Mittelalterliche Justiz in Rötz

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Von Johann Paulus

Wo früher der Galgen stand, auf dem Galgenberg südlich von Rötz, bestellen heute Rötzer Landwirte die Felder. Das Gelände ist noch so ziemlich im Eigentum der Stadt und am Fuße des Hügels gegen Norden zu liegt die große Sandgrube, die heute Sand für Rötz und die ganze Umgebung liefert. Die ältere Generation von uns erinnert sich, daß die Überreste des Galgens noch um die Jahrhundertwende zu sehen waren. Das Gelände bis zur Gemeindegrenze nach Alletsried und Bernried und bis zur Stadt stand im Eigentum der Stadt Rötz.

Viel Blut und viele Abscheulichkeiten mußte der Galgenberg durch die Eigenarten der mittelalterlichen Justiz sehen und erleben. Auf ihm befand sich das Hochgericht oder der Galgen, der aus vier gemauerten Säulen bestand, auf denen eichene Querbalken ruhten. Die Strafe des Hängens galt als einer der abscheulichsten, wohl schon deshalb, weil man manchmal die Gehängten am Galgen verwesen ließ, den Vorübergehenden zum Schrecken und Mahnung, den Raben zur Freude. Der unheimliche Schauder, der die Galgenstätte auf die Bevölkerung der ganzen Umgebung ausübte, kam insbesondere dadurch zum Ausdruck, daß für Neuherstellung oder notwendig gewordene Reparatur des Hochgerichts kein Handwerksmann sich gebrauchen lassen wollte. Es wurden deshalb zu solchen Arbeiten immer die ganzen Handwerkszünfte zwangsweise aufgeboten. In Rötz kam dieser Fall im Jahre 1679 vor. Zur Erneuerung des Gebälks wurden sämtliche im Amt Rötz vorhandenen Zimmerleute, 34 an der Zahl, zusammengerufen.

Der Maurermeister Wagner besorgte mit sämtlichen Gesellen den Abbruch des alten und die Aufführung des neuen Mauerwerks. Die Kosten von 45 Gulden wurden aus der Pflegeamtskasse bestritten. Auf dem Galgenberge fanden ursprünglich auch die Hinrichtungen durch das Schwert statt, während sie später auf dem Marktplatz vollzogen wurden. Nachweislich wurden in Rötz von 1589 bis 1700 sieben Verbrecher hingerichtet, darunter sechs mit dem Schwert und einer durch den Strang und zwar: Max Schottenhammel am 22. Dezember 1589 wegen Diebstahls durch das Schwert; Georg Merl am 2. Mai 1595 wegen Mordes durch das Schwert;  Magdalena Zierer am 7. Oktober 1604 wegen Kindstötung durch das Schwert; Hans Stangl am 28. September 1627 wegen „zwiefacher Ehe“ durch das Schwert; Wolfgang Mühlbauer 1676 wegen Notzucht durch das Schwert; Magdalena Kulzer wegen zweimaligen Kindsmordes durch das Schwert am 20. Dezember 1690; Christoph Reith am 4. Juli 1700 wegen Diebstahls durch den Strang.

Der Vollzug dieser Todesstrafen oblag dem Scharfrichter zu Amberg. Bis zum 16. Jahrhundert ist in Rötz selbst ein Scharfrichter gesessen. Ein tragisches Ende nahm der Dieb Max Schottenhammel, der die Qualen der Todesstrafe zweimal empfinden mußte. Seine Hinrichtung war auf den 17. Oktober 1589 bestimmt. Schottenhammel war auf seinen letzten Gang vorbereitet, auch der Scharfrichter war bereit, seines Amtes zu walten. Da aber der Ankläger nicht erschien, konnte die Todesstrafe nicht vollzogen werden, weshalb die Hinrichtung auf den 30. Oktober verschoben wurde. Die Exekution nahm diesmal ihren Gang und der Verurteilte hing bereits mit dem Tode ringend am Galgen, als die junge Magd Maria Thonstein den Mut faßte, den armen Sünder vom Stricke abzuschneiden. Dieser wurde nun bis auf weiteren Bescheid wieder ins Gefängnis verbracht, wo er sich nach einiger Zeit wieder erholte. Eine Begnadigung wurde ihm jedoch nicht zuteil, sondern er wurde auf Grund nochmaliger Verurteilung am 22. Dezember 1589 durch das Schwert hingerichtet.

Die im Jahre 1690 wegen zweifachen Kindesmordes zum Tode verurteilte Magdalena Kulzer erhielt vor der Hinrichtung durch das Schwert einen „Zwick mit einer glühenden Zange“. Die breite Zange mit großen Greifern wurde eigens angefertigt, wozu das ganze Schmiedehandwerk in Rötz aufgeboten wurde. Nach der Pflegeamtsrechnung vom Jahre 1589 wurden bei der Hinrichtung Schottenhammels folgende Ausgaben gemachte: 5 fl einem Tagewerker von Rötz, Mathesen Bosl, der Schottenhammel drei Monate lang Tag und Nacht bewachen mußte. 19 fl zwei Schilling dem Amtsknecht Michl Pern für 19 Wochen „Atzgeld“; 1 fl etlichen Amtsuntertanen ,“zu vertrinkhen geben, als gedachter Schottenhammel zu verhaft  gebracht“; 2 fl 1 Schilling „dem richter und ambtknecht alten Gebrauch nachsolichen gefanglich einzunehmen“; 1 fl 2 Schilling vor der Schranne aufzuschlagen und wieder abzubrechen; 1 Schilling 22 1/2 Pfg. zu geben für den toten Körper von der Richtstatt zu nehmen und zum Friedhof zu tragen; 1 fl für fünf Maß Wein, welche von den Weißbäckern zu Rötz an den zwei Richttagen genommen wurden; 2 Schilling den Totengräbern für das Grabmachen. Der Scharfrichter erhielt 9 fl.

Zur Aburteilung der übrigen strafbaren Handlungen der Amtsuntertanen zu Rötz, die entweder eine geringere Freiheitsstrafe oder eine Geldstrafe zur Folge hatten, war das Pflegegericht zuständig. Das Richteramt in diesem Sinne war nicht besonders schwierig und wurde, wenn nicht der Pfleger selbst diese Funktion mit versah, auch nur mit Leuten aus dem Bürgerstande versehen. 1408 war Ulrich Prucker Richter zu Rötz. Im Jahre 1626 bewarb sich Georg Fröhlich, Bürger von Leuchtenberg um die Richterstelle in Rötz. Als er aber vernahm, daß er außer der Kost bei dem Pfleger nichts weiter als 20 fl jährlich Besoldung von diesem erhalten werde, bat er die Regierung, weil er „mit Weib und Kindern behafft und ihm die gemelte geringe Bestallung anzunemmen underthennigst schwer fallen“ würde, ihn vom Antritte seines Dienstes zu entheben.

Diese Zustände in der Rechtspflege dauerten noch bis zum Ende des 18. Jahrhunderts.  Mit dem Beginn einer humaneren Zeitrichtung hat man zunächst jene barbarischen Maßnahmen fallen lassen und die Tortur abgeschafft. Nach Aufhebung des Pflegeamts und nachmaligen Landgerichts Rötz wurden Todesurteile daselbst nicht mehr vollzogen, und das alte Hochgericht auf dem Galgenberg zerfiel.

Aus dem Urbarbuch der Hofmark Lintach

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Aus dem Urbarbuch der Hofmark Lintach

Von Rudolf Gerstenhöfer

Die Bauern der früheren Zeit waren nur in geringer Zahl wirklich freie Besitzer ihres Hofes; der Boden war zum größten Teil in den Händen der sogenannten Grundherren, nämlich der Adeligen, der Stifte oder der Klöster. Von diesen wurde er gegen Entrichtung gewisser Abgaben (Gilt und Zehent) zur Nutznießung überlassen. Aus diesen heute ungewöhnlichen Verhältnissen heraus sind auch die Rechte der Grundherren zu verstehen, denen meist noch die niedere (Patrimonial-)Gerichtsbarkeit zustand. Für Lintach sind wir über die Grundbarkeitsverhältnisse des 16. Jahrhunderts durch ein aufschlußreiches Aktenstück im Staatsarchiv Amberg näher unterrichtet.

Das Urbarbuch (Urbar = veraltet für Ertrag, Zinsgut, Einkünfte, Steuer) der Hofmark Lintach ist im Jahre 1585 erstellt und wahrscheinlich eine Zusammenstellung der Grundherrschaft selbst, denn eine gewisse Einseitigkeit der Betonung der Rechte des Grundherrn spricht überall heraus und zugleich eine auffallende Rigorosität im Fordern des Rechts, das jegliche Rücksichtnahme auf die Untertanen vermissen läßt. Fast abstoßend wirkt heute die Absatz für Absatz angeführte Strafandrohung und besonders deren ungewöhnliche Höhe. Doch müssen diese Feststellungen aus dem Geist und der Auffassung dieser Zeit verstanden werden.

Scharwerk (Dienstleistungen der Untertanen) ist im Urbarbuch noch unbegrenzt gefordert. Schafzucht war den Leuten bisher verboten, wird nunmehr gnädig eingeräumt, mit dem Aufgebot, sich hierin gänzlich den Anordnungen der Herrschaft zu fügen. Bis ins Kleinste ist das „Leistungsverzeichnis“ aufgestellt, auch das Entgelt ist in jedem Falle geregelt: Käse und Bier, Bier und Brot, Käse und Brot, Essen und Trinken oder Geldentschädigung bei eigener Kost.

Also hören wir, was die Lintacher Untertanen damals an den Grundherrn zu leisten hatten!

Brennholz und Stangen fahren, Acker, Wiesen und Weiher einzäunen. Kalkfahren und –löschen, Sand und Steine zum Bau fahren; wenn in Lintach selbst Kalk gebrannt wird, dazu helfen; Brenn-, Back- und Bauholz hauen, handlangen bei Bauarbeiten, Wege einbetten, die Weiher instandhalten. Beim Bierbrauen Malz in die Mühle fahren und holen, Bier auf die Kühle und in den Keller tragen, Mist fahren, Botengänge bei Tag und Nacht. Alle Arbeiten, die mit dem Getreide, Heu, Kraut, Flachs und den Rüben zusammenhängen, bis alles an Ort und Stelle ist. Mithelfen beim Fischen, Waschen, Decken der Städel mit Stroh, Bäume aussägen, Waldarbeiten verrichten, Obst abladen und viele andere Verrichtungen. Es gab fast nichts, das nicht aufgeführt und zu leisten gewesen wäre.

Je 5 Häuser durften zusammen einen Backofen haben, aber keiner selber einen eigenen auf seinem Hof. Strafe: 10 Pfd. Pfennige und Einschlagen unbeschadet der Strafe. Außerhalb der Hofmark durfte die Gemeinde drei Backöfen auf ihre Kosten haben zum Flachs- und Obstdörren. Wer den Flachs daheim einschob und erwischt wurde, der kam darum. Der Metzger, der das Handwerk treibt, darf jährlich hundert Schafe weiden; von jedem Rindvieh, das er schlachtet, muß er Zunge und Nieren der Herrschaft geben, bei Unterlassung Strafe von 10 fl. Die Herrschaft hatte auch das Kaufsvorrecht auf das Fleisch, dann kamen erst die Lintacher und nach ihnen die Auswärtigen. Die Untertanen haben bei Strafe zuerst dem hiesigen Metzger das Vieh anzufeilen, sonst 5 fl zu zahlen. Auswärtiges Vieh darf der Metzger nur bei Tag hereintreiben; alle Schafmagen muß er für die Weidebenützung der Herrschaft abliefern. Jeder Wirt muß der Herrschaft um einen Heller billiger liefern. Streit und Unzucht hat er anzuzeigen, über 9 Uhr darf er nicht spielen lassen und auch kein Bier aus dem Haus geben, desgleichen am Sonntag vor der Predigt nicht spielen lassen oder Bier verkaufen, widrigenfalls 5 f l Strafe. Die Lebensmittelschau geschah durch die Viertelmeister der Gemeinde. Ohne Bewilligung durfte der Wirt keine Hochzeit zur Ausspeisung annehmen; Wirt und Bräutigam waren verpflichtet, der Herrschaft eine gesottene Henne, zwei Stücke Fleisch, sechs Wecken, ein Viertel Wein oder zwei Viertel Bier zu geben, um 8 Uhr mußte jede Hochzeit ins Schloß geschickt werden.

Niemand durfte ohne Wissen der Herrschaft seinen Sohn oder seine Tochter verdingen oder selbst Dienstboten dingen, Strafe bei Nichtbeachtung 5 Pfd. Pfennige. Wenn Gänse oder Schweine Schaden machten, sollte man sie durch den Amtsknecht eintun, den Schaden besichtigen oder, wenn nötig, durch den Gemeinmeister schätzen lassen, dann bezahlen oder vergleichen. Für das Eintun erhält der Amtsknecht 14 Pfg., die Herrschaft einen halben Gulden, bei Großvieh entsprechend mehr.

