Zeit allgemein anerkannt war.

Die fünf Mitangeklagten sollten ebenfalls in Regensburg der Tortur unterzogen werden. Das Gericht berief sich jedoch darauf, daß ihre Fälle zu schwierig wären und überwies sie an das Hofgericht nach Wien. Diese Maßnahme war deren Rettung. Keiner von ihnen wurde zum Tode verurteilt.

Schaffgotsch aber wurde am 4. Juni, abends um zehn Uhr, aus dem Bett geholt. Man führte ihn zur Folterung. Wenn er bis dahin noch gehofft hatte, daß alles gut ausgehen könnte, so mußte er jetzt alle Hoffnung verlieren. Nach der damaligen Anschauung war für einen Gefolterten ein ehrenhaftes Weiterleben so gut wie ausgeschlossen.

Die Tortur begann nicht, wie üblich, mit den Daumenschrauben, sondern mit der Wippe. Arme und Beine wurden zusammengebunden, der Körper mittels eines Winderades in die Höhe gezogen. An den Füßen hingen zwei zentnerschwere Steine.

Die im dunklen Kellergewölbe anwesende Gerichtskommission stellte elf Fragen. Bei jeder Frage wurde der Delinquent mehrmals emporgezogen. Anfangs antwortete Schaffgotsch nur mit „nein‘!, später wurde er konfuser und wollte alles sagen, was er wüßte, hat dann aber doch keinen Laut von sich gegeben.

Nach dreistündiger Folter· renkte der Scharfrichter die übel zugerichteten Gliedmaßen wieder ein. Ein Diener führte den Halbentblößten in sein Zimmer zurück, wo er ausrief: Schau her, wie die Henker mich armen Wurm für meine dem Kaiser geleisteten Dienste zugerichtet haben!

Fast drei Wochen lang war Schaffgotsch des Gebrauches seiner Arme beraubt und mußte sich wie ein Kind füttern lassen, bis die fleißige Anwendung der vom Scharfrichter gelieferten Salben die Arme wieder geschmeidiger machte.

Um den 19. Juli muß Schaffgotsch die Bestätigung seines Todesurteils durch die darüber in Regensburg im Umlauf befindlichen Gerüchte erfahren haben. Jetzt blieben ihm nur noch wenige Stunden.

Am Samstag, den 21. Juli, wurde ihm der Tod verkündet. Schaffgotsch nahm von diesem Zeitpunkt nichts mehr, als nur ein paar in Bier getauchte Bissen zu sich, „um dem Herrn Jesu eine nüchterne Seele heimzubringen“.

Er befahl der Dienerschaft, schwarze Kleidung anzulegen und schwarzes Tuch für das Schafott zu kaufen. Am Sonntag wurde ihm das Abendmahl gereicht. Für Montag früh war die Hinrichtung angesetzt.

Als der Profoß ihn am 23. Juli aus dem Zimmer abholte, bedankte sich Schaffgotsch bei den anwesenden evangelischen Geistlichen für die empfangenen Liebenswürdigkeiten.

Im Treppenhaus erwartete ihn der. gesamte Regensburger Rat mit entblößten Häuptern und erwies ihm eine letzte Reverenz. Schaffgotsch gab jedem einzelnen die Hand. Die Ratsherren bedauerten, daß sie ihm nicht bei anderer Gelegenheit einen Liebesdienst hatten erweisen können.

Sobald er aus dem Hause trat, sah er sich einer unübersehbaren Menge gegenüber.

Frauen weinten, Kinder schauten mit großen Augen. Vornehme Damen, die aus den Fenstern blickten, grüßte Schaffgotsch in seiner ritterlichen Art durch Abnehmen seines modischen Samthutes. „Er ist in dem Wagen gesessen, als wenn er zum Tanze führe“, schrieb ein Augenzeuge.

Vor dem Gasthof „Zum Goldenen Kreuz“ auf dem Haidplatz hielt der Wagen.  Der geräumige Platz ist rings von breiten .Bürgerhäusern mit hohen Giebeln umschlossen.

Hans Ulrich wurde vor das im Hause versammelte Kriegsgericht geleitet, hörte dort die Verlesung des Todesurteils an und vernahm, daß die Abschlagung seiner rechten Hand aus kaiserlicher Gnade unterbleiben werde.

Als er wieder ins Freie trat, erwies ihm die Wache die militärische Ehrenbezeugung.  Erfreut über diese Aufmerksamkeit, beteuerte er nochmals, daß er als treuer Diener des Kaisers sterbe. Jetzt fuhr er zu dem Schafott, mitten auf dem Platze. Rasch stieg Schaffgotsch die Treppe hinan, betete knieend ein Vater unser und setzte sich auf den Schemel. Sein Diener nahm ihm den Halskragen ab, band das Haar in die Höhe und stellte sich beiseite.

Nun trat der schwarz gekleidete Scharfrichter hervor, ließ seinen Mantel fallen, schwang das Schwert – und im Augenblick war der Streich verrichtet. Hoch schoß das Blut. Der Kopf rollte zu Boden. Der Körper blieb auf dem Schemel sitzen, erst durch Umwerfen des Schemels konnte er gelöst werden.

Der Diener nahm den Kopf, küßte ihn und wickelte ihn in ein Tuch. Dann wurden Kopf und Körper in den bereitstehenden Sarg gelegt und weggetragen. In der Wohnung der Diener im Krebsgässel ließ man eine Abbildung des Leichnams anfertigen.

Der Tote wurde in einer Gruft neben der Dreieinigkeitskirche nachts um elf Uhr bei Fackelschein bestattet. Viele Männer und Frauen aus Regensburg nahmen daran teil. Dann wurde das Gewölbe geschlossen und ein kleiner Stein davorgelegt, welchen das Wappen des Freiherrn schmückte: zwei goldene Greife auf blauem Grund. Schaffgotsch war 39 Jahre alt, als er starb.grabstein-schaffgotsch.jpg

Gleich allen anderen Menschen muß auch ich von dieser Welt abscheiden und habe nichts Gewisseres als den Tod, hingegen nichts Ungewisseres als die Stunde des Todes zu gewarten.

So stand es in seinem Testament, das er vier Jahre vor seinem Tode abgefaßt hatte. Sein Wunsch war gewesen, daß sein toter Körper, wo er auch sterben möge, nach Greiffenberg gebracht und dort seinem Stande und Kriegsdienst gemäß beigesetzt werde.

Hatte ihm das Leben viele Wünsche nicht erfüllt, sollte es auch im Tode so bleiben.

Sein ältester Sohn, auf den er viele Hoffnungen gesetzt hatte, vergaß den Vater, den er während der Kriegstage kaum kennengelernt hatte, sehr bald. Er gelangte später, zum katholischen Glauben übergetreten, als Landeshauptmann von Schlesien und kaiserlicher Gesandter in Polen zu höchsten Ehren. Mit dem Goldenen Vließ ausgezeichnet, starb er im betagten Alter von 80 Jahren in Breslau. Er weigerte sich, die Leiche seines Vaters in die Heimat bringen zu lassen. Das Bild des Leichnams hat er, wie es hieß, kaum gewürdigt.