Der Hofmarksherr hat das Recht, alle Handwerksleute für sich selber zu halten. Wer in den Turm oder das Eisen eingezogen wurde, hat entsprechend zu zahlen. Die Feuerschau ist peinlich geregelt, von der Strafe bei Mängeln hat die Herrschaft den Nutzen, gewöhnlich 1 f l . Nichts, vom Vieh herab bis zum Ei, darf ohne Vorkaufsrecht des Herrn veräußert werden. Die Gebäude sollen in gutem Zustand gehalten und jährlich besichtigt werden, ebenso die Brunnen; bei den Höfen müssen Leitern bereitliegen. Jagen, Schlingen- oder Fallenstellen ist streng verboten; wer erwischt wird, zahlt 15 f l . Dafür „dürfen“ die Untertanen des Grundherrn Jagdgefolge und Treiber machen, so oft hiezu durch den Amtsknecht geboten wird, bei Tag und bei Nacht. Die Jagdhunde vom Schloß müssen sie zu Hause an Ketten halten, die Jungen aufziehen.

Am Freitag muß im Sommer in der Frühe vor der Sonne das Getreide gerührt werden, als Lohn erhalten sie die Suppe. Damit sie das Vieh in dem herrschaftlichen Wald oder Schlag hüten dürfen, müssen sie ackern, sonst wird die Weide verboten. Alle Jahre soll gemarkt werden (Flurvermessung), wo irrig, sind Marksteine zu setzen. Der Gemeindediener ist auch Ortspolizist und hat seine Aufgabe genau zu nehmen. Am Erchtag (= Dienstag) und Freitag müssen die Weiber die Küh- und Sauställe, sowie die Hühnerkobel vom Schloß misten, den Hof, die Gewölbe und Keller kehren, die Stuben waschen und für das herrschaftliche Baden das Wasser schöpfen.

Dem Mesner und dem Hirten ist pünktlich der Lohn zu geben. Das Rechts- und Ordnungswesen ist genau geregelt. Die Gemeinde hat auf ihre Kosten einen Schweineschneider zu halten, der alles Vieh zu schneiden hat; für die Herrschaft darf er es billiger machen, und zwar um Bier, Käse und Brot. Alljährlich am letzten Weihnachtsfeiertag ist im Schloß das große „Generalkapitel“.

Da müssen die Bauern zusammenkommen, jeder erhält einen Weihnachtswecken im Werte von 42 Pfg., die Köhler einen solchen für 32 Pfg. Dann bekommen sie zu essen und trinken und aus dem Salbuch wird vorgelesen, wie es altes Herkommen ist. Auch die auswärtigen Untertanen sind scharwerkspflichtig, aber ihre Leistungen sind meist in Geld umgewandelt, und zwar nach „Tagespreisen“! Die Kirchweih ist in Lintach am Sonntag vor Bartholomä gewesen. Das Standgeld betrug pro Kramer 2 Pfg., für Musik und Pfeifer hat der Wirt aufzukommen. Ein Staatsverbrechen war Zehentbetrug an der Herrschaft oder dem Pfarrer; die darauf gesetzte Strafe war Ausweisung aus dem Herrschaftsgebiet.

Von Ostern bis Kathrein war scharfe Nachtwache befohlen, je 4 Mann abwechselnd. Der Feuerschutz war gut organisiert. Bei Sturm oder Alarm hat alles sofort auf dem Platz vor dem Schloß zu erscheinen; bei einer Feuersbrunst haben immer 8 Mann das Schloß zu hüten. Bei Brandschäden in anderen Dörfern durften sie nicht ohne Vorwissen der Herrschaft dorthin laufen. Gotteslästerung, Fluchen und Schmähung wurden streng bestraft. Zu- und Abziehen war nicht ganz leicht, kostete vor allem Genehmigung und Geld. Nachts in ein anderes Haus zu gehen, war nur mit Laterne erlaubt. Übertretungen konnten sogar in den Turm führen, bei Wasser und Brot.

Das Dreschen im Stadel bei Licht, Strohschneiden und das Strohabladen oder dergleichen Verrichtungen waren strafbar. Die Nachbarn waren bei Strafe zur Anzeige verpflichtet. Zu große Freundschaft konnte 10 fl kosten. Rockenstuben waren wegen Gefahr der Unzucht verboten. Jeder mußte sein Gesinde nachts daheim behalten; bei Nichtbefolgung gab es 1 fl Strafe. Der Kuhhirt hatte an die Herrschaft zu leisten:1 Schilling und 12 Pfg. Steckengeld, 1 Fastnachthenne und 3 Tage Scharwerk; desgleichen der Schafhirt. Wer neu aufgenommen wurde, hatte Schutzgeld zu zahlen und wie die Köhler Scharwerk zu leisten.

Für den Fall einer notwendigen Landesverteidigung mußte jeder seine Kriegsausrüstung haben und, wenn aufgerufen wurde, zur Stelle sein. Alle Hofmarksuntertanen zusammen hatten für den Grundherrn einen Reisewagen zu stellen und instandzuhalten, nämlich mit aller Ausrüstung, 4 guten Pferden und 2 tauglichen Knechten, damit alles zur Verfügung stünde, wenn die Herrschaft dessen bedurfte. Wegen der bestimmt zu weit gehenden Forderungen des Grundherrn — es war Baltasar Mendel, seit 1553 der erste Inhaber aus der Linie der Mendel von Steinfels — und übermäßiger Beanspruchung der Untertanen durch Scharwerk erhoben diese Klagen.

Beide Teile wurden daher nach Amberg beschieden und angehört, die Dokumente eingesehen, aber keine befriedigende Entscheidung erzielt. Darauf wurde die Sache der kurfürstlichen Regierung vorgelegt, die dann endgültig entschied.

Die Regelung im sogenannten Mendel’schen Originalvertrag des Jahres 1589 umfaßte folgende Punkte:

1. Scharwerk. Mendel behauptete wohl, unbegrenzt Scharwerksrecht zu haben und wollte sich auf eine Festlegung von einer bestimmten Anzahl von Tagen nicht einlassen. Trotzdem wurde festgesetzt: Die, welche Pferde oder eine Menath ( = Gespann, zu menen = Vieh treiben, menede = Fuhrwerk) haben, 9 Tage Scharwerk, 5 bis 6 Stunden heugen, für 3 Ferttlein aufs Getreide gehe und 6 Tage Spanndienste; die Weiber müssen 6 Tage mit der Hand arbeiten. Die Köbler und Söldner, die keine Menath haben, leisten 12 Tage Scharwerk, ihre Weiber 6 Tage. Jede Bäuerin und Söldnerin hatte 2 Pfd. Flachs oder Werg zu spinnen.

Wenn Mendel die Arbeit nicht brauchte, konnte er statt ihrer Entgelt verlangen. Mann und Weib sollten nicht zu gleicher Zeit für Scharwerk verlangt werden. Das Hasenjagen sollte in obiger Tagzahl nicht inbegriffen sein, doch sollten sie nicht über Gebühr damit beschwert werden. Jeder sollte zur rechten Zeit an die Arbeit gehen, früh, wenn die Sonne aufging, oder Mittag um 1 Uhr; mittags durfte er um 11 Uhr, abends, wenn die Sonne unterging, heimgehen oder heimfahren. Alle sollten treu und fleißig arbeiten, wie für sich selbst. Wenn sie wegen der Witterung oder sonstiger Hinderung nicht den ganzen Tag arbeiten konnten, mußten sie am nächsten „witterlichen“ Tag das Fehlende vollbringen. Über dieses festgesetzte Maß hinaus sollten sie mit Scharwerk nicht weiter angefochten sein, damit sie auch ihrer eigenen Arbeit nachgehen könnten. Wenn Mendel weiteres Scharwerk brauchte, sollten sie es leisten, aber Mendel müßte sie bezahlen. Die „Tarife“ waren genau festgesetzt, um weiteren Streit hintanzuhalten.

Für Scharwerk bekamen sie das Essen und zu trinken. Bei der Verteilung der Arbeit sollte auf die Leistungsfähigkeit von Mensch und Vieh Rücksicht genommen werden. Die von Mendel dazu (also nachträglich) gekauften Grundstücke sollten nicht unter die Scharwerkspflicht fallen.

2. Weiher, Wiese, Holz. Mendel und seine Vorgänger hatten sich auch die Nutznießung eines der Kirche gehörigen Weihers, des Kirchenholzes und einer Kirchenwiese angeeignet. Diese hatte er nach Klärung der Rechtslage zurückgegeben. Anscheinend hatte Mendel dafür den Wein zum Abendmahl gegeben; dafür soll nun die Kirche aufkommen.

3. Holzmangel. Auch wegen Verweigerung des notdürftigen Holzes, woran in Lintach jederzeit Mangel gewesen, war gegen Mendel Klage geführt worden. Dies wurde nun dahin entschieden, daß Mendel das nicht schuldig sei, sondern, daß sie Holz aus dem gemeindlichen Wald erhielten. Aus gutem Willen soll er im Notfall aushelfen, wenn sie die Scharwerk getreulich verrichten, und ihnen gegen einen gebührlichen Waldzins etliche Klafter geben. Das dürre Holz dürften sie aufklauben und heimtragen.

4. Überwinterung und Ziehung der Schafe und Koppen. Gegen Nutznießung des Düngers und eine gebührliche Zahlung hatten die Untertanen die Schafe des Grundherrn zu überwintern und die Lämmer aufzuziehen. Obwohl das nicht hergebracht war, wurde doch diese Regelung getroffen.

5. Aufteilung des Getreides. Getreide und andere Viktualien waren zuerst dem Junker gegen gleiche Bezahlung wie in der Stadt Amberg anzufeilen. Erst wenn er die Produkte nicht haben wollte, durften sie diese auf dem Wochenmarkt in Amberg bringen, sonst aber nirgends .anders verkaufen, umgekehrt soll auch der Mendel, wenn sie Giltgetreide in Geld ablösen, sie nicht übernehmen.

6. Schreib- und Federgeld. Die Tarife für Schreibgebühren in Klage- und Rechtssachen sollen ohne Erhöhung bei der bisherigen Höhe gelassen werden.

7. Bier. Klagen waren auch geführt worden, daß Mendel dem Wirte schlechtes Bier liefere. Auch das wird beigelegt. Mendel hat richtiges Bier zu liefern. Der Wirt soll an der Maß einen Heller verdienen und eine entsprechende Dreingabe für die Hefe erhalten. Wenn ihm Mendel kein Bier liefere, könne er dieses von auswärts beziehen und um den gebräuchlichen Preis ausschenken.

8. Die Uhr belangend. Für das Uhraufziehen und –richten soll ein Bauer zwei, ein Köbler einen Laib Brot dem Mesner geben. Für die Unterhaltung der Uhr soll das Gotteshaus aufkommen.

9. Käse, Herbst- und Fastnachthennen. Es soll bei der alten Regelung bleiben, nach der die Untertanen dem Herrn alljährlich einen Käse, eine Herbst- und eine Fastnachthenne geben, oder, falls Mendel das wolle, den festgesetzten Preis dafür erlegen, und zwar 10 bzw. 21 oder 28 Pfg.

Nachdem so die umstrittenen Punkte geregelt sind, soll zwischen dem Hofmarksherrn und den Untertanen wieder Fried herrschen. Amberg, den 18. 11. 1589.

So sehen wir an einem typischen Beispiel der Heimat, daß es gar nicht so leicht war, alle Ansprüche des Grundherrn zu erfüllen. Erst im 19. Jahrhundert setzte mit der Säkularisation der Abbau dieses Wirtschaftssystems ein. Stück für Stück der alten Dominialherrschaft wurde nun beseitigt: 1803, 1825, 1832/34, 1848 und 1876 wurden nacheinander die Verordnungen erlassen, die den Bauernstand zum völlig freien Besitzer der Scholle machten.

Quelle: Pfarrchronik v. Lintach angelegt v. Expositus Joh. Leitl 1938.

(Aus: Die Oberpfalz, 1978)

Die Sage vom Schloßfräulein in Hohenfels

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Die Sage vom Schloßfräulein in Hohenfels
Von Georg Hofmann

In der Hohenfelser Gegend ist die Sage vom Schloßfräulein von Hohenfels weit bekannt. Das Fräulein soll sich, um der Schändung durch die Schweden zu entgehen, von dem Turm des Schlosses hinabgestürzt haben. Daß aber solche Sagen nicht immer erfunden sind, sondern einen wahren geschichtlichen Hintergrund haben, beweist das Sterbebuch der Pfarrei Hohenfels.

Im Jahre 1632 finden sich folgende Eintragungen, auf die der Verfasser zufällig bei der Durchsicht des Buches gestoßen ist: „In Christo obiit der ersame und weise Herr Leonhardt Widtel, purgermeister allhie zu Hohenfels, dem die gottlosen Landsknecht das Leben genommen, wie Hohenfels ausgeraubt ist worden, geschehen den 6. Julie 1632.

Cathrin holerin eodem die gebeste Purgerin allhie, durch die Soldaten von dem leben khomen.

Item ein junges mensch mit namen Anna, Maria langes seliger allhie eheliche dochter, die ist vom Schloß herundter gesprungen.

Hans Wirt, purger und peck alhie zu Hohenfels ist von den Landsknechten mit Streichen über den Kopf geschlagen worden, in die 5 Wochen hernach gestorben, dem Gott genedig sei, geschehen den 6. August 1632.“

Das Fräulein von Hohenfels war Anna-Marie Langer zwar kein „Schloßfräulein“ zu dem es die Sage gemacht hat, sondern ein wahrscheinlich im Schloß bedienstetes Mädchen, dem der Vater frühzeitig gestorben ist und das auch vor einiger Zeit die Mutter verloren hatte, drum ohne Schutz in der Welt stand, aber doch auf ihre jungfäuliche Ehre so viel hielt, daß sie lieber den Tod vom Turm herab wählte, als die Entehrung durch die rohen schwedischen Soldaten. Es ist begreiflich, daß ihre Tat bei dem Volk Bewunderung erregte und sie durch die Sage unsterblich geworden ist. Es ist auch schon in einer Art Ballade ihre Tat besungen worden, doch dem Schreiber ist die Fundstelle dieses Gedichtes entfallen.

Anna Marie Langer war die Tochter von Vorfahren des königlich-bayerischen Geheimrats, Obermedizinalrats und Universitätsprofessors Dr. von Ringseis, der 1785 in Schwarzhofen geboren wurde. Er erzählte seinen Töchtern häufig, daß seine Mutter bei ihren Großeltern erzogen wurde und in deren Verwandtschaft die Geschichte des Burgfräuleins von Generation zu Generation weitergegeben wurde. In seiner im Jahr 1909 von seiner Tochter Bettina herausgegebenen Biographie finden wir den Hinweis: „Eine nahe Verwandte der Großmutter hatte zu Hohenfels in der Oberpfalz, von fremden Soldaten verfolgt, sich ihrer Gewalt entzogen, daß sie sich aus einem Fenster des Schlosses in die Tiefe gestürzt und so den Tod gefunden.“

Interessant ist was das Sterbebuch von 1637—1662 als Einleitung bringt:

„NB! Sindt zwar in diesem Jahr (1637) viel Leut gestorben sonderlich auf den Dörfern, welche aber wegen Unsicherheit und Kriegsgefahr nit alhero zum Gottsacker haben können gebracht werden, sondern hin und wieder in die Gärten, unter die Zäun und auffs frye Veld sind begraben worden.“

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Die Verpfändung Wolfseggs

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Die Verpfändung Wolfseggs

Von Josef Seidler

Dem berühmten bayerischen Kanzler Dr. Leonhard von Eck — 1508 mit Wolfsegg belehnt und 1550 gestorben — folgte im Besitz sein einziger Sohn Oswald von Eck nach, welcher 1550 damit belehnt wurde. Oswald von Eck war Altertumsforscher und Münzkenner und hatte auf Randeck einen bedeutenden Schatz von kostbaren Büchern und Handschriften gesammelt. Sein großer Reichtum an Schlössern und Hofmarken aber zerstob in alle Winde. Über ihn sagt Hund (III. 288): „hat ein großes Gut zusammengebracht, aber es ist durch ihn nicht wohl gehaust, in 10 oder 12 Jahren, was sein Vater in 40 Jahren erobert, wiederum anworden, ob es sein oder des Guts Schuld, weiß Gott, derhalben er mit seinem Weib und Kindern fast alle seine Güter 1564 abgetreten, damit die Gläubiger bezahlt, dazumal Eisenhofen, Schnittbach, Aspach, Haunstett, Randeck und anderes mehr verkauft worden. Er ist darauf Pfalzgraf Wolfgangs Landrichter zu Burglengenfeld geworden. Nachmalen wiederum nach Kelheim gezogen; † 1573, 50 Jahre alt.“

Oswald von Eck, Erbmarschall des Hochstiftes Regensburg, verpfändete auch die Hofmark Wolfsegg mit Holzheim 1) im Jahre 1560 an Hans Thumer (III.) zu Zeitlarn und Bruckberg, Pfleger in Regenstauf. 2)

Der Verpfändungsbrief lautet stark gekürzt: 3)

„Ich Oswald von Egkh auf Randeck und Eisenhofen — gebe kund, daß ich — dem edlen und Vesten Hannsen Thumer zu Zeidldorn und Bruckberg, Regunda seiner Hausfrauen und all ihren Erben 240 fl. in Mainz gemeiner Landswährung als jährlichen ablösigen Zins – von und aus meinem Schloß und Sitze, auch den zweien Hofmarken Wolfsegg und Holzheim, allen Oberkeiten, Wildbannen, Fischweiden, Zu– und Eingehörungen, Zinsen, Nutzen – das alles verkauft und pfandlich verschafft habe und ihr Recht redliches Unter– und Fürpfand heißen und sein solle. Darumb er mir hier ausgereicht und bezahlt hat 4000 fl. Rheinisch in Mainz, die ich also hiermit empfangen und in andern meinen Nutz gewendet hab. Demnach will ich und meine Erben die 240 fl. Jährliches Geld dem Thumer — oder wer diesen Brief mit ihrem guten Willen innehat, nun hinfür jedes Jahr auf S. Michaelstag unverzögentlich gen Regensburg in die Stadt reichen. — Wo ich oder meine Erben aber — die Zinsung jährlich nicht reichen — so hat Thumer ganze Macht und erlangtes Recht, umb alle Ausständ, verfallene Gült, Hauptgut und Schäden die obgenannte Fürpfand laut ihrer über solche verpfändete Güter überantworteten Salbücher und Stiftregister – anzugreifen, innzuhaben, zu nutzen, zu verkaufen, zu versetzen oder zu verganten als ihr eigenschaftlich Gut mit oder ohne Gerichtshilf –so lang, bis sie des Hauptgutes, Interesses und Schadens habhaft geworden sind. – Ich will auch Thumer von Reis Steuer und aller gemeiner Landsbeschwer freihalten und entheben, wie es beim Kauf und jährliche Verzinsung Recht und Gewohnheit ist. Ich will auch die Unterpfand samt der selben Zugehörigen außer ihres Wissens und guter Verwilligung ferner nicht versetzen, verkümmern, noch weiter beladen. — Thumer hat für sich und seine Erben — den guten Willen getan, daß ich und meine Nachkommen von ihnen die 240 fl. Jährl. Zins wohl ablösen und wiederkaufen mögen. — Solche Ablösungen sollen ich und meine Erben allwegen ein halb Jahr vor der Zinszeit aufschreiben alsdann zu S. Michaelstag darnach die 4000 fl. Hauptgut samt der verfallnen Zinsung geben und zurückzahlen. Wann Thumer oder seine Erben die Hauptsumme — nimmer liegen lassen wollen, sollen sie gleichfalls ein halb Jahr vor S. Michaelstag abkünden. — Des zur wahren Urkund habe ich Oswaldt von Ekgh mein eigen anhängend Insigel zu End dieses Briefs fürgedruckt und mich mit eigner Hand unterschrieben. Gegeben auf Sonntag den 29. September 1560 an S. Michel des heil. Erzengelstag.

Wolfsegg sml

Zeichnung von Hans Laßleben

Wie damals üblich entspann sich auch um das Pfand Wolfsegg ein langwieriger Streit. Der erste S. Michelstag war vorübergegangen ohne erfolgte Zinszahlung. So sah sich Hans Thumer genötigt zuerst seinen Richter, dann den Boten Niklaus zweimal und Leonhart von Bruckberg 4) mit Briefen nach Kelheim zu senden. Jeder aber wurde von Herrn Ecken ungebührlich abgewiesen. Für einen Gang wurden 4 Patzen (je 4 Kr.) Botenlohn gereicht. Nun sandte Thumer seinen Richter am Osterfeiertag 1562 gen Kelheim mit dem Befehl den schuldigen Zins ernstlich mit Drohung der fürstlichen Obrigkeit einzufordern. Der Richter verzehrte mit dem Rosse 40 Kr., wurde aber von Herrn von Eck abgewiesen mit der Vertröstung, daß er nach kurzer Frist noch bezahle. Danach schickte Thumer den Boten Wilhelm und hierauf auch obgenannten Leonhart von Bruckberg zweimal gen Kelheim und einmal nach Eisenhofen, wodurch 1 fl. 20 Kr. Besoldung entstanden Nachdem in der Güte auch späterhin nichts half, war Thumer gezwungen, die Sache durch fünf aufeinanderfolgende Boten der hochlöblich Pfalzgräfischen Regierung zu Neuburg anhängig zu machen. Von den in der Regierung um 40 Kr. Ausgestellten vier fürstlichen Befehlen wurde ein jeder in Sonderheit Herrn Oswald von Eck zugestellt. Es konnte jedoch nichts Fruchtbares erreicht werden. Nach weiterem Hin und Her von Laufboten zwischen Lengenfeld, Zeitlarn und Neuburg machte sich Thumer endlich selbst „von seinem Sitz zu Bruckberg in Bayern, allda er denn dazumal gehaust“ und reiste nach Regenstauf zur Tagung, wohin auch von Eck erscheinen sollte, der aber in letzter Minute „anderer Geschäfte halber“ absagte. Das verursachte dem Thumer neben den erbetenen Beiständern nur unnütze Kosten und Zehrung.

Inzwischen war der zweite S. Michelstag vergangen. Drei Verhandlungen wurden in Burgengenfeld angesetzt, welche Herr von Eck alle ungehorsamst versäumte, während die Beiständer beim Wirte Hansen Jäger einkehrten und unserem Thumer durch Trunk und Speise über 27 fl. Unkosten bereiteten. Auf der zu Neuburg vor den fürstlichen Anwälten und Räten gegen Herrn Eck gehaltenen Tagung sind Hansen Thumer, bis er die Tagung zustande gebracht und ohne Erscheinen des Gegners, vollendet hatte, an Reisekosten, Prokuratoren- und Botenlohn, für Befehle und Rezesse in der fürstlichen Kanzlei 39 fl. 52 Kr. Aufgelaufen. Kurz und gut, es wurden über 30 Boten vergeblich hin- und hergeschickt, es waren 6 Verhandlungen und an unvermeidlichen Kosten hatte Thumer 129 fl. ausgelegt.

Laut Pfandverschreibung hatte Thumer nun das Recht, das Pfand Wolfsegg anzugreifen. Am 11. Mai 1563 erfolgte der fürstliche Einsatz, d. h. die Einkünfte aus dem Unterpfand Wolfsegg wurden Hans Thumer vom Landrichter zugesprochen. Am gleichen Tag lief ein Landbote von Burglengenfeld nach Wolfsegg zum Burghüter und verkündete, daß alle Wolfseggischen Untertanen ihrer vorigen alten Pflicht mit deren sie Herrn Ecken verwandt gewesen, enthoben seien und von nun an den Thumer ihre Gülten reichen müßten.

Der Pfandschilling aus der Hofmark Wolfsegg betrug laut Stiftregister 81 fl. an Pfenniggülten und 13 Schaff Getreide, welche Thumer zu je 4 fl. anschlug, zusammen also 133 fl. Diese jährlichen Einkünfte reichten demnach — nach Thumers Berechnung — an den vertraglichen Zins von 240 fl. nicht hin. Außerdem berechnete Thumer aus dem Minderaufkommen, den ausständigen Zinsen, den Unkosten 5% Verzugszinsen. Mehr hatte er in jedem Jahr seines Inhabers (1563 – 1570) den Pfandschilling Wolfsegg mit 20 fl. zu steuern, vom Hof zu Stetten jährlich 1 fl. 7½ Kr. und wegen aller Freistiften jährlich 5 fl. Als Landsteuer abgeben müssen. Zudem verbaute Thumer am Schloß Wolfsegg 130 fl. 3 Kr., kurzum, die anfängliche Schuld von 4000 Gulden wuchs innerhalb von 11 Jahren auf 6147 fl. 29 Kr. an. Zwar hatte sich Thumer 1565 unter Vorlage des Rechnungsberichtes bei Pfalzgraf Wolfgang selbst beschwert und diesen um gnädige Hilfe gebeten; 1568 schickte er sogar einen Boten zum Reichstag nach Augsburg, wo der Fürst weilte; allein auch dieses Unternehmen blieb ohne Erfolg.

Die Fehden zwischen den hohen Herren spielten sich früher wie schon immer auf Kosten der armen Leute ab. Thumer konnte wie in der Verpfändungsurkunde steht“… dazu alle Eckschen Untertanen an Leib und Gütern aufhalten, nötigen, belegen und sich damit bepfunden, vergnügen und vergewissern so lang viel und genug, bis ihm alle Ausstände … ganze Begnuegung beschehen ist.“ Der Fleisch Michl, welcher Burghüter des Herrn von Eck zu Wolfsegg war und den die Leute den „Eckl Michl“ nannten gab zu Protokoll, wie sich der Thumer schadlos hielt:

„Item die Untertanen hat er all gehöhert; hatte einer 1 fl. gegeben, so jetzt 2 fl. (für Scharwerk).

„Item auf den Zehent 2 Schaff mehr an aller Leut Getreid.

„Mehr hat er den Köblern, einen wie den andern, ein Schankgeld von 8 Groschen auferlegt; er wolle dies verleiden, bald solches nit geschehen ist.

„Mehr muß von den Bauern Pfund Schmalz und von den Köblern jeder 2 Pfund Schmalz geben.

„Item einer Wittfrau zu Holzheim, Mäumel Görging genannt, 1 fl. für das Zimmerrecht abgenommen;

„Item hat Michl Ellmauer ½ Schaf Korn und ein ½ Schaff Haber mehr zu geben, ebenso der Pegal von Pettenhof 2 Schaff Korn.