Die einzige Tochter von Schaffgotsch heiratete mit 14 Jahren im Regensburger Dom einen reichen preußischen Landesherrn. Erst ein Jahr vorher hatte man in der gleichen Stadt den Vater hingerichtet.

Nur das Volk erinnerte sich an Schaffgotsch mit herzlicher Anteilnahme. Auf den Jahrmärkten sangen Bänkelsänger die Moritat vom schlesischen Grafen:

Mit vielen Schmerzen, Seufzern und Wehklagen 

muß ich itzunder meine Zeit hintragen,

Von wegen vieler großer Schmerzen, 

Die ich muß leiden drin in meinem Herzen.

 

Die Nachwelt sieht in Schaffgotsch einen Mann, der mehr seinem Handeln aus spontanen Gefühlen, wie Furcht oder Begeisterung, zum Opfer gefallen ist, als der Justiz. Gewiß: Kaiser Ferdinand II. hat ihn verurteilt. Aber hätte ihn nicht Wallenstein ebenso verurteilt, wären dessen Pläne geglückt?

Schaffgotsch konnte seinem Schicksal nicht entrinnen. Daß er arglos war bis in die Tiefe seines Herzens, hat ihn zu Fall gebracht. Die Welt versteht ihn besser, als er jemals die Welt verstanden hat. –

 

 

 

„… zu einer alten gelackten Zigen…“

Schlagwörter

(Grenzbereitung 1581 im Nordgau von Etterzhausen bis Etterzhausen)

Von Dr. Hans Ammon

 230 Markierungspunkte an Steinen, Linden, Eichen, Birken, Fichten, Tannen, Marterln, Bildsäulen und Zigen sind im alten Grenzbereitungsbericht vom April 1581 angegeben, so daß man auch heute diesen Markierungen (und Geländebeschreibungen) nachgehen kann. Der Kenner und Freund des oberpfälzischen Waldes wird dabei die Föhre (Foara) oder Kiefer vermissen, die ihm in so vielen Waldungen und Kleinhölzern begegnet, immer leicht geschürzt, hell und luftig neben den dunklen und scbwermütigen Tannen und Fichten, den mütterlichen Linden, den urväterlichen Eichen, den leichten Birken.

Ja, wo sind unsere Foara damals geblieben?

Nun, dafür findet man eine oder zwei oder drei gelackte Zigen, ein Zigat oder Ziget. Und siehe da! Diese Zige ist die alte Foara oder Kiefer. Die Gebrüder Grimm haben sie säuberlich in ihrem wunderbaren deutschen Wörterbuch vor 100 Jahren angeführt, Friedrich Kluge u. a. haben den Namen Zige zu deuten versucbt (es ist ihnen aber nicht gelungen).

Sie zeigen uns die Zige und das Zigach, das Ziget und Zigat, das Zigicht d. h. die einzelne Föhre und ihre Ansammlung im Wald dort, wo sie herrscht rötlich und freundlich! Die Forscher schreiben dann vom Zigenstra, d. h. von der Föbrennadelstreu, und bekunden uns dafür den alten Namen der sog. langen Streu (weil sie lange liegen kann) im Gegensatz zur kurzen Streu aus Laubholz (das ja leicht verwelkt und verfault). Sie bekunden uns Zigenstaude d. h. die kurze und kleine Föhre, das Zigenholz d. h. den Föhrenwald; sie zeigen uns die Zigennadel d. h. die Föhrennadel, dann das Zigenreis d. h. den jungen Föhrentrieb und das Züchel d. h. die Fruchtzapfen, bei uns im Ansbachischen nennt man das Zühel „es Bockeria“. Diese Zügel oder Bockeria haben ja die Gewohnheit angenommen — so sahen wirs als Kinder an — mit der Luftfeuchtigkeit zu gehen: d. h. war es trocken und sonnig, waren sie weit auf getan. War die Luft feucht oder regnete es, dann zogen sie sich zusammen zu einem kleinen Klumpen.

Wir Waisenkinder mußten das ja sehen und lernen, weil wir in der langen Sommerferienzeit die Wälder rings um Ansbach nach diesen brauchbaren kleinen Brennstoffen absuchen mußten, sammeln, heimfahren in Säcken und auf Handwagen ziehen. Und das taten wir gerne, wenns trocken war und sonnig: da waren die Zühel oder Bockeria weit aufgetan, fast doppelt so groß als sonst bei feucbtem Wetter. Und unsere Schürzen und Säcke waren dann rasch voll, wenn 100 Kinder — geschmeidig und behend — sammeln konnten. Dann waren wir eben eher fertig und wir Lausbuben konnten uns ein wenig um die Obstbäume kümmern an den Landstraßen oder gar am nahen Dorf.

Zurück zum Thema: Die Zige oder Föhre war also auch bei der Grenzbegehung da und wurde, soweit nötig, als „Gesichtspunkt“, als „Markierungsort“ gebraucht. Und wenn sie stark genug war, gab man ihr drei Hiebe mit der Axt und lachte oder lackte sie. Und dieses Lachen und Lacken kommt weder vom Lachen des Menschen noch von seinem künstlichen Lack (wie bei den Lackschuhen der edlen Frauenwelt), sondern von dem alten lateinischen Wort für Einschnitt: lachus. So also fanden die Herren in den Waldungen des Nordgaues die alten gelackten oder gelachten Föhren oder Zigen neben den ebenso gelackten Birken und Fichten, Tannen und Eichen, Buchen und Linden. Und ich möchte wetten, daß so mancher eingeborene Jung- und Oberpfälzer noch heute die Zigen kennt und ihre Zigenstra; denn bekanntlich ist vor allem der Jura an Humus kärglich, aber für die Föhre sehr gut. Und weil man das liebe Vieh nicht einfach so liegen und stehen lassen kann im Stall — heute mags ja anders sein bei modernster Stallung und flüssigem Mist! — aber nicht hohes Weizen- und Roggen- und Haber- und Gerstenstroh ausreichend auf dem kargen Humus, so muß das Laub aus dem Wald (Buchen und Eichen und Linden) und müssen die feinen Nadeln her von Fichte und Tanne und Foara (Zige). Wie oft bin ich im einsamen luftigen Jurawald zwischen Lichteneck und Matzenhof, Heldmannsberg und Betzenberg einsamen Frauen und Mädchen, manchmal auch älteren Männern begegnet, die an besonderen Tagen die Streu oder Stra in den Waldungen zusammenscharrten und sammelten für den Stall und das liebe Vieh! Ja, das waren noch Zeiten! Da ging ich zu Fuß im hohen Sommer zwischen Heuernte und Getreideernte, weil mir die Sonne auf dem offenen Bauernweg (Staatsstraße hatten wir auf 90 qkm nur am Rande!) zu heiß brannte, aber im Föhrenwald, untermischt mit Fichten und Tannen und vor allem Buchen wars einfach herrlich, Fuß vor Fuß zu setzen und zu gehen und zu marschieren mit gesundem Herzen und frohem Sinn. Da sind dann auch viele Gedanken gekommen, in Ruhe und Stille, und man konnte sie sammeln, nacheinander und ordnen. Denn bei 360 Bauernhöfen in 36 Orten auf 90 qkm gibts allerlei zu lernen für einen Mann aus der Stadt, auch wenns der Herr Pforra ist oder Herr Pfarrer oder Herr Lehrer. So entstanden dann auch die Predigten still und lärmlos im Wald und auf der Heide mit der Fülle ihrer menschlichen Beziehungen. Was kann man denn schon auf dem Motorrad denken oder im Auto? Husch — husch! Winke — winke! Und weg ist der Mann im Wagen.