„Mehr der Bauer aus einer Holzwiesen von Hirmstetten 2 Taler.

„Mehr geben 2 Bauern von Wolmsbach 1½ Taler für ihre Garben.

„Mehr hat er 2 Bauern von Hohenwart zu Wolfsegg ins Gefängnis eingelegt, sie sollten für die Garbe dritthalbe geben, es will aber ein jeder nicht mehr denn samt der Fastnachthenne geben; sie sind das nicht schuldig.

„Der Wolfschmied aus einer Wiesen auf dem Weiher gibt 1 fl.

„Mehr mußte der Innenmannn von Wolfsegg einen Neubruch, daran ein halb Schaff Korn gesät, dem Thumer abtreten

„Zwei Vogelherd gaben 1 Taler und im übrigen 80 Vögel.

„Mehr der Frauen (Mollerin) von einer Wiesen in Heizenhofen 2 Synch Eisen (9 fl.) zugelegt“ Mehr hat er den Ampmann von 5 Viertl Dienst-Korn ein Viertl abgezogen.

„Mehr hat er demselben eine Forstwiese und einen Acker von seinem Dienst genommen und Gersten daran gesät (2 Schaff).

„Mehr hat er den Weiher ausgefischt und ganz zu seinen Händen genommen.

„Mehr hat Thumer einen Brand gemacht und 2 Schaff Gerste daran gesät.

„Mehr hat er einen großen Schlag mit seinen Untertanen niederhauen lassen: so läßt er den Wald ganz verderben.

„Vom Forst in der Kerben hat Thumer auch das Holz abgehaut und ungeahndet heimgeführt.

„Mehr hat er dem Lorenz Ziegler zu Regensburg bei 500 Klafter Holz zu kaufen gegeben. Die Klafter um 5 Kreuzer.

„Item der Bauer von Stetten mußte ½ Schaff Korn mehr reichen; die Gerste in der Brache hat Thumer genommen. Ebenso 10 Metz Äpfel und Birn; 100 Eier, 5 Hennen, 4 Pfd. Schmalz hat er fürder alles mehr zu geben. Den Bauern hat er umb 80 fl. gebracht und gar vertrieben“

Im Stiftbuch lesen wir bei dem selben Bauern: „Ist zu dem Herrn gekommen, verabschiedt“. Ohne Loszettel durfte Niemand den Wohnsitz verändern. Der Weglaß oder Abzug mußte erkauft werden. So heißt es weiter: „Wolf Randl von Stetten, Abzug geben müssen 1 fl. und 1 Kalb.“ Wer die Lasten nicht tragen wollte, mußte er den Hof aufgeben.

„Mehr hat Thumer den Bauern von Käfersdorf (Lienhart Perger) in das Gefängnis zu Wolfsegg gehabt und ihm mehr Gült auferlegen wollen.“ 25 Jahre später (1596) wird bei einer Kaufbriefkontrolle der nähere Sachverhalt erzählt: „Der Schwenk von Sachsenhofen zeigt an, daß das Schloß Wolfsegg jährlich 4 fl. gen Pielenhofen geben müsse; dies hätt der Thumer den Käferbauern wollen auferlegen, der Käferbauer wollte das nicht tun, sondern ist vom Hof gelaufen; hernach hat der Thumer die Gulden auf sein Schwenkenhof gelegt; hiergegen gibt der Thumer ihm jährlich ein Fuder Holz und 24 Bäum“.

Den verlassenen Hof erwarb 1570 Hans Trexl. Dieser mußte das Gut neu bestehen, d. h. 1 Fünfzehntel des Gutswertes bezahlen. Thumer forderte aber „übermäßiges Aufzuggeld, nämlich 12 Gulden“.

Auf dem Pettenhof bei Laaber, zur Herrschaft Wolfsegg gehörig, zinste Lienhart Pegel nach altem Herkommen 1 Gulden Stift und 1 Schaff Korn. Thumer steigerte ihn um 2 Schaff, Das Weitere entnehmen wir dem Stiftbuch: „Der Pettenhof ist auf 6 Jahre verlassen und die Zinsung steht längst aus. Auch der neue Inhaber des Pettenhofes Georg Hinterhager lamentierte 1596 dem Landrichter: „Ich habe den Hof dem alten Hans Thumer selig vor 18 Jahren abgekauft für 200 Gulden, er hat mir aber das Gut hernach geteilt und dem Hans Merl auch halb gelassen. Nun gibt jeder von seinem halben Teil ein Schaff Getreide, jeder 1 fl. 15 Kr. Zins und Scharwerk auf 1 Wagen.“ Manche Bauern verließen also den Boden, der ihnen weder Freiheit noch Hoffnung ermöglichte.

Der eigentliche Herr von Wolfsegg ist in dieser Fehde immer noch Oswald v. Eck zu Eisenhofen, wenn auch Thumer die Pfandschaft auf seine Art nutzte. Es liefen immer noch Boten mit Schreiben hin und her. Allein Oswald von Eck betrachtete voll des Hochmutes den Hansen Thumer als Gegenstand seines Mutwillens. Endlich schrieb er an den Gerichtsschreiber Michael Thony zu Burglengenfeld, dato Ingolstadt den 21. Jan. 1571: …

Sonder guter Freund! … Erstlich die Thumersche Festsetzung belangend: Wiewohl mir nichts lieber, denn daß ich aus dieser Handlung wäre, aber weil der Termin zu Schmidmühlen und nit zu Kallmünz, auch auf den 25. Jänner schon festgesetzt ist, so könnt ihr selbst erachten, daß mir und meinen Freuden solchen Weg zu bestehen unmöglich. Bitt derohalben ihr wollet auf meine Kosten diese Festsetzung (den Termin) abschreiben und einen anderen Tag ungefähr um Fastnacht ansetzen. Die Brief an mich müssen immer auf der Achsenpost umbfahren (befördert) werden. … Was weiter des Gantrechtes halber erfolgt, sei bei den Göttern. Das ich aber sollte der kleineren Personen nachgehen, dessen wird mich niemand bereden; denn sie sind mir zu wenig darzu und Gloriam meam non dabo, 5) aus einem Schmerlaib kann ich keinen Marzepan machen. Befördere die Wolfseggsche Handlung dahin, daß ein peremptorischer Weg angesetzt werde und mir auch bei eignem Boden meine Bezahlung zukommt. Damit was euch dienstlich lieb ist.

Den nächsten Tag verreiste v. Eck nach München. Außerdienstlich schrieb er an Thony noch dazu: „Das Richter- und Fischmeisteramt hab ich auch längst heimgesagt und derhalben zu Schmidmühlen inniglich Glück darzugegeben; denn ich zum Dienst soviel nit bedarf als zum Abdanken.

Am 5. März 1572 war endlich im Rathaus zu Kallmünz die entscheidende Verhandlung in dem elfjährigen Streit. Johann Görg von Gleißenthal zu Emhof, Prälat von Speinshart und der Obern Pfalz Kurfürstlicher Rat war der Obmann. Auf Ecks Seiten standen Michael Thony und Leonhard Sauerzapf als Unterhändler. Für Thumer sprachen Hans Joachim von Bertlzhof (Pertolzhofen) zu Traidendorf und Johann Gering, Magister und Schultheiß zu Regensburg.

Nach langwierigem Wortgefecht wurde zunächst folgendes zu Protokoll gebracht:

Die Hauptsumme ist anfänglich 4000 Gulden gewesen. Davon sind ausständig die Jahresgülten von anno 61 und 62. 1563 hat Thumer vom Gut Wolfsegg die erste Stift eingenommen und bisher genutzt. Dermal sind wenig Erbrechter sondern meist Freistifter gewesen; trotzdem hat Thumer die Erb zum Teil verkauft —, die Freistifter wie auch die Erbrechter in Gült und Zinsen gesteigert, wie denn gen Thumer mehr als eine Klag bei der Obrigkeit fürgekommen. Item sind auch nit wenig Handlohn von den veränderten Gütern genommen und nicht ein wenig Anzahl Holz zu Bauern und Brennen verhauen und sonst wegvergeben worden. Anders wieder, daß Thumer das Schaff Getreid mit nur 4 fl. angeschlagen, während es doch mehr Zeit anher doch 10 fl. galt.

Oswald von Eck drang also kräftig darauf, das wahre Einkommen Thumers aus dem Fürpfand in Betracht zu ziehen. Er spricht:

Dagegen bitt ich zu rechnen, was Thumer diese Jahre her an Getreide, Wiesmat, Verkauf von Holz Auf- und Abzüg. Geldtrafen, Steigerung – genossen und wie viel er über diese 4000 fl. bringt. Dann bitt ich es, das Gut Wolfsegg, ihm zu verkaufen um gutes Geld angeschlagen wie üblich. Das Gut Wolfsegg ist mir um 5000 fl. in der Steuer angeschlagen und mit 50 fl. von mir versteuert worden.

Thumer hatte mehr aus dem Pfand gezogen als ihm gebührte. Da es nunmehr um den Kauf der Hofmark Wolfsegg ging verlangte von Eck über die Schuldsumme von 4000 fl. sogar noch 1500 fl. Aufgeld. Doch wurde darum, laut Protokoll, heftig hin und her gehandelt, bis es zwischen 600 und 800 fl. verbleibt. Die Handlung hatte sich „erstoßen.“ Die Thumerschen Beiständer zeigten nämlich an, „das ihr Prinzipal so wild, daß er weder 500 fl. noch 1000 bewilligen wolle, sondern wolle viel lieber die 4000 fl. Schuldsumme und die liquidierten Unkosten nehmen und er weigere sich, nicht das wenigste darüber hinauszugeben, da er sonst keinen Pfennig oder Nutzen auf diesen Gütern hätte.

So ließ zum Schlusse der Herr Prälat und Obmann die Erkenntnis und den Spruch ergehen, „daß der von Eck dem Thumer für alle Ding geben soll 4700 fl., doch in alle Weg und Gutheißen des Landesfürsten.

Hans Thumer zu Zeitlarn und Bruckberg starb 10 Tage nach dieser Verhandlung am 15. März 1572. 6)

Oswald von Eck folgte ihm im Jahr 1573 im Tode nach.

Dadurch kam es, daß 1573 die Güter Holzheim und Wolfsegg noch unter den Hinterbliebenen der beiden Verstorbenen strittig wurden. Es erging Beschwerde des Fiskus beim Lehengericht gegen die Erben des Hans Thumer wegen unrechtsmäßigen Besitzes der ritterbaren Hofmark Wolfsegg. Der „Kauf von Wolfsegg ist aber scheinbar mit fürstlicher Bewilligung doch erfolgt; denn der neue Herr der Hofmark Wolfsegg Hans Thumer (IV.) tat am 25. Und 26. Januar 1574 Lehen– und Landsassenpflicht. Die Wolfsegger Untertanen jedoch hatten Hans Thumer selig noch lange nachhaltig im Gedächtnis, wie aus den Urkunden von 1620 hervorgeht, die Beschwerden hatten nichts geholfen. Die Erhöhungen der Beschwernisse verblieben auch fürderhin in ihren Stiftsbriefen.

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1) Leon. V. Eck hatte 1541 von Jörg von Raidenbuch (Raitenbuch) 6 Gütlein in der benachbarten Hofmark Holzheim gekauft. Erst 1618 erhielt diese A. G. Silbermann um 1000 fl. von Herzog Philipp Ludwig verliehen. Somit war Holzheim 77 Jahre mit Wolfsegg verbunden.

2) Thumer entstammte einem reichen Bürgergeschlecht, das erst in Nürnberg, dann in Regensburg auftrat und 1616 erlosch.

3) St. Archiv Amberg. Neub. Ertr. 13465

4) Bruckberg südlich der Donau zwischen Landshut und Moosburg gelegen. Hans Thumer hatte 1558 den Sitz Bruckberg von Wolf Judt erkauft.

5) „Meinen Ruhm gebe ich andern nicht.“

6) Die Ehefrau Radegund, eine geb. Reichlin von Meldeckh † 6. Februar 1587 in Bruckberg, wo sie auch begraben ist.

(„Die Oberpfalz“, 1938)

Nachrichtendienst im 30jährigen Krieg

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Eine schwarze Liste über die Anhänger des Kurfürsten Friedrichs V. von der Pfalz vom 26. Dezember 1623

Von Generalmajor a. D. Dollacker

Friedrich V., der „Winterkönig“, hatte nach der Schlacht am Weißen Berge Böhmen verloren und war über Breslau, Küstrin, Wolfenbüttel zu seinem Onkel Moritz von Oranien, dem Generalstatthalter der Niederlande geflüchtet. Am 22 Januar 1621 sprach der Kaiser über ihn, den Fürsten Christian zu Anhalt, den Markgrafen von Jägerndorf und Mansfeld die Acht aus, am 25. September 1621 nahm Maximilian von Bayern Cam ein, am 8. Oktober besetzte er Amberg und nahm die Oberpfalz im Namen des Kaisers in Verwaltung. Am 22. September 1622 fiel Heidelberg in die Hände Tillys. Friedrich V. gab die Hoffnung auf den Wiedererwerb nicht auf und fand außer dem in seinem Solde stehenden Grafen von Mansfeld noch viele treu ergebene Anhänger, die für seine Sache kämpften, so vor allem den Prinzen Christian von Braunschweig, der „Halberstädter“ genannt, den Markgrafen von Jägerndorf, den Markgrafen von Baden-Durlach, den Siebenbürgenfürsten Bethlen Gabor, ferner eine große Zahl von Beamten und zur politischen Verwendung geeigneten Personen, die sich ihm zur Verfügung stellten.