Mein Nachfolger im großen Pfarrgebiete dachte und redete da anders: er redete von Zeitverschwendung auf dem Wege. Da muß ein Auto her und zwar sofort! Der gute Mann hat nie den Wald begangen, kennt nicht Hase und Reh, Fuchs und Dachs, Ameisen und Käfer, Frauenschuh und Maiglöckchen, Erdbeer und Himbeer, Brombeer und Hüfen. Er weiß nichts von der herrlichen Märchenlandschaft des Waldes im Winter und von der raunenden Sommerzeit dort oben. Wir aber, wir Alten, haben das gerne getan und dabei die Leute am Wege, im Wald, am Feld, bei Saat und Jäten, bei Ernte und Graben und Sammeln gesehen und angesprochen. Das war unsere Seelsorge am Wege . . . Was kann man denn im jagenden Auto tun und denken? Wie kann man denn vom Traktor aus mit dem Autopfarrer sprechen und seis nur über Wetter und Vetter, Hinz und Kunz und über die Alten zuhause? Doch Schluß damit! Wir wissen nun die Zige, die gelackte und ungelackte, die  einsame und die im Ziget.

Auch ihr gilt der uralte Segen des Schöpfers vom dritten Schöpfungstag: „Und Gott sprach: Es lasse die Erde aufgehen Gras und Kraut, das sich besame, und fruchtbare Bäume, da ein jeglicher nach seiner Art Frucht trage und habe seinen eigenen Samen bei sich selbst auf Erden. Und es geschah also! Und die Erde ließ aufgehen Gras und Kraut, das sich besamte, ein jegliches nach seiner Art, und Bäume, die da Frucht trugen und ihren eigenen Samen bei sich selbst hatten, ein jeglicher nach seiner Art. Und Gott sah, daß es gut war. Da ward aus Abend und Morgen der dritte Tag.“ — Und wie spricht der Schöpfer und Meister alles Schönen bei der Heimkehr seines Volkes aus fremdem Land? „. . . ich will in der Wüste geben Zedern, Akazien, Myrten und Kiefern (Föhren, Zigen), ich will auf dem Gefilde geben Tannen, Buchen und Buchsbaum miteinander, auf daß man sehe und merke und verstehe zumal, daß des HERRN Hand habe solches getan . . .“. Und damit wollen wir zufrieden und dankbar sein.

______________________________________________

Quelle: Staatsarchiv Amberg, Neuburger Abgabe 1914, Nr. 31.

Literatur: Jakob und Wilhelm Grimm, Deutsches Wörterbuch. — Friedrich Kluge, Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. Berlin 1960 (18. Auflage). — Jesaja 41 (Vers 19 f.) und Genesis 1, 11—13.

Die Pest im Chamer Umland

Schlagwörter

, ,

Von Günther Rinck

Josef Lukas schreibt 1862 in seiner Chronik der Stadt und Pfarrei Cham: Anno 1713 herrschte im bayerischen Walde eine schreckliche Pest, welche in Cham allein den dritten Teil der Einwohner hinraffte. Im Armenhaus starben die Leute ganz verlassen. Als sich wieder einmal ein Mensch hineinwagte, fand er nur Leichen darinnen und ein lebendes Kindlein an der toten Brust seiner Mutter“. Nichts konnte den Schrecken und das Grauen besser kennzeichnen, wie dieser kurze Bericht.

Daß die Pest bereits früher immer wieder ausbrach und Tausende hinwegraffte, ist allgemein bekannt. Auch im Chamer Bezirk war dies so. Genauere Angaben über das Massensterben finden wir jedoch erst aus der Zeit der Schwedenkriege. Mit dem Eindringen der schwedischen Truppen im Spätjahr 1633 flammte auch die Pest wieder von neuem auf. Besonders im darauffolgenden Jahr grassierte die Seuche im hiesigen Bereich außerordentlich stark. 1634 starben in Stallwang vom 1. Januar bis 20. April 128 Menschen. Im April allein waren es 53 Tote, die teils durch die Schweden, größtenteils aber durch die Pest umkamen.

Am 16. Juli 1634 starb die Gerichtsschreibersgattin Maria Jakobe Krauß in Cham, zusammen mit zwei Söhnen und vier Töchtern. Der Pfarrer von Stamsried notierte 1635 in das Pfarrbuch: „Denn als der Schwedenkönig 1634 in die Oberpfalz eindrang verachteten sie, was sie in einigen Jahren in der katholischen Lehre sich erworben hatten, indem sie zur früheren falschen verurteilten Häresie mehr geneigt waren, als zur katholischen Wahrheit. Daher verachteten sie die hl. Sakramente, gingen zugrunde mit der Mehrheit. Endlich auch deshalb, weil unsere Soldaten herumschweifend alle grausam behandelten, so daß zur Unterstützung der Kranken sich niemand mehr von der Stadt auf das Land hinauswagte. Als aber die Pestkrankheit aufhörte und die schreckliche Kriegszeit endete, wurden die Pfarrer vom Bischof von Regensburg beauftragt, alle Verstorbenen aufzuschreiben und zugleich anzugeben, wie viele noch lebten.“

In jenen Jahren kam in der Stadt Cham fast die Hälfte der Bevölkerung ums Leben, größtenteils durch die Pest. In Chammünster erinnert noch heute eine Grabplatte an den Stadtarzt von Cham Johann Salmansperger, gestorben im November 1653, von dem es heißt: „hier und in der Umgebung gegen die schrecklich wütende Pest und anderer grausamer Krankheiten 21 Jahre hindurch glückliche Kuren machte“. Ähnlich hoch wie in Cham war die Sterblichkeit auch in den umliegenden Orten. In Brennberg starben in jenen Jahren 800 Personen, in dem kleinen Frauenzell sogar 200 und in Waldmünchen ebenfalls 200.

Im Jahre 1902 wurde in Sattelbogen auf der nordöstlichen Seite der jetzigen Kirche eine Reihe von Gräbern mit gut erhaltenen Skeletten aufgefunden. Die Toten lagen in willkürlicher Anordnung und ohne jede Beigabe, alle jedoch mit über der Brust gekreuzten Armen. Coop. Schmid, der dies im Jahre 1904 berichtete, war der Annahme, daß es sich um einen Pestfriedhof aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges handelt. Es sei auffallend, daß die Skelette, nicht nach kirchlicher Sitte gegen Osten, sondern an ein und demselben Platz manchmal sogar in entgegengesetzter Richtung nebeneinander liegen.

Das Jahr 1713 war ein ausgesprochenes Pestjahr. Wenn Lukas davon berichtet, daß in Cham allein ein Drittel der Einwohner starb, dann kann man daraus abnehmen, daß es in den umliegenden Orten ähnlich aussah. Aus diesem Jahr datiert die große Verehrung des heiligen Sebastian, des Pestpatrons. Im September des gleichen Jahres mußten zwei Kinder von dem zur Pfarrei Wiesenfelden gehörenden Weiler Bainstraich nach Wetzelsberg übergeführt werden, „weil dort die Pest grassiert und der Weg dorthin gesperrt ist“.

Wenige Jahre später trat die Pest wieder auf. Der „schwarze Tod“ forderte 1740 in Sattelpeilnstein 25 Menschen. Eingeschleppt wurde die Seuche durch Soldaten. In den Jahren 1741 Starben in Sattelpeilnstein 25 und 1742 26 Personen an der Pest, während die Durchschnittszahl der Toten dieser Pfarrei in jener Zeit bei 7-8 Sterbefällen lag.

Ähnlich verhält es sich mit der Pfarrei Loizendorf, die jährlich ca. 30 Sterbefälle zu verzeichnen hatte. Im Jahr 1741 starben 56 und im darauffolgenden Jahr sogar 81 Menschen. In Sattelbogen waren es 1742 allein 10 Tote, die an der Dysenterie (Ruhr) ums Leben kamen. Auch in Schorndorf steigt die Zahl der Toten in jenen Jahren sprungartig an. 1742 sind dort 79 Tote eingetragen, von denen mindestens ein Drittel an der Pest gestorben sind. Die Durchschnittszahl der Pesttoten in der Pfarrei Untertraubenbach betrage 10 Personen.

Große Verdienste um die Pestkranken und um die Toten erwarben sich die Franziskanerpatres von Cham. Sie übernahmen die Bestattung der vielen, zum Teil schon verwesenden Leichen. Im Nekrolog des Klosters heißt es 1742: Die Patres Hofreiter, Sießmayr und Sonnleitner starben „bei der in Cham herrschenden Seuche in Ausübung ihres Berufes angesteckt als Opfer der Nächstenliebe“. Von Pater Chrysanthus Rosa heißt es: „der in Ausübung seines Berufes als ein Opfer des Gehorsams sein Leben einbüßte“.

Totentanz

1771 flammte die Pest wieder auf und diesmal so stark wie selten zuvor. In Schorndorf starben allein an der Pest in jenen Jahren durchschnittlich 50 Personen. 1772 wird als besonders schweres Pestjahr genannt. In Loizendorf werden 65 Pesttote gezahlt, in Schorndorf sogar 139, in Sattelpeilnstein 37 und in Untertraubenbach 17. Im darauffolgenden Jahr ging die Pest etwas zurück und ein Chronist schreibt: „Dieses Jahr (1772) war besonders merkwürdig wegen des unglaublichen Dahinsterbens der Menschen, als das gefährliche Faulfieber wütete“. Bald wußte man nicht mehr, wohin man die Toten beerdigen sollte. Es entstanden Massengräber, die allgemein als Pestfriedhöfe bezeichnet werden und die man hin und wieder im Bayerischen Wald noch findet, wie zum Beispiel am Haidstein. Wohl aus der Pestzeit hat sich auch noch jener Brauch erhalten, nach dem am 20. Januar, dem Sebastianitag, der Hausvater morgens einen Wacholderzweig anzündet und mit dem brennenden Wedel das ganze Haus beräuchert. Dadurch soll das Haus vor Unglück, besonders vor jeder Seuche und Krankheit bewahrt werden.

****

 

Das ehemalige Adelsgeschlecht der Fuchssteiner

Schlagwörter

, , ,

Das ehemalige Adelsgeschlecht der Fuchssteiner

Von Anton Dollacker

 

Fünf Kilometer westlich von Amberg liegt das malerische Dorf Fuchsstein mit seiner uralten Linde.

Der Schullerhof am Südwestlichen Ende dieser Ortschaft fällt schon durch die ungewöhnliche Bauart des Wohnhauses auf und es sollen mehrere auf dessen Vorderseite gemalte Wappen übertüncht sein. Aber auch noch andere Umstände sprechen dafür, daß er der ehemalige „Hof zum Fuchsstein“ d.i. der hier zu suchende Stammsitz der Fuchssteiner ist, die im 16. Jahrhundert in der Oberpfalz eine große Rolle spielten.

Über die frühere Geschichte dieses Geschlechtes weiß man nur wenig. Anscheinend kam es schon bald zu Wohlstand, weil im Jahr 1343 Heinrich der Fuchssteiner als Patrizier von Amberg erscheint.

Vermutlich war Eberhard von Fuchsstein, der 1384 als Richter der Landgrafen zu Leuchtenberg auftritt, sein Sohn.

1454 wird ein Hans Fuchssteiner zu Glaubendorf als Schiedsrichter genannt, der 1461 auf seinem leuchtenbergischen Lehensgut Glaubendorf das Hofmarksrecht erhielt. Offenbar ist er derselbe, der 1485 auch das bayerische Lehensgut Prebrunn besaß, 1487 Stadtschultheiß von Regensburg und 1493 Landrichter zu Burglengenfeld wurde und gleichzeitig vom bayerischen Herzog Albrecht zur Belohnung seiner Dienste das Burglehen Kalmberg (jetzt Kollenburg bei Viechtach) erhielt. Er scheint 1508 gestorben zu sein.

Sein Sohn Dr. Sebastian von Fuchsstein zu Kalmberg folgte ihm damals im Lehensbesitz von Kalmberg nach. Dieser war Rechtsanwalt in Kaufbeuren und tat sich dort als Anhänger und Verbreiter der neuen evangelischen Lehre hervor. Während des Bauernkrieges von 1525 gewann er als Wanderredner großen Einfluß auf das oberschwäbische Landvolk, weshalb er als „der Bauern Advokat“ verschrieen war. Er heiratete eine reiche Patrizierwitwe von Kaufbeuren, starb aber kinderlos 1528 oder kurz vorher, weil in diesem Jahr das Lehen Kalmberg an seine Brüder Hans und Sigmund überging.

Der andere Sohn des Regensburger Schultheißen Wolfgang von Fuchsstein zu Ebermannsdorf, war Landrichter in Amberg und schon 1499 Besitzer des kurpfälzischen Lehens Ebermannsdorf (Bez. A. Amberg), er besaß als weitere Lehen je einen Hof in Utting und in Speckmannshof und zwei Drittel des Zehents daselbst und zu Fuchsstein sowie als freies Eigentum den Familienstammsitz in Fuchsstein, der damals natürlich schon längst in Erbpacht gegeben war. Er hatte drei Söhne, wurde aber, als er anscheinend um 1524 starb, nur von einem derselben überlebt.