Aufschluß über sie gibt eine „Lista und Verzeichnus deren correspondenten und heimblichen Kundschafter, welche mit dem Pf. noch auf die heutige Stundt auß den Reichsstädten, item auß Böhmen, Mähren, Österreich, Ober– und Unterpfalz, Brandenburg, Niedersächsischen Kreuß etc. zu höchstem präfudicio ihrer Kaiserl. Majestät und zu erweckhung neuer Unruhen im Reich nicht nur vor sich selbst correspondiren sondern auch des Mansfelds, Halberstädters, Gabors, Jägerndorfers und anderer öffentlichen Ächter, türkische und ander unchristliche praktickhen, so vil an ihnen. Äußerigsten Vermögens befördern helfen.“

Die Liste ist als Nr. 871 der Dreißigjährigen Kriegsakten im Staatsarchiv Amberg niedergelegt, vom 29. Dezember 1623 datiert, trägt aber keine Unterschrift. Sie ist offenbar ein Auszug aus dem „Extrakt deß schwarzen registers am Kaiserlichen Hoff“, der ebenfalls ohne Unterschrift und ohne Datum in Londorp, II. Teil S. 725 ff. enthalten ist. Sie bringt verschiedenes, was in dem Extrakt nicht steht.

1.) Johann Joachim von Ruesdorf war 1589 geboren. Sein Vater Hans Georg war als Protestant aus Niederbayern in die Oberpfalz gezogen und wurde Pfleger zu Murach. Hans Georgs Frau war eine geborene Pelkofer und hatte von ihrer Schwester Cordula Teufel das Gut Eigelsberg bei Oberviechtach gekauft. Johann Joachim studierte mit 2 Brüdern am Pädagogium in Amberg, kam 1607 auf die Universität in Heidelberg, begleitete Friedrich V. bei seiner Brautwerbung nach England, machte 1613 – 15 Reisen nach England und in andere Europäische Staaten, wurde 1616 Rat am obersten Gerichtshof in Heidelberg und bald darauf Mitglied des Staatsrates. Als Friedrich V. Anfang November 1619 die Regierung in Prag antrat, blieb er in Heidelberg, wo sich Gustav Adolf einfand. Ruesdorf suchte ihn für das böhmische Unternehmen und für eine Heirat mit einer Tochter Friedrich IV. zu gewinnen, ohne jedoch einen Erfolg zu erzielen. Im Januar 1620 reiste er mit dem Stiftshauptmann von Waldsassen, dem Grafen Achatius zu Dohna, zu Jakob I. nach England, dann nach Paris und Holland. Nach der Achterklärung Friedrich V. wies er in einer Schrift deren Rechtsungültigkeit nach. Dann wirkte er als Gesandter in London 5 Jahre durch Wort und Schrift auf die öffentliche Meinung ein, fand jedoch einen Gegner im Staatsmann Buckingham, der seine Abberufung durchsetzte. Während dieser Zeit hat sich Ruesdorf vom Juli 1621 – 10. Juli 1622 beim englischen Gesandten in Wien unter dem Vorgeben, daß er im Dienste des englischen Königs stehe aufgehalten. Er hat über die Vorgänge in Wien wöchentlich nach Heidelberg, Stuttgart, an die Witwe Friedrichs IV., an Friedrich V., an den Statthalter Johann in Heidelberg, an den ehemaligen Statthalter der Oberpfalz, Fürst Christian zu Anhalt, und an die Räte in Heidelberg berichtet, stand mit den aufrührerischen Ungarn, mit dem Siebenbürgenfürsten Bethlen Gabor, dem Markgrafen von Jägerndorf, mit dem Grafen Thurn, besonders aber mit dem Magnaten Budiani, bei dem er während der Friedensverhandlungen 1622 einige mal in Ungarn war, in Verbindung. Die Liste beschuldigt ihn, in Ungarn, Böhmen und Österreich Unruhen anzustiften und bezeichnet ihn als einen äußerst gefährlichen Feind des Kaisers und Maximilians von Bayern.

Die letzten 13 Jahre seines Lebens verbrachte er im Haag, von wo er zu verschiedenen politischen Aufträgen verwendet wurde. Dort starb er am 20. August 1640 und wurde in der Hauptkirche begraben.

Ein Bruder, Georg Philipp, stand 1625 in dänischen Diensten, ein zweiter Bruder, Georg Balthasar, war 1625 in Hamburg. Eine Schwester war Hofdame bei der Kurfürstin von Brandenburg, die eine Schwester Friedrichs V. war. Sie heiratete 1525 einen Oberst von Gürnitz.

2.) Johann Bosch Dr. Jur., ehemaliger Hofrat und Oberschultheiß zu Heidelberg, hat sich einige Zeit in Nürnberg aufgehalten und den Briefwechsel Friedrichs V. mit Mansfeld, Bethlen Gabor, dem Markgrafen von Jägerndorf , dem Thurn und anderen besorgt. Er hat den pfälzischen Gesandten, die heimlich nach Nürnberg kamen, Geld verschafft, wechselte Briefe mit dem Amberger Kanzler Dr. Petsch und dem dortigen Regimentsrat Dr. Heber und ist oft nach Heilbronn, Speyer, Straßburg, Stuttgart, Frankfurt gereist. Er half die goldenen Schlüssel, die Friedrich V. auf der Flucht nach Breslau versetzt hatte, in Nürnberg zu „vertuschen.“ Eine Bewerbung am Reichskammergericht in Speyer, wo er für Friedrich V. wirken wollte, gelang ihm nicht. 1623 gab er sich für einen englischen Residenten aus und erreichte, daß man ihm in Heidelberg und in der ganzen Pfalz duldete. *1) Er hat am 6. April 1623 einig Schreiben, die zwischen Kursachsen und Kurmainz gewechselt wurde, „expraktiziert“ und die durch den Backofen und Frankfurter Postmeister Johann von der Bürgden an Friedrich V. gelangen lassen. Die im Solde Friedrichs stehenden Oberst Merven und General de Beer wollten in kurzer Zeit Heidelberg und Mannheim angreifen und hatten in beiden Städten Kundschafter, die unter Anleitung des Dr. Bosch alle für dieses Unternehmen in Frage kommenden Verhältnisse erkundeten. „Man solle Bosch verhaften und ihn über die Verhandlungen mit den Türken, mit Bethlen Gabor, dem Grafen Thurn, Moritz von Oranien, dem Auerbacher Landrichter von Schlammersdorf, Kanzler Dr. Petsch, den Herren Ölhafen, Remb, Tuchelin in Nürnberg, mit Camerarius, Ruesdorf, Plessen, mit England, Holland, Dänemark, Schweden, Konstantinopel, Venedig, Savoyen, Graubünden und Siebenbürgen „auf ernstlich zusprechen“ (Tortur?).

3.) In Berlin hielten sich auf; der ehemalige böhmische Oberkanzler Ruppa. Die Böhmen Berka und Müller (Vizekanzler), Graf Achatius zu Dohna , der bis 1619 Verbindungsmann zwischen den böhmischen Ständen und Friedrich V. war. Sie suchten eine Heirat zwischen Friedrichs Bruder Ludwig Philipp und einer sächsischen Prinzessin zu vermitteln, was auch Brandenburg in der Hoffnung begünstigte, Sachsen von Österreich zu trennen. Jülich wieder für Brandenburg zu gewinnen und den Neuburger Teil von Jülich dem Sachsen Kurfürsten von Sachsen einzuräumen. Diesem wurde auch der Besitz der Lausitz zugesichert.

4.) Dr. Ludwig Camerarius war ein Sohn des berühmten Nürnberger Arztes Dr. Joachim Camerarius, der 1596 den in Amberg erkrankten Vater Friedrichs behandelte. Er war am 22. Januar 1573 in Nürnberg geboren, trat nach dem Besuch mehrerer Universitäten in Deutschland und Italien 1598 in die Dienste Friedrichs IV., wurde 1603 Mitglied des Oberrats und bald der tätigste Diplomat in Heidelberg. Er erhielt 1613 die Prälatur Des Klosters Reichenbach in der Oberpfalz, wurde 1626 schwedischer Rat, 1629 schwedischer Gesandter bei den Generalstaaten. 1645 zog er sich von den Geschäften nach Gröningen zurück. Als die Pfalz wieder den Erben Friedrichs V. zurückgegeben wurde, siedelte er im Juni 1651 nach Heidelberg über, wo er im Oktober 1651 starb.

Camerarius war lange Zeit in Dänemark, dann in Bremen, bemühte sich 1623, den König von Dänemark in den Krieg zu ziehen. Er hatte bei den Regierungsgeschäften fast aller Höfe die Finger im Spiel, erhielt von dort Berichte, „concipirte, revidirte, accomodirte die meisten memoralia, Gutachten und Vorschläge.“ Er wollte den Kaiser nicht nur aus seinen Erblanden und Königreichen, sondern sogar aus Deutschland verjagen, Friedrich V. die böhmische und auch die deutsche Krone wieder verschaffen, sollte es auch mit Hilfe der Türken und Tataren geschehen. Er wollt das Reich in neue „Turbas“ und so zu seiner schlesischen „Vicecancellaria“ gelangen.

5: Backofen war früher Kellermeister in Weinheim, hatte Güter in der unteren Pfalz, hielt sich 1623 in Frankfurt auf, wo er mit Dr. Bosch beim Postmeister von der Bürgden, mit Dr. Haßmann in Heidelberg und mit Lingelsheim, der in Straßburg lebte, gegen den Kaiser arbeitete.*2) Gabriel Lingelsheim war seit 1594 Pfleger in Heimburg in der Oberpfalz, sein Vater war Lehrer Friedrichs IV.) Backofen hatte schon vor der Ächtung Friedrichs mit kalvinischen „Meutmachern“ (Aufrührern) in Böhmen, Österreich, Jülich, Aachen, Mühlheim, Worms und Heidenheim zusammengearbeitet. Backofen schrieb in einem Bericht, daß de Beer wegen der Übergabe von Mannheim um 10 000 Taler gestraft wurde, die der Garnison in Frankenthal überwiesen worden seien. Sekretär Erckenbrecht, der während der Belagerung in Mannheim gewesen sei, habe sie in Delft (Holland) empfangen. Backofen schrieb ferner, daß er einen Bruder in Heidelberg habe, der Dr. der Rechte sei und mit einem Haßmann dauernd an ihn berichte. Der Heidelberger Hofrichter Andreas Paul habe von London an Backofen geschrieben, England sei bis auf den letzten Blutstropfen entschlossen, sich an Bayern zu rächen, der König habe geschworen, nicht zu ruhen, bis er den Bayern von Land und Leuten getrieben habe. Backofen hat dies von Frankfurt nach Württemberg und Baden weiter berichtet. Da Backofen die meisten englischen Berichte übermittelte, solle man ihn und den Frankfurter Postmeister überwachen. Die Berichte könnte man in die Hand bekommen, wenn sie sein Diener zum Postmeister trage.

6.) Dr. Haßmann sei nicht der geringste der in Deutschland verbliebenen Rädelsführer, hetze in „Traktätlein“ anonym gegen den Kaiser, was aus seiner Handschrift und den Heidelberger Akten erwiesen sei. Er sei an dem pfälzischen Unwesen stark beteiligt gewesen, habe nach der Anhaltischen Geheimen Kanzlei und den Heidelberger Akten zur Zeit des Interregnums 1612 und 1619, dann in Sachen der Achterklärung intrigiert, gegen den Kaiser und seine Rechtsprechung schimpfliche Berichte verfaßt. Nach der Auflösung der Union hetze er gegen den Kaiser und suche eine neue Union zu gründen. Vom Markgrafen von Kulmbach lasse er sich als Kundschafter gegen Kursachsen gebrauchen. Er halte zu Camerarius, der seine Schwester zur Frau habe.

7.) Hofrichter Andreas Paul wurde wiederholt zu politischen Sendungen verwendet, so im Januar 1619 und im Sommer 1621 nach Wien, von wo aus er im Oktober 1621 mit dem englischen Gesandten Lord Digby zu Mansfeld nach Neumarkt reiste. Mansfeld stand damals durch Maximilian mit dem Kaiser wegen seines Übertritts in kaiserliche Dienste in Unterhandlung. Sein Bruder Karl Paul war Hof– und Bundespfennigmeister. Beide haben in Heidelberg viele Briefe hinterlassen, deren Aufzählung nach der Versicherung des Verfassers der „schwarzen Liste“ viel zu weit führen würde. In dem bösen Willen gäben beide dem Camerarius und dem Ruesdorf nichts nach, doch seien diese ihnen an List und Betrug überlegen. Aus den in Heidelberg an diese vier „Catilinis“ gefundenen Schreiben gehe folgendes hervor: Andreas Paul habe 1621 die Aussöhnung zwischen dem Kaiser und Friedrich V. hintertrieben, als Lord Digby sie in Wien schon nahezu bewirkt habe. Die gleiche Rolle habe er 1622 in Brüssel gespielt, wo er als Vertreter Friedrichs V. den Verhandlungen beigewohnt habe. Durch die Vorspiegelung, daß der Friede nur durch die kaiserlichen und spanischen Gesandten hintertrieben würde, glaubte er den englischen König zum Eintritt in den Krieg zu können. Wie gut es Paul mit dem englischen König meine, gehe daraus hervor, daß er ihn als Atheisten, Gotteslästerer, Ehebrecher und Wortbrüchigen bezeichnete, was aus der Handschrift des Tschernembl hervorgeht. *3) ein Konrad Paul wurde nach dem Prager Fenstersturz von Anhalt zur Berichterstattung nach Prag gesandt.

8.) Lingelsheim in Straßburg und der ehemalige Hofgerichtsrat Spina in Heidelberg schrieben gegen den Kaiser und die Achterklärung Friedrichs. Sekretär Moritz stand im persönlichen Dienste Friedrichs. Er begleitete Friedrich nach der Schlacht am Weißen Berge auf seiner Flucht nach Holland 1622 kam er mit einem Auftrag Friedrichs, kehrte aber bald ohne besondere Nachrichten nach Holland zurück. 1623 war er in Heilbronn wechselte Briefe mit Württemberg und anderen deutschen Fürsten und Ständen; alle Umtriebe der Vertrauensleute Friedrichs V. berichtete er durch eigene Boten an Lingelsheim nach Straßburg, an den Agenten Brederode der Niederlande, an den Prinzen Moritz von Oranien , an den Halberstädter, an Mansfeld und an Friedrich selbst. *4)

9.) Oberst Balthasar von Schlammersdorf auf Hopfenohe, Wolf von Wildenstein, Landmarschall Fuchs von Winklarn und der Landrichter von der Grün in Waldeck, ein Bruder des Heidelberger Kanzlers, arbeiteten zusammen. Wenn der Halberstädter und Mansfeld sich vereinigt hätten und durch Böhmen auf Amberg marschieren würden, dann solle das von Schlammersdorf im Geheimen geworbenen Kriegsvolk an der Grenze der Oberpfalz zu ihnen stoßen und mit Munition versehen werden. Schlammersdorf sollte dann die Huldigung der Ritter und Stände auf Friedrich V. vornehmen und die Gelder der Regierung der Landschaft und Stadt Amberg beschlagnahmen. Die Böhmen sollten zu Pferd und zu Fuß, aus dem Sazener, Ellbogener und Pilsener Kreis in die Oberpfalz einfallen, deren Landbewohner dann angeblich in die mit bayerischen Garnisonen belegten Orte flüchten, dort nachts die Bayern überfallen und sie in Forma einer Sizilianischen Vesper niederhauen“ sollten. *5)

10.) An diesen Machenschaften haben sich auch Kanzler Dr. Petsch und Rat Dr. Heber der Amberger Regierung beteiligt. Petsch war 1565 geboren, kam 1600 als Rat von Heidelberg an die Amberger Regierung und war mit einer Tochter des Amberger Theologen Dr. Wigand Spanheim verheiratet. *6) nach einem in Heidelberg gefundenen Schreiben des Pflegers von Waldeck beabsichtigte Petsch 1622 aus dem Amt zu scheiden, blieb jedoch, als aufmerksam gemacht wurde, daß er Friedrich viel mehr nützen könne, wenn er im Amt bliebe. E r wurde ständig überwacht, so als er im März 1623 in Nürnberg mit dem englischen Rittmeister Horri verhandelte. Im Jahre 1625 wurde er entlassen und im Schloß in Arrest gesetzt 1628 war er noch in Amberg, 1643 ist von seiner Witwe die Rede. Dr. Heber wurde 1617 Regimentsrat, heiratete eine Schwester des Heimburger Pflegers Lingelsheim, wurde 1626 entlassen und zog nach Nürnberg. Sein Vater war Bürgermeister von Neumarkt. Petsch und Heber haben dauernd mit Schlammersdorf brieflich verkehrt.

11.) Oberst Peblis war Schotte von Geburt, kämpfte 1610 im Jülicher Erbfolgekriegs als Oberstleutnant unter Oberst Graf Otto zu Solms im Elsaß gegen Erzherzog Leopold, von 1618 ab unter Mansfeld, bis dieser 1626 starb. Im Jahre 1633 stand er noch in pfälzischen Diensten. Er sollte beidem nächtlichen Überfall auf die bayerischen Garnisonen in der Oberpfalz den Oberbefehl führen und beim Anmarsch Mansfelds und der Ermordung der bayerischen Garnisonen aus den aufrührerischen Untertanen Abteilungen bilden und einen Teil nach Waidhaus führen, wo sie Wolf von Wildenstein übernehmen würde. Ein zweiter Teil sollte wegen des angrenzenden Bistums Eichstätt nach Neumarkt kommen, ein dritter in Sallern dem dortigen Richter Haller unterstellt werden. Wegen der Nachbarschaft von Bayern sollte ein vierter Teil mit der dem Rittmeister Hundt unterstellten Ritterschaft nach Cham gelegt werden. Der Rest des Mansfeldischen Volks war nach Auerbach bestimmt. *7)

12.) Landmarschall Fuchs sorgte in München im Einverständnis mit dem dortigen Rat für Waffen und Munition, deren Kosten die oberpfälzische Landschaft trug. Mansfelds Faktor, der neben dem Kaufmann Andrä Lempa unter der „Goldenen Gans“ wohnte, schloß den Vertrag ab. Kanzler Dr. Petsch, die Räte Dr. Heber und Dr. Ulrich standen deswegen durch den Faktor Mansfelds seit langer Zeit mit den Herren Ölhafen, Remb und Tuchelin in Nürnberg in Schriftwechsel.

13.) Nach diesem Schreiben stellten Imhof, Ölhafen und Asymus Schlauerbach, der stark Handel nach Österreich trieb, zur Verbergung der Waffen und Munition ihre Lustgärten und Lusthäuser zur Verfügung. Nachts sollten sie zu den Geuders nach Heroldsberg und von dort „unvermerkt“ in die Oberpfalz verbracht werden.

14.) Sobald der Siebenbürgenfürst Bethlen Gabor mit den Türken und Tataren nach Böhmen, Mansfeld in die Oberpfalz komme sollte der Aufstand in Böhmen und in der Oberpfalz ausbrechen. Hierüber wurden Vereinbarungen zwischen Prag und den in Berlin weilenden ehemaligen böhmischen Direktoren Ruppa, Berka und Müller getroffen. Die Leitung im Ellbogener, Saazer und Pilsener Kreis hatten die Schirndinger übernommen, deren „Examinierung“ empfohlen wird. Von der Oberpfalz wollte Mansfeld sich mit dem ganzen Heer nach Bayern wenden. Die Niederlage des Halberstädters bei Stadtlohn am 22. August 1623 habe die verhindert.

15.) Marquis Spinola hatte mit den Protestanten im Namen des Kaisers zu Mainz vereinbart, daß sie der Union entsagen und keine neue eingehen. Dem entgegen strebten der Markgraf von Durlach und andere protestantische Fürsten eine neue Union an. Oberst Fuchs versuchte hierzu den Markgrafen von Ansbach, den ehemaligen Landrichter von Amberg Graf Reinhard zu Solms und Reichsstädte zu gewinnen, die das ganze finanzieren sollten. Zum General dieser neuen Union war der Markgraf von Durlach ausersehen. Graf zu Solms, der die Geroldseckischen Güter an sich bringen wollte, und dies mit den Ansprüchen seiner Frau begründete, habe sich zum Generalleutnant, Oberst Fuchs zum Feldmarschall „aufgeworfen.“

16.) Wenn Mansfeld nach dem Aufstand in Böhmen und in der Oberpfalz in Bayern einfalle, Bethlen Gabor mit den Türken und Tataren auf Prag marschiere, sollte der Markgraf von Durlach mit seinem Heer in die Stifte Würzburg und Bamberg einrücken. Aus dem Schreiben Ruppas, Berkas, Müllers und des Freiherrn von Tschernembl an Friedrich V. sei zu ersehen, daß die Stieber, Rotenhan und Marschalken sich zu diesem Überfall erboten hätten. Man solle sie festnehmen, um durch sie noch andere“ dergleichen Gesellen“ zu erfahren.

17.) Außer den Schirndingern, die den Aufstand im Elbogener, Saazer und Pilsener Kreis übernommen hatten, haben Ruppa, Berka und Müller von Berlin aus mit dem in Prag in der Altstadt wohnenden Kapitän Schliff dahin verhandelt, daß er den Aufstand in Prag und in den Kreisen Leitmeritz und Außig übernimmt in der gleichen Weise, wie dies die ehemaligen Prager Appellationsräte Heckelshofen und David Rohr durch ihre Schreiben in Schlesien versucht hätten als Ruppa, Berka und Müller aus Böhmen vertrieben wurden.

18.) Frhr. von Tschernembl hat unter den Kaisern Rudolf II. und Mathias von Oberösterreich aus mit dem Amberger Statthalter Fürst Christian zu Anhalt korrespondiert, war im Sommer 1620 Kriegsrat in Prag, flüchtete nach der Schlacht am Weißen Berge nach Amberg und, als er sich hier nicht mehr sicher fühlte, nach Vaihingen in Württemberg. Als Friedrich V. 1622 aus Holland nach Mannheim kam, hielt er sich in Heidelberg auf, wo man viele Schreiben an ihn fand, der Anschrift an „den von Windeck“ lautete. 1623 wurden solche Schreiben aus Holland und Bremen durch den jungen Geigenkofer und den Hofmeister Tschernembls, der ein Eilenbeck war, und sich in Linz aufhielt, übermittelt. Er wäre wohl leicht „zu ertappen.“

19.) Zur Überwachen seien die Schreiben Bethlen Gabors an den Paladin Thurzo und an Tschernembl, (etliche Schreiben an diesen wurden in Heidelberg gefunden), an den von Hofkirchen, den Jägerndorfer und an Thurn. Ruesdorf habe mitten in Wien diesen Briefwechsel lange Zeit geleitet und über Nürnberg unter den Geschäftsbriefen der Kaufleute Calandrin, Schlaurbach, Gering, Forstenhäuser und Dr. Bosch befördert. Die orientalische Hilfe sollte durch die Übertragung der Kronen von Polen, Ungarn und Böhmen an Bethlen Gabor belohnt werden. Zu diesem Zweck hätte sich Thurn mit Generalvollmacht Friedrich V. nach Konstantinopel begeben, um die Türken zur Hilfeleistung für Gabor zu bewegen. Camerarius hätte schon im Oktober 1619 von Prag nach Heidelberg berichtet, daß Gabor zur Krone Ungarns auch Österreich legen wolle. Camerarius meinte aber, daß man Österreich viel mehr an Friedrich V. als den Inhaber der Krone Böhmens überlassen solle. Gioul Battista Foscarini wäre von dem verstorbenen Fra Pauolo Servita abhängig, sei viel im Friaulischen Kriege gebraucht worden, und habe von ihm Rat und Hilfe erhalten. Er habe erst neulich empfohlen, man solle Gabor, so lange er gegen Österreich kämpfe, mit monatlich 20.000 Kronen unterstützen *8).

20.) Savoyen sei bestrebt, in der Veltinischen Frage Frankreich ins Spiel zu bringen und damit Österreich in Italien zu binden *9). Es wurde darin von Moritz von Oranien, Venedig und Mansfeld unterstützt. Dieser versuche von Frankreich Geld zur Unterhaltung seines Heeres herauszupressen und habe den Oberst Peck, einem Schweizer, der unter Mansfeld in Pilsen eine Kompanie, dann in Frankenthal ein Regiment hatte, zum Herzog von Savoyen gesandt, um ihn über Mansfelds Werbungen und seine Bündnisse mit den nördlichen Staaten u berichten. Peck müsse bei seinen Reisen nach und von Savoyen das österreichische Gebiet bei Basel berühren. Man solle ihn dort erwarten und verhaften, man werde dann die Verhandlungen in Erfahrung bringen, die Mansfeld mit den auswärtigen Fürsten führe. Peck sei leicht zu erkennen, da er die Schweizer Mundart spreche, und von mittlerer Gestalt sei., ein pockennarbiges Gesicht und einen weißen, dünnen Bart habe.

21.) Samuel Weiß, ein geborener Berner, wurde 1622 von Mansfeld zum Direktor des Kriegsrates ernannt. Er soll die unkatholischen Schweizer veranlassen, bei Frankreich eine Unternehmung gegen Spanien zu beantragen. Er hat eine Verteidigungsschrift für Mansfeld verfaßt und wurde von diesem nach der Übergabe von Pilsen nach Frankreich gesandt um den vornehmsten Räten die Gefahren vor Augen zu führen, in die Frankreich bei Unterlassung einer Unternehmung gegen Spanien gerate. Mit dem gleichen Auftrag sandte Friedrich V. den Grafen zu Dohna zum französischen König. In einer Denkschrift für Dohna hatte Camerarius diese Gefahren ausgeführt und betont, welche Verbindungen Heinrich IV. mit der Kurpfalz unterhalten habe, ehe er katholisch wurde. Durch diese sei er zur ruhigen Nachfolge der Krone gelangt.