Dieser, Dr. Johann von Fuchsstein zu Ebermannsdorf, war äußerst begabt und geschickt und hochgelehrt, aber auch ränkevoll und bestechlich.

Er gewann die Gunst des Pfalzgrafen Friedrich, der für seinen Bruder den Kurfürsten Ludwig in der Oberen Pfalz regierte, und wurde sein Kanzler. Als dann Pfalzgraf Friedrich als kaiserlicher Statthalter beim damaligen Reichsregiment zu Nürnberg verschwenderisch lebte und deshalb in arge Geldverlegenheit kam, vermittelte er den Abschluß eines Vertrages mit den Nürnbergern, wonach diese die von ihnen schon seit dem bayerischen Erbfolgekriege besetzten Ämter Lauf und Hersbruck der Kurpfalz um ein Schandgeld erkauften. Dieses für die Kurpfalz sehr unvorteilhafte Geschäft brachte zwar unserem Fuchssteiner seitens der Nürnberger ein stattliches Geldgeschenk ein, er machte sich aber dadurch im Lande sehr unbeliebt.

Hinzu kam, daß er als eifriger Lutheraner die Verschwörung der Reichsritterschaft unter Franz von Sickingen gegen die Fürsten begünstigte, indem er seinen Herrn Friedrich über ihren wahren Zweck hinwegzutäuschen suchte und ihn deswegen sogar mit seinen Mündeln, den Neuburgischen Pfalzgrafen Philipp und Ottheinrich, in Händel verwickeln wollte.

Der Fuchssteiner #1

Federzeichnung von A. Reich

Als nun seine Untreue zufällig an den Tag kam, wurde er an Fastnacht 1523 als politischer Gefangener in den vorderen Turm des Amberger Schlosses, der seitdem im Volksmund „der Fuchssteiner“ heißt, gesperrt. Darin mußte er mehrere Monate schmachten bis Pfalzgraf Friedrich auf Fürbitte von 30 Adeligen sich seiner erbarmte und ihn gegen das Versprechen, künftig das Land zu meiden, freigab.

Vier Tage darauf traf in Amberg ein Befehl des Kurfürsten Ludwig ein, den Fuchssteiner nur ja in Haft zu behalten, da man in der soeben eroberten Ebernburg einen ihn bloßstellenden Brief von ihm an Franz von Sickingen gefunden habe, jedoch der Vogel war schon ausgeflogen.

Sein plötzlicher Sturz trug dem ehemaligen Kanzler natürlich überall Spott und Verachtung ein. Er trieb sich zunächst unstet herum und besaß sogar die Frechheit, dem ihm feindlichen Domkapitel zu Regensburg mit Verwüstung der fürstbischöflichen Landgüter zu drohen.

1524 lächelte ihm noch einmal das Glück, indem ihn der durch den schwäbischen Bund und seinem Land vertriebene Herzog Ulrich von Württemberg zu seinem Kanzler ernannte. Er hielt aber bei Ulrich nicht lange aus, sondern trat, als dessen Sohn mehr Aussichten zu haben schien, zu diesem über, um nun gegen Ulrich zu arbeiten.

Als dann 1533 Ulrich in sein Land zurückkehren konnte, wurde der Fuchssteiner Brotlos und suchte nun wieder bei ihm unterzukommen. Allein Ulrich warf ihn in den Kerker und lieferte ihn – anscheinend wegen früher begangener Missetaten – an das Hochstift Regensburg aus, wo er im Bischofshof als gänzlich mittelloser Gefangener starb. Noch an Ostern 1535 hatte er laut eines von ihm ohne Ortsangabe ausgestellten Kaufbriefes seine schon 1524 verpfändeten Güter in Fuchsstein und Speckmannshof verkauft, im Sommer 1536 aber war er, wie aus einer Akte des Amberger Staatsarchivs (Oberpf. Adm. Nr. 3672) hervorgeht, bereits tot.

In der betreffenden Urkunde spricht Pfalzgraf Friedrich von seinem „lieben, getreuen Johann von Fuchssteiner Ritter und Doktor“, so daß er diesem nach seinem Tode nicht mehr gezürnt haben kann. Auffallenderweise waren auch die nach dem Ableben des Vaters Wolfgang erledigten kurpfälzischen Lehen mit Ausnahme von Ebermannsdorf, das schon 1530 in andere Hände kam, nicht eingezogen worden, obwohl sie der landesflüchtige Erzkanzler nicht antreten konnte.

Dr. Johann von Fuchsstein  war mit einer Edlen von Zant verheiratet, hinterließ aber keine Nachkommen. Seine Brüder, von denen nichts näheres bekannt ist, hatten schon vor dem Vater das Zeitliche gesegnet und seine Schwester war in ein Kloster gegangen.

Um 1517 besaß ein Konrad von Fuchsstein die Burg Ebenhofen bei Kaufbeuren, 1524 erscheint in einer Urkunde  Sigmund Fuchssteiner zu Ebermannsdorf der 1555 zu Vohenstrauß starb und 1553 heiratete ein Salomon Fuchssteiner die Witwe des Landsaßen Tetzel aus Lauterhofen. Letzterer war ein Sohn des Vorherbesagten Sigmund von Fuchsstein und stritt sich mit seinen minderjährigen Brüdern Hans und Jörg um die bayerischen Lehen (Kalmberg?) des Geschlechtes.

Bald darauf muß das Geschlecht der Fuchssteiner ausgestorben sein, da ich weitere Nachrichten darüber nicht ermitteln konnte.

Sein Wappen waren nach Hefners „Stammbuch des deutschen Adels“ zwei eckig gezogene goldene Balken (Sparren?) im schwarzen Feld

_________________________

© Die Oberpfalz“, 1925

 

Eiszeitjäger bei Kallmünz

Schlagwörter

, , , , ,

Von Herbert Lindner

Haupträume des Menschen der Altsteinzeit waren der Donauraum und die Fränkische Alb. Im Bereich der Naab kannte man bisher nur eine einzige Fundstelle an der mittleren Vils bei Ensdorf. Nunmehr glückte es, bei Kallmünz einen zweiten Siedlungsplatz der früheren Steinzeit aufzudecken. Davon berichtet unser Beitrag.

Vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege eingeladen zur Besichtigung der Ausgrabungsarbeiten am alten Ungarnwall auf dem Burgberg bei Kallmünz am Zusammenfluß von Naab und Vils geriet ich zum ersten mal im Herbst 1957 in diese Landschaftlich so überaus reizvolle Ecke der Oberpfalz. Entzückt stand ich vor den steilen Klippen aus Jurakalk, die sich dort über Fluß und Städtchen erheben. Eine Erinnerung wurde wach: Sahen nicht die weltberühmten Täler der Dordogne und Vezere in Südfrankreich ganz ähnlich aus.