22.) der ehemalige Mansfelder Gouverneur von Hagenau, Graf von Löwenstein, bemühte sich, Venedig, Frankreich und Savoyen zum Einfall in spanisches Gebiet in Italien zu bewegen. Die solle anläßlich der Veltinischen Diversion in dem Zeitpunkt erfolgen, wenn der Aufstand in Böhmen, der Oberpfalz, Österreich, Schlesien, Mähren und Ungarn ausbreche, wenn Mansfeld sich mit dem Halberstädter vereinige, die Tataren nach Polen, die Türken unter Gabor in das Reichsgebiet kommen würde. Prinz Moritz von Oranien solle die spanischen und neuburger Garnisonen aus dem Lande Jülich vertreiben, die Venezianer sollten in Friaul angreifen, und was sie vorher gegen Gradiska versucht, bei dieser günstigen Gelegenheit nicht „verschlafen“. Sie sollten die Türken, wenn diese im Golf erscheinen und Neapel on Apulien her angreifen, unterstützen. Das Endziel sei: das Haus Österreich ganz aus Deutschland zu verjagen, die katholischen Stifte den Protestantischen Fürsten ganz auszuliefern und das Spiel, das Friedrich V. aufgegeben, von neuem anzufangen.

23.) Friedrich V. habe durch Bethlen Gabor, Thurn und Moritz von Oranien in Konstantinopel erreicht, was man kürzlich in Mähren zum äußersten Verderben verspürt habe. *10) Gabor und Berndorfer geständen, daß der Friede zu Ödenburg 1622 nur in der Absicht geschlossen worden sei, den Kaiser und die Liga in Sicherheit zu wiegen und an Kriegsvolk und Geld zu schwächen. Ein weiterer Grund sei gewesen, daß damals in Konstantinopel „alles über und über gegangen“, daß die ungarischen Stände mit Bethlen Gabor unzufrieden gewesen seien und sich von ihm trennen wollten. Gabor wolle, wie den Kaiser so auch die Ungarn sicher machen, verblenden und die gut kaiserlich Gesinnten ausrotten. Tschernembl habe dies gebilligt. Man müsse die Neutralen und die Unionstände „wiederum bei den Haren in das Spiel ziehen, oder wie Camerarius sage, durch entgegengesetzte Wirkungen zum Ziel du zur Wiederaufnahme des Kampfes bringen. Sie würden dann von selbst mit dem Kopf hinansetzen, wie zur Zeit Caroli V. geschehen“.

24.) Bethlen Gabor hatte für den Sommer 1623 für seinen Bruder, für den Jägerndorfer, Thurn und Hofkirchen folgendes angeordnet: sie sollten zu der Zeit, in der die Tataren und Moskowiter in Polen einfallen, der Halberstädter mit Mansfeld ins Reich eindringen, die neue Union und Neutralen sich öffentlich für Friedrich V. erklären würden, mit dem ungarischen Heer in das Herzogtum Oppeln und Ratibor marschieren, die Grenzen gegen Polen besetzen und auf Prag vorgehen solle. Gabor wolle Ungarn, Österreich und die windischen Lande besetzen. Venedig solle für seine Auslagen mit einigen angrenzenden Gebieten entschädigt werden.

25.) Damit die Türken nicht den Eindruck gewinnen, daß Gabor, die Sache allein betriebe, wurde Graf Thurn nach Konstantinopel gesandt. Er hatte von Friedrich V. und den ausgewanderten böhmischen, mährischen und oberschlesischen Rebellen Generalvollmacht zu erklären, daß alle Abmachungen Gabors mit der Türkei und Friedrich V. und den „ausgetretenen Ständen“ gebilligt würden, wogegen die Türkei baldigst die nötige Unterstützung senden sollten. Graf Thurn kam im November 1622 mit der zustimmenden Erklärung der Türken bei Bethlen Gabor an, worauf dieser, der Jägerndorfer und Ruesdorf zu Friedrich V. sandten, Ruesdorf traf im Januar 1623 im Haag ein berichtete Thurns Verhandlungen in Konstantinopel. Die im Sommer eingeleiteten Bewegungen Mansfelds und des Halberstädters wurden am 6. August 1623 durch dessen Niederlage bei Stadtlohn vereitelt.

26.) Die türkische Unterstützung sollte zu Land und zur See erfolgen. Bethlen Gabor und Mansfeld hatten Venedig ermahnt, mit ihrer Flotte zu verhindern, daß die spanische Armada Apulien, Zengg (südwestlich von Fiuma) oder Fiuma bedrohe, wenn die türkische Flotte in den Golf von Neapel einlaufe. Das türkische Landheer solle stets in der Nähe der mittelländischen Küste bleiben. Graf Thurn berichtete, daß in Griechenland bereits Anordnungen getroffen seien, den Türken schwere Artillerie mit Munition auf dem Mittelmeer zuzuführen, diese träfen an der Grenze die nötigen Vorbereitungen, bis Gabor das Feuer in Polen, den Aufstand in Böhmen und Österreich entfacht und den Kurfürsten von Bayern unterdrückt habe. Dann wolle Gabor mit einem Teil des ungarischen, mit dem ganzen Mansfeldischen und Halberstädtischen Heere auf Italien vorgehen, so daß gleichzeitig die türken, Venezianer, Mansfeld mit Savoyen und dem unkatholischen Teil der Schweiz Spanien in Italien angreifen. England wolle neutral bleiben, bis die Heirat vollzogen sei *11) und die Spanier die Pfalz wieder an Friedrich V. zurückgegeben hätten. Dann aber wolle England mit den Holländern die die Spanier in den Niederlanden angreifen und so beschäftigen, daß sie mit sich selbst genug zu tun hätten, geschweige denn, das Haus Österreich zu retten und gleichzeitig sich in Italien zu verteidigen.

27.) Die genannten Personen reisten nach dem Haag, nach Ungarn, Venedig, Savoyen, Frankreich, England, Dänemark, Schweden, Polen, bis in die Schweiz, nach Württemberg, Straßburg, Basel, Nürnberg, Wien, Berlin und in die übrigen Städte. Man solle auf sie, insbesondere auf den pfälzischen Falknermeister Phillip achtgeben; dieser handle angeblich mit Falken und vernähe wichtige Briefe, die man der Post oder kaufmännischen Geschäftsbriefen nicht anvertrauen wolle, in dem Handschuh, auf dem er die Falken trage. 1623 sei er auf dem Deputationstage in Regensburg gewesen und habe Schreiben von dort, von Ansbach und Stuttgart an Friedrich V. überbracht.

28.) Der englische Resident Trumbul habe in vielen Schreiben, in denen er sich mit „de la Fontaine“ oder mit „de la Haye“ unterzeichnete, wöchentlich nah Heidelberg berichtete und sich gehässig gegen den Kaiser ausgelassen. Der gleiche Geselle sei der Heidelberger Hofgerichtsrat Lemminger, der Ende 1621 zu Friedrich V. nach Prag gereist sei und über die Huldigung der Oberpfalz auf den Kaiser, die Stärke der dortigen Garnisonen, sowie darüber berichtet habe, wer von den Beamten im Amt verblieben sei, unter welchen Bedingungen und in welcher Absicht. Friedrich habe Lemminger zum Schein aus seinen Diensten entlassen, worauf sich dieser zu seinem Bruder, dem Regimentsrat in Amberg begeben habe. Beide Brüder *12 würden sich gut bayerisch „geberden“ und sich neben dem Kanzler Dr. Petsch, den Räten Dr. Ulrich und Dr. Heber zu keinem anderen Zweck in Amberg aufhalten, als um über alle Vorgänge in der Oberpfalz und im Reich auf dem Wege über Nürnberg an Friedrich V. zu berichten.

29.) Der Postmeister in Frankfurt habe durch Kanzleipersonen in Aschaffenburg den Schriftwechsel erfahren, den Kurfürst Maximilian von Mainz aus mit verschiedenen Fürsten gepflogen habe, und den Inhalt an Friedrich V., Mansfeld, den Halberstädter, an Moritz von Oranien, den Markgrafen von Durlach, den Landgrafen Moritz von Hessen, die Räte Faber, Paul in Stuttgart, Brederode in Straßburg, Camerarius in Bremen und an andere Feinde des Kaisers in Berlin, Prag, Nürnberg und anderen Orten mitgeteilt. Backofen, Dr. Bosch, Lingelsheim, Güfen und andere würden ihm Vorschub leisten. Er unterhalte auch vertrauliche Verbindungen mit dem Generalpostmeister in Brüssel und beziehe deshalb von der Union eine jährliche „Bestallung“. Er erfahre viel, weil er bei den Papisten Kredit habe und von diesen für einen Katholiken gehalten werde. Friedrich V. habe ihm eine goldene Kette und einen Gnadenpfennig geschenkt, behandle ihn, wie aus einem Schreiben an den Statthalter Pfalzgraf Johann und die Räte in Heidelberg hervorgehe, sehr aufmerksam und habe befohlen, ihn bei gute, Wille zu erhalten, da er ihm schon ansehnliche Dienste geleistet habe und noch leisten werde.

30.) Der Sekretär Erkenbrecht, Samuel Weiß und der von Berndorf seien zu beobachten. Erkenbrecht sei bei Mansfeld in Hagenau und nach dessen Abzug aus der unteren Pfalz ein Kommissär bei General de Beer zu Mannheim und Frankenthal gewesen und 1623 zu den pfälzischen Korrespondenten gereist. Dabei verändere er die Kleider und gebe sich bald für einen Franzosen, bald für einen Engländer aus. Er sei von Sinsheim in der unteren Pfalz gebürtig. Samuel Weiß sei in Bern geboren, von Mansfeld nach Savoyen, Frankreich, Holland und in andere Länder gesandt und zum Direktor des Mansfeldischen Kriegswesens ernannt worden. Die ganze Korrespondenz in Deutschland sei ihm unterstellt. Berndorf sei zu Gabor und nach Ungarn gesandt worden, um die türkische Hilfe zu befördern.

***

Aus der schwarzen Liste erfahren wir, daß die Agenten Friedrichs V. Verbindungen von Schweden bis Venedig und Turin, von London und Paris bis Konstantinopel unterhielten, um Friedrichs Sache, dem sie sehr ergeben waren, zu fördern. Andererseits beweist sie den vorzüglichen Nachrichtendienst, den die Gegenpartei eingerichtet hatte.

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1. Heidelberg war seit dem 19. September 1622 in den Händen Tillys

2. Gabriel Lingelsheim war seit 1594 Pfleger in Heimburg in der Oberpfalz, sein Vater war Lehrer Friedrichs IV.

3. Frhr von Tschernembl war Führer der Protestanten in Oberösterreich, flüchtete nach dem Einmarsch Maximilians in Oberösterreich in die Oberpfalz, dann nach Württemberg, Heidelberg und endlich nach Genf. er kam vor 1620 wiederholt zu Fürst Christian zu Anhalt nach Amberg.

4. Agent Brederode war möglicherweise ein Sohn des gleichnamigen Grafen, des Hauptes der verbündeten niederländischen Adeligen, der 1567 nach dem Mißlingen des Aufstandes sich nach Emden absetzte und 1568 im Schloß Harndorf bei Recklinghausen starb. – Der Halberstädter war Prinz Christian von Braunschweig. Er war 1599 geboren, wurde Administrator des Bistums Halberstadt, schwärmte für die Gemahlin Friedrichs V. und kämpfte für diesen gegen den Kaiser. Er wurde am 20. Juni 1622 von Tilly bei Höchst geschlagen, zog mit Mansfeld zu Moritz von Oranien, besiegte am 22. August 1622 die Spanier bei Fleurus, wo er den linken Arm verlor. Dann erschien er wieder in Westfalen, wurde von Tilly am 6. August 1623 bei Stadtlohn geschlagen, entkam wieder zu Moritz von Oranien, reiste nach England und trat in dänische Dienste, in denen er 1626 starb.

5, Schlammersdorf war 1610 Stallmeister in Anhaltischen Diensten, wurde 1615 Landrichter in Auerbach, erhielt 1621 unter Mansfeld ein Regiment z. F., stand 1624—26 als Oberst in dänischen Diensten, war 1631 Amtmann in Neustadt a. Aisch, wurde 1631 schwedischer General, trat 1632 in Nürnberger Dienste, maßte sich 1633 den Besitz von Neuhaus a, Pegnitz an, machte 1634 die Schlacht bei Nördlingen mit und starb 1637. Wolf von Wildenstein war bis 1621 Pfleger in Pleystein, betätigte sich dann in Werbungen für Friedrich V. trat 1628 in dänische, 1630 in schwedische Dienste, wurde am 10. März 1632 bei der Einnahme Bambergs durch Tilly gefangen, ausgetauscht und starb am 30. November 1632 in Naumburg, vermutlich an Wunden die er am 16. Bei Lützen erhalten hatte. Seine Frau war eine Schwester des Landmrschalls Fuchs von Winklarn. Fuchs Hans Friedrich von Wallenburg wurde 1619 Landmarschall, sandte 1622 von Nürnberg Kundschafter in die Oberpfalz, verkaufte 1628 bei Beginn der Gegenreformation Winklarn, Schönsee und andere Güter um 200.000 fl. An Herrn von Weichs, zog 1629 nach Regensburg; 1633 war er beim Feind. Seine erste Frau war eine geborene von Crailsheim. 1643 war er nicht mehr am Leben. Landrichter Phillipp Jakob von der Grün auf Weihersberg starb 1625 und hinterließ eine Witwe Sabina Elisabeth mit 8 Kindern.