Fundplätze smll
Jene Täler, welche die Hauptstadt der Eiszeitjäger getauft wurden und deren wichtigste und interessanteste Höhlen und Freilandrastplätze ich 1953 auf einer wunderbaren Steinzeit-Exkursion unter der Führung der Professoren L. Zotz und G. Freund aus Erlangen kennengelernt hatte. Sollte diese so paläolithisch anmutende Landschaft hier an der Naab etwa ebenfalls den Eiszeitjäger gesehen haben, so wie jene Täler Südfrankreichs?

Der Gedanke ließ mich nicht los und verstärkte sich noch als ich die farbenbunte Herbstflora der Klippen und Berghänge erblickte und alsbald feststellen konnte, daß hier in einträchtigem Beieinander – trotz des späten Jahres – sowohl mediterrane als auch pontische Florenelemente in reicher Fülle blühten. (mediterran = zum Mittelmeer gehörig; pontisch = aus den Steppen vom Schwarzen Meer herkommend.)

Da fand sich noch eine verspätete blaublühende Pflanze vom ausdauernden Lattich (Lactura perennis), tiefblau grüßte der gefranste Enzian (Gentiana ciliata) daneben die Quirlsalbei (Salvia verticillata) und auf einem kleinen Ackerstück fand ich die Spiegelblume (Legiousia speculum), hellgrünlichblauen Schwarzkümmel Nigella arvensis) mit prachtvoll geformter Blüte. Schwefelgelb leuchteten die Polster des niedrigen Berg-Steinkrauts (alyssum montanum) daneben die zierliche weißgelbe Rachenblüte des Berggamanders (Teuricum montanum)  im Verein mit einer rosaroten Schwester, dem gemeinen Gamander (Teuricum chamaedrys). Die bunte Kronenwicke (Coronilla varia), die rheinische Flockenblume (Centaurea rhenana), der deutsche Ziest (Stachys rectus) und der rötliche Hauswaldmeister (Asperula cynanchica) waren nicht die letzten dieser Kinder einer südlichen Sonne und dazwischen gab es eine Wahrhaft bunte Fülle unserer heimischen Kalkflora.

Man wanderte umher wie in einem riesengroßen Steingarten. Eins ergab sich aber sich bei dieser Schau mit Gewißheit: Das Lokalklima dieser Hänge und Klippen war mild und günstig, bevorzugt vor vielen anderen Gegenden und durchaus zu vergleichen mit dem der nach Süden, der Sonne entgegen, fallenden Hänge an der Donau im Regensburger Raum. Wohl  mußte ich mir sagen, daß ich hier schwerlich auf Spuren des Neandertalers treffen würde, der schon vor Beginn der letzten Eiszeit die großen Flußtäler bevorzugt hatte. Aber es bestand doch vielleicht die Hoffnung, den jüngsten Altmenschen der letzten Eiszeit, der uns im Äußeren schon durchaus glich, noch in seinen Hinterlassenschaften anzutreffen. Denn schon im Jahre 1933 hatte der Ansbacher Forscher Carl Gumpert noch weiter nördlich an der Vils bei Ensdorf, an der Steinbergwand unter einem Schutzdach aus Fels zuunterst der dort aufgedeckten Schichten die Reste solcher späten Eiszeitjäger gefunden. Darüber lagen in regelmäßiger Schichtenfolge, die Steinwerkzeuge des Menschen der mittleren Steinzeit, der frühen Nacheiszeit also und lange vor Beginn des Ackerbaus.

(In Bayern hat die Forschung mit Sicherheit vier Eiszeiten festgestellt, zwischen denen warme Zwischeneiszeiten eingeschaltet waren. Die letzte Eiszeit, die Würm-Eiszeit begann vor 120 000 Jahren.)

Es hieß nun also nach den Spuren solcher letzten Eiszeitjäger zu suchen. Worauf war nun dabei zu achten? Es ist ja wohl allgemein bekannt, daß in der Eiszeit (der Altsteinzeit) und noch in der Mittel- und Jungsteinzeit bis etwa zum Jahre 2000  vor Christi Geburt der Mensch unserer Gegenden kein Metall kannte. Er war genötigt seine Werkzeuge und Waffen – Speer, Schleuder, Pfeil und Bogen – aus Holz, aus Horn oder aus Knochen herzustellen. Um aber diese Materialien bearbeiten zu können, brauchte er scharfe, harte Werkzeuge, und diese schlug er sich aus geeigneten Steinen. Daher spricht man ja von Steinzeit.

Ein solcher geeigneter Stein ist nun in den Kalkfelsen an der Naab reichlich vorhanden, es ist der dem Feuerstein so ähnliche Hornstein. Er bricht muschelig und sehr scharfrandig, verwittert kaum und ist doch spröde genug, um durch kunstvolle, kurze und schwache Schläge die gewünschte Form anzunehmen. Wenn man nun weiß, daß es schon in jenen uralten Tagen eine Art Mode gab, die sich allerdings weniger nach dem Zierbedürfnis als vielmehr nach den jeweiligen Notwendigkeit richtete, und daß somit jede einzelne Kulturperiode einen eigenen nur ihr eigentümlichen Formenschatz entwickelt hat, dann ist der Kenner imstande, aus einer Anzahl von Steingeräten den Kulturabschnitt und die ungefähre Zeitstufe zu bestimmen.

Es war bei meinem Herumwandern auf dem Bergplateau Abend geworden, der volle Mond ging im Osten auf und überglänzte die Trümmer der alten Burg mit Märchenlicht. An sich war es also an der Zeit, die Suche einzustellen um nach Hause zu gehen. Aber da kam mir ein besonderer Umstand zu Hilfe. Die Steingeräte der Eiszeitjäger zeichnet nämlich sehr oft, wenigstens im Freilande, eine auffällige Eigenart aus, die jüngeren Geräten fehlt. Sie haben oft an ihrer Oberfläche eine Porzellanweiße Farbe, die sogenannte Patina, angenommen. Sie ist wahrscheinlich eine Wirkung der Energiereichen kosmischen Höhenstrahlung und wird vom Kalkboden offensichtlich gefördert. Jedenfalls ist für die Entstehung von Patina auf einem Hornsteingerät ein Zeitraum von mehreren tausend Jahren erforderlich. Deshalb sind die Steingeräte der Jungsteinzeit die man etwas vom Jahr 4000 vor Christus rechnen kann, regelmäßig noch unpatiniert. Kurz und gut, auf dem Heimwege leuchteten mir auf einer kahlen Fläche einige schneeweiße kleine Steinchen entgegen. Ich hob sie auf – und die Entdeckung des Eiszeitjägerplatzes von Kallmünz war gemacht.

Natürlich wurde am folgenden Tag die Suche fortgesetzt. Nun beteiligte sich sofort Dr. Stroh, Konservator vom Landesamt für Denkmalpflege in Regensburg und ihm glückte dann auch die Auffindung einer etwas schwächer patinierten und den Formen nach wohl auch jüngere Gruppe von Steingeräten, unscheinbare Reste, und doch einzigartige, immer nur einmal vorhandene, unersetzliche und wissenschaftlich kostbare Dokumente aus der ältesten Geschichte unserer Oberpfalz. Es fanden sich mehrere Fundanhäufungsstellen und zwar durchweg längs der Steilabbrüche zur Naab hin, keine dagegen entlang der Vilsstrecke. Möglicherweise hängt dies mit dem Schutz vor den vorherrschenden Westwinden zusammen, den der nach Osten sich senkende Hang zur Naab hin bot.

Betrachten wir nun eine Auswahl der gefundenen Geräte. Da fallen zunächst die kleinen Ausmaße auf; unsere Abbildungen zeigen sie in natürlicher Größe. Man faßt sie als Mikrolithik zusammen. Sie weist auf eine Spätstufe der Altsteinzeit hin, denn in der Mittelsteinzeit geht diese Kleinheit der Steingeräte ins Extrem. Alsdann ist es eine bestimmte Anzahl von Formen, die der Wissenschaft als „Leitformen“ bekannt sind., die hier auftritt. Da ist das längliche und zylindrische Kernstück von dem ringsherum lange, schmale Klingenspäne abgelöst worden sind, deren  Negative jetzt die Oberfläche des übriggebliebenen Steinkerns bilden. Solche Steinkerne sind für die letzte Kultur der Eiszeit des Magdalenien charakteristisch. Ebenso bezeichnend dafür sind die dünnen, schmalen Klingen (Messerchen), die von dem Kern abgelöst wurden. Weiterhin wird diese Kulturstufe bestätigt von der Fülle der Stichel; dies sind Geräte mit einer schmalen, scharfen Querschneide, die einem Stemmeisen gleicht und von denen man annimmt, daß sie zum Schnitzen und Kerben von Horn- und Knochengeräten gedient haben. Sicher waren sie ehemals irgendwie handlich gefaßt (geschäftet) aber der organische Stoff der Fassung, Horn oder Knochen oder Holz, ist vergangen; geblieben ist nur der Stein. Einer dieser Stichel ist an seinem unteren Ende zu einem sogenannten Kratzer schwachbogig zugearbeitet.

eiszeitjc3a4gerwerkzeug.jpg

Besonders kennzeichnend ist der Polygonstichel, ein Vieleckstichel also; dies Gerät mutet für unsere Gruppe altertümlich an und hatte seine Blütezeit schon in der vorhergegangenen Periode des Spätaurignacien. Die schräge Zurichtung, die sogenannten Retuschen, ist gleichfalls dem Magdalenien eigentümlich, ebenso wie die hohlmeißelartige Überarbeitung des Endes der kurzen Schmalklinge. Im übrigen erblicken wir urtümliche Pfeilspitzen und Lanzenspitzen eine dickere Breitklinge unbekannten Zwecks und einen zu breiter Nase ausgearbeiteten Kernhobel, der wohl zum Abschaben und säubern der Innenseite von Tierfellen diente. Einige kleine Geräte waren aus den Quarzkieseln der Naab geschlagen. Die einfachen Umrißlinien unter den Gerätezeichnungen stellen den Querschnitt der Geräte dar. Wir können diese Gruppe der weißpatinierten Geräte unbedenklich in den großen Kreis der europäischen Magdalenienkulturen aus dem letzten Abschnitt der letzten Eiszeit einreihen. An Hand einiger weniger Altersbestimmungen solcher Magdalenienkulturen mit Hilfe der kernphysikalischen „Radio-Karbon“-Methode wären sie auf die Zeit zwischen 10 000 und 9000 vor Christus anzusetzen, wobei für Kallmünz dies Alter noch nicht ganz endgültig gesichert ist.

Betrachten wir nun die schwächer, etwa graublau patinierte Gruppe. Hier zeigen sich wieder einige andere, abweichende formenkundliche Züge. Da liegt zunächst ein einziger später Eckstichel vor. Die langen, schmalen Messerklingen sind zwar auch vorhanden, aber daneben erscheint ein kleiner Ovalschaber, sowie ein us einer kurzen dicken Klinge gefertigter Ringsumschaber ganz ähnlichen Charakters. Die Zeichnung in Abb. 13 zeigt ganz rechts die Konstruktion der linksseitigen Schaber-„Retuschen“, die Zeichnung ganz links unten die „Schaberstirn“ des Geräts. Ausschlaggebend für die Beurteilung dieser erst durch wenige Geräte gekennzeichneten Gruppe ist aber die winzige dreieckige Spitze. solche geometrisch geformten winzigen Kleingeräte, die sogenannten Mikrolithen, sind eine Eigentümlichkeit der nacheiszeitlichen Kulturen der Mittelsteinzeit, wie sie beispielsweise Carl Gumpert bei seinen Grabungen an der Steinbergwand bei Ensdorf gefunden hat. Wir befinden uns mit dieser, wegen der Fundarmut noch nicht endgültig zu bestimmenden Gruppe bereits in einem Abschnitt der Nacheiszeit, also um das Jahr 8000 vor Christus herum oder etwas später. Es ist möglich, daß die, wie man sagt, „epipaläolithischen“ Formen, der Nach-Magdalenien-Kultur, einen gewissen Zusammenhang mit den beiden anderen Fundgruppen in der südöstlichen Oberpfalz aufweist mit der von mir im Becken von Cham und mit den noch unveröffentlichten, bei Roding von Benefiziat Angerer in Pösing angetroffenen Steinzeitfunden. Beide rechnet man vorläufig der frühesten Stufe der Mittelsteinzeit in Bayern zu.

Wenn wir zum Schlusse noch etwas vom „kulturellen Leben“ im Magdalenien erfahren wollen, so brauchen wir nur an die wunderschönen Höhlenmalereien in Westeuropa zu denken. Aber schon die Steinwerkzeuge verraten in ihrer Zweckmäßigkeit trotz des primitiven Materials Hornstein ein technisches Denken und eine handwerkliche Fertigkeit, die von der unseren nicht allzusehr verschieden ist.

Ein neues Blatt aus uralter Vergangenheit der Oberpfalz haben wir miteinander gelesen. Möge es das Interesse an so alt Vergangenem hervorrufen, denn daß wir noch so wenig von der oberpfälzischen Vorgeschichte wissen, beruht zum größten Teil auf die Nichtbeachtung ihrer unscheinbaren Reste.

Herbert Lindner, 1959

Mittelalterliche Justiz in Rötz

Schlagwörter

, , ,

Von Johann Paulus

Wo früher der Galgen stand, auf dem Galgenberg südlich von Rötz, bestellen heute Rötzer Landwirte die Felder. Das Gelände ist noch so ziemlich im Eigentum der Stadt und am Fuße des Hügels gegen Norden zu liegt die große Sandgrube, die heute Sand für Rötz und die ganze Umgebung liefert. Die ältere Generation von uns erinnert sich, daß die Überreste des Galgens noch um die Jahrhundertwende zu sehen waren. Das Gelände bis zur Gemeindegrenze nach Alletsried und Bernried und bis zur Stadt stand im Eigentum der Stadt Rötz.

Viel Blut und viele Abscheulichkeiten mußte der Galgenberg durch die Eigenarten der mittelalterlichen Justiz sehen und erleben. Auf ihm befand sich das Hochgericht oder der Galgen, der aus vier gemauerten Säulen bestand, auf denen eichene Querbalken ruhten. Die Strafe des Hängens galt als einer der abscheulichsten, wohl schon deshalb, weil man manchmal die Gehängten am Galgen verwesen ließ, den Vorübergehenden zum Schrecken und Mahnung, den Raben zur Freude. Der unheimliche Schauder, der die Galgenstätte auf die Bevölkerung der ganzen Umgebung ausübte, kam insbesondere dadurch zum Ausdruck, daß für Neuherstellung oder notwendig gewordene Reparatur des Hochgerichts kein Handwerksmann sich gebrauchen lassen wollte. Es wurden deshalb zu solchen Arbeiten immer die ganzen Handwerkszünfte zwangsweise aufgeboten. In Rötz kam dieser Fall im Jahre 1679 vor. Zur Erneuerung des Gebälks wurden sämtliche im Amt Rötz vorhandenen Zimmerleute, 34 an der Zahl, zusammengerufen.

Der Maurermeister Wagner besorgte mit sämtlichen Gesellen den Abbruch des alten und die Aufführung des neuen Mauerwerks. Die Kosten von 45 Gulden wurden aus der Pflegeamtskasse bestritten. Auf dem Galgenberge fanden ursprünglich auch die Hinrichtungen durch das Schwert statt, während sie später auf dem Marktplatz vollzogen wurden. Nachweislich wurden in Rötz von 1589 bis 1700 sieben Verbrecher hingerichtet, darunter sechs mit dem Schwert und einer durch den Strang und zwar: Max Schottenhammel am 22. Dezember 1589 wegen Diebstahls durch das Schwert; Georg Merl am 2. Mai 1595 wegen Mordes durch das Schwert;  Magdalena Zierer am 7. Oktober 1604 wegen Kindstötung durch das Schwert; Hans Stangl am 28. September 1627 wegen „zwiefacher Ehe“ durch das Schwert; Wolfgang Mühlbauer 1676 wegen Notzucht durch das Schwert; Magdalena Kulzer wegen zweimaligen Kindsmordes durch das Schwert am 20. Dezember 1690; Christoph Reith am 4. Juli 1700 wegen Diebstahls durch den Strang.

Der Vollzug dieser Todesstrafen oblag dem Scharfrichter zu Amberg. Bis zum 16. Jahrhundert ist in Rötz selbst ein Scharfrichter gesessen. Ein tragisches Ende nahm der Dieb Max Schottenhammel, der die Qualen der Todesstrafe zweimal empfinden mußte. Seine Hinrichtung war auf den 17. Oktober 1589 bestimmt. Schottenhammel war auf seinen letzten Gang vorbereitet, auch der Scharfrichter war bereit, seines Amtes zu walten. Da aber der Ankläger nicht erschien, konnte die Todesstrafe nicht vollzogen werden, weshalb die Hinrichtung auf den 30. Oktober verschoben wurde. Die Exekution nahm diesmal ihren Gang und der Verurteilte hing bereits mit dem Tode ringend am Galgen, als die junge Magd Maria Thonstein den Mut faßte, den armen Sünder vom Stricke abzuschneiden. Dieser wurde nun bis auf weiteren Bescheid wieder ins Gefängnis verbracht, wo er sich nach einiger Zeit wieder erholte. Eine Begnadigung wurde ihm jedoch nicht zuteil, sondern er wurde auf Grund nochmaliger Verurteilung am 22. Dezember 1589 durch das Schwert hingerichtet.

Die im Jahre 1690 wegen zweifachen Kindesmordes zum Tode verurteilte Magdalena Kulzer erhielt vor der Hinrichtung durch das Schwert einen „Zwick mit einer glühenden Zange“. Die breite Zange mit großen Greifern wurde eigens angefertigt, wozu das ganze Schmiedehandwerk in Rötz aufgeboten wurde. Nach der Pflegeamtsrechnung vom Jahre 1589 wurden bei der Hinrichtung Schottenhammels folgende Ausgaben gemachte: 5 fl einem Tagewerker von Rötz, Mathesen Bosl, der Schottenhammel drei Monate lang Tag und Nacht bewachen mußte. 19 fl zwei Schilling dem Amtsknecht Michl Pern für 19 Wochen „Atzgeld“; 1 fl etlichen Amtsuntertanen ,“zu vertrinkhen geben, als gedachter Schottenhammel zu verhaft  gebracht“; 2 fl 1 Schilling „dem richter und ambtknecht alten Gebrauch nachsolichen gefanglich einzunehmen“; 1 fl 2 Schilling vor der Schranne aufzuschlagen und wieder abzubrechen; 1 Schilling 22 1/2 Pfg. zu geben für den toten Körper von der Richtstatt zu nehmen und zum Friedhof zu tragen; 1 fl für fünf Maß Wein, welche von den Weißbäckern zu Rötz an den zwei Richttagen genommen wurden; 2 Schilling den Totengräbern für das Grabmachen. Der Scharfrichter erhielt 9 fl.

Zur Aburteilung der übrigen strafbaren Handlungen der Amtsuntertanen zu Rötz, die entweder eine geringere Freiheitsstrafe oder eine Geldstrafe zur Folge hatten, war das Pflegegericht zuständig. Das Richteramt in diesem Sinne war nicht besonders schwierig und wurde, wenn nicht der Pfleger selbst diese Funktion mit versah, auch nur mit Leuten aus dem Bürgerstande versehen. 1408 war Ulrich Prucker Richter zu Rötz. Im Jahre 1626 bewarb sich Georg Fröhlich, Bürger von Leuchtenberg um die Richterstelle in Rötz. Als er aber vernahm, daß er außer der Kost bei dem Pfleger nichts weiter als 20 fl jährlich Besoldung von diesem erhalten werde, bat er die Regierung, weil er „mit Weib und Kindern behafft und ihm die gemelte geringe Bestallung anzunemmen underthennigst schwer fallen“ würde, ihn vom Antritte seines Dienstes zu entheben.

Diese Zustände in der Rechtspflege dauerten noch bis zum Ende des 18. Jahrhunderts.  Mit dem Beginn einer humaneren Zeitrichtung hat man zunächst jene barbarischen Maßnahmen fallen lassen und die Tortur abgeschafft. Nach Aufhebung des Pflegeamts und nachmaligen Landgerichts Rötz wurden Todesurteile daselbst nicht mehr vollzogen, und das alte Hochgericht auf dem Galgenberg zerfiel.