6. Dessen Sohn Friedrich Spanheim wurde 1626 Professor der Philosophie in Genf, 1633 Rektor der dortigen Akademie.

7. Der Landsasse von Hundt auf Thumsenreuth kämpfte wie Peblis 1610 im Elsaß, trat 1631 in schwedische Dienste und starb 1637.

8. Gabor schloß jedoch am 18. November 1623 einen Waffenstillstand, dem nach langen Verhandlungen am 8. Mai 1624 der Friedensschluß flgte.

9. Österreich versuchte, sich durch die Besitznahme des Veltins eine bessere Verbindung zwischen Mailand und seinen deutschen Landen zu schaffen. Mit Unterstützung Frankreichs behauptete Graubünden das Veltlin.

10 Gabor unternahm im Herbst 1621 Beutezüge nach Mähren.

11. Der englische Kronprinz sollte mit einer Tochter Phillips III. von Spanien vermählt zu werden.

12. Sie stammten aus Kulmain in der Oberpfalz.

Geschichte von Lengenfeld

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Geschichte von Lengenfeld und seiner Schulorte

Von Franz Federhofer

Auf „Lengenfelder“ stoßen wir in der Geschichte schon im Jahre 1191. In diesem Jahr treten die Brüder Heinrich und Sifrid von Lengenfeld im Kloster Ensdorf als Zeugen auf und mit ihnen ihr adeliger Nachbar Wirnto von Plankenstein. Plankenstein liegt bei Deusmauer. Heute ist der Berg, der die noch schwach erkenntlichen Ruinen trägt, mit Hochwald bewachsen. Wieder 1240 wird unter den hohenfelsischen Dienstleuten ein Plebanus von Lengenvelt genannt. Zu dieser Zeit hatten die Hohenfelser die Herrschaft Helfenberg inne. Wieder wird Lengenfeld in der Geschichte erwähnt, als 1310 Albrecht von Frickenhofen dem Kloster Pielenhofen, eine Stiftung der Hohenfelser, ein Gut in Irnsing übergibt. Davon mußte das Kloster den Sundersiechen zu Lengenfeld unter Helfenberg 5 Schilling Pfennige reichen, die später auf 25 Kreuzer angesetzt wurden. Die Sundersiechen sind die wegen ihrer ansteckenden Krankheiten abgesonderten Kranken. Um 1371 saß Ludwig von Mendorferbuch als Helfenbergischer Vasall zu Lengenfeld. Seine Hube zu Umelsdorf verkaufte er an das Kloster Kastl. Im Jahre 1378 vermachten Konrad der Mendorfer und seine Söhne Ulrich und Heinrich ihre zu Lengenfeld unter Helfenberg gelegene Mühle dem Gotteshaus zu Allersburg zum ewigen Lichte. Der Pfarrer soll aus der Mühle 60 Pfennig zu einem Jahrtag erhalten. Er soll drei Messen für den Stifter und seine beiden Gemahlinnen Kunigund und Sophie und für Friedrich den Richter zu Hohenburg lesen. 1380 lernen wir Hans Geberstorfer zu Lengenfeld kennen. Er ist Inhaber des adeligen Sitzes dortselbst. 1380 kauft er en vierten Teil eines Gutes zu Mühlhausen bei Kastl. 1399 saß Werner der Kuttenauer zu Lengenfeld auf dem Edelsitz des Otto von Adertshausen. Nach dessen Tod im Jahr 1405 erhielt Heinrich der Döllwanger das Herrenhaus zu Herzogen-Lengfeld. 1409 verschaffte Kunigund die alte Smidin von Adel, zur Frühmesse in Lengenfeld eine Gült zu Krondorf.

Diese Frühmesse wurde wie die Pfarrei von den Helfenbergern gegründet. Die Frühmesse ging durch die Reformation zugrunde. Um 1412 finden wir wieder Hans den Geberstorfer zu Lengenfeld seßhaft. 1423 ist Werner Kuttenauer als Lehensmann des Abtes von St. Emmeram gemeldet. Der oben genannte Heinrich Döllwanger (Talbanger) erwarb 1407 auch das Schloß in Adertshausen. Als er 1427 starb brachte seine mit Mathes Scharfenberger verheiratete Tochter diesem die beiden Edelgüter zu. Zu Lengenfeld hatte der neue Gutsherr Beständner. 1431 treffen wir auf weitere Lengenfelder Familien, die dem Adel angehörten. Ruger der Rütlinger zu Lengenfeld war in diesem Jahr Bürge und Siegler für Hans Härtl von Günching. 1442 bestätigte Pfalzgraf Johann dem Stefan Lemmel von Lengenfeld die Burghut bei dem Schlosse, wie sie der Kuttenauer hatte. 1449 sagte Christoph Scharfenberger, der Sohn des Mathes, als Diener des Markgrafen von Brandenburg, der Stadt Nürnberg ab. Im Jahr 1453 teilten die Brüder Heinrich und Christoph von Scharfenberg die von ihrem Vater hinterlassenen Güter. Christoph erhielt den Sitz zu Lengenfeld. 1455 war Christoph Pfleger zu Hohenburg und kaufte dort vom Bruder den zum Schlosse Adertshausen gehörigen Hof Raversdorf, dann auch den Sitz Adertshausen um 350 fl. Christoph wurde später Kastner zu Nabburg und Richter zu Kastl. 1493 starb er.

Nach dieser Zeit treffen wir mehrere Besitzer zu Lengenfeld so die Bechel, die Itelhofer, die Rebhan, die Kastner und Hans Erlbeck. 1605 zahlte Kaspar Neumeier von Lengenfeld den Landsassenabtrag. Inzwischen hatte in Lengenfeld die Reformation Eingang gefunden. Von 1540 bis 1590 waren dort lutherische Pfarrer. 1591 zieht mit dem Pfarrer Andre Schütz der Kalvinismus in den Ort. 1625 kam Kaspar Schreiber als katholischer Pfarrer wieder nach Lengenfeld. Der Gutsbesitzer Hans Christoph Neumeier mußte als Kalvinist 1631 das Gut verlassen, bekam es aber bald wieder zurück, binnen 85 Jahren mußte Lengenfeld viermal den Glauben wechseln. 1633 brannten die Schweden das Dorf nieder, plünderten und zerstörten die Kirche und verjagten den katholischen Pfarrer. Erst nach 63 Jahren wurde die Kirche wieder aufgebaut. 1682 erhielt Johann Ludwig von Freudenberg den Edelsitz Lengenfeld zu Lehen, sein Nachfolger, der Herr von Hallerstein, verkaufte den Sitz zu Lengenfeld — seit 1380 pfälzisches Lehen — an die Grafen Tilly zu Helfenberg, die 1724 ausstarben. 1730 stiftete Katharina Gräfin von Montfort, geborene Tilly, zu Lengenfeld ein Benefizium mit Einkünften zu Altenburg und Dürn bei Breitenbrunn, nachdem die Schloßkaplanei zu Helfenberg eingegangen war, die durch Tilly 1640 gegründet worden war. — 1796 wurde Lengenfeld von den bei Deining geschlagenen Franzosen niedergebrannt. 1801 kam der adelige Sitz mit den Zehenten in Oberbuchfeld an die Brauerswitwe Iberl. Der Kaufpreis betrug 1500 fl. Die Herrschaft Pilsach hatte in Lengenfeld 2 Untertanen.

Als Pfarrer von Lengenfeld sind bekannt: 1470 Hans Swarn, Vikar, 1591 Andre Schütz, kalvinisch, 1610 Johann Burkart, kalv., 1615 Georg Urusius, kalv., 1625 Kaspar Schreiber, katholisch, 168 Elias Bulling, 1635 Georg Dorn, 1642 Magnus Dorn, 1651 Leonhard Krapler, 1668 Thomas Wirl, 1679 Peter Michl, 1694 Richard Schenk, 1711 Johann Weißer, 1712 Franz Xaver Kleinmeier, 1750 Johann Schaller, 1775 Michl Beer, 1801 Johann B. Auerbach, der die Impfung einführte, 1823 Georg Meier, 1829 Johann B. Sammüller, 1838 Christian Ibler, 1858 Leonhard Graf. Letzterer lieferte uns eine Geschichte der Grafschaft Helfenberg.

Harenzhofen. Westlich von Lengenfeld liegt das Dorf Harenzhofen. Es zählt 19 Häuser. Die Filialkirche zu St. Egidius wurde 193 erbaut. Hier lebte auf einem Gut ein adeliges Vasallengeschlecht der Herrschaft Helfenberg. Das Geschlecht der Harenzhofer begegnet uns urkundlich schon im 13. Jahrhundert. 13116 wird uns ein Heinrich der Hornungshover als Schultheiß zu Neumarkt gemeldet. Um die gleiche Zeit veräußerten die Braun von Rotenfels ihre Güter zu Harenzhofen an den Pfarrer Herrmann Kammerer zu Traunfeld. Damit wissen wir, daß Harenzhofen zu dieser Zeit schon ein größerer Ort war. 1346 stoßen wir auf Heinrich den Mairhover, der sich gleichfalls von Harungshoven schreibt. Als weitere Einwohner von Harenzhofen begegnen uns zu dieser Zeit Bolcholt und Ulrich der Propst, Helfenberger Vasallen. Harenzhofen begegnet uns auch unter dem Namen Harrlandshofen. Ein Heinrich Propst zu Harrungshofen wird uns 1349 beurkundet. Die Ehrenfelser zu Helfenberg hatten in Horrnungshofen Zehentpflichtige. 1373 verpfändete Hans der Ehrenfelser von Helfenberg den Zehent zu Harenzhofen dem Pfalzgrafen Rupprecht. Ein Gut zu Harenzhofen, das dem Konrad Schmid von Pilsach gehörte verkaufte dieser 1422 an Ludwig Reicharten, de des Herzog Johann zu Neumarkt Schreiber war. Nach Erbauung der Kirche soll der Ort eine Zeitlang den Namen Herrgottshofen getragen haben, vermutlich eine Änderung des Namens, den der böse Volksmund den Harenzhofern ob der vielen entstandenen Schwierigkeiten des Kirchenbaues beigegeben hat. — In der Nähe von Harenzhofen lag vor Zeiten der Amertshof.

Der Matzenhof, in der Pfarrei Günching gehörte zum Pflegamt Helfenberg. Der Matzenhof mit seinem umfassenden Besitz ist einer der ältesten Höfe der Gegend.

Ostermühle, liegt eine Viertelstunde südlich von Lengenfeld und ist aus neuerer Zeit. 1841 wurde die Mühle aus den Steinen der Schloßruine Helfenberg nahezu neu aufgebaut. Bei der Ostermühle erhebt sich der Herzogsberg. In der Nähe dieser Mühle lag vordem das Gut Kappenhart, die Hart genannt.

Ramersberg, liegt eine Viertelstunde südwestlich von Lengenfeld auf einer Anhöhe. Die Kirche ist St. Nikolaus geweiht. In Ramersberg befand sich ein Edelsitz, dessen Besitzer von Adel waren und sich Ramersberger nannten. Schon 1191 begegnet uns Pilgrim von Ramersberc als Zeuge in Ensdorf. 1230 finden wir Heinrich der Reminsperger bei einer Schenkung der Herren von Parsberg an das Kloster Ensdorf beurkundet. Wieder in einer Parsberger Urkunde begegnet uns ein Konrad von Reymarsberg und sein Bruder Ulrich im Jahr 1292. 11303 steht dieser Ulrich von Reymarsberg unter Parsbergischen Dienstleuten. Ramersberg gehörte demnach zum Parsberger Territorium. Dieser Ulrich hinterließ einen Sohn Ulrich von Reymarsberg. Dessen Witwe Geut die Reimarsbergerin verkauft 1336 mit Zustimmung ihres Sohnes Luipold ½ Pfund Heller aus ihrem Gut zu Leutenbach an das Kloster Seligenporten. Aman der Reumarsberger lebte um 1310 als adeliger Bürger zu Neumarkt. Einen Chunrad von Rämersberg treffen wir 1342 als Vasallen der Herren von Helfenberg. Chunrad führte den Titel Herr, war Ritter und hatte umfassende Besitzungen. 1343 fungierte er als Zeuge und 1365 vergleicht er sich mit dem Kloster Kastl wegen eines Baumgartens zu Pilsach. Noch 1368 siegelte Chunrad der Rämersberger von Calmüntz für Peter von Ehrenfels zu Helfenberg. 1398 schreibt sich ein Herr Friedrich des Rämersberger Geschlechtes „von Calmüntz.“ — Zu Ramersberg hatte das Kloster Waldsassen viele Zehentrechte. Der Ort war ehedem in 2 Pfarreien aufgeteilt. Der vormals Helfenbergische Teil gehörte in die Pfarrei Lengenfeld, und der zur Grafschaft Velburg gehörige Teil gehörte zu Oberweiling.

Der Schwaighof, ein Einödhof zu Füßen der Ruine Helfenberg, war ehedem der Herrschaftliche Viehhof. 1332 bestimmten die Herren von Ehrenfels zu Helfenberg: „daß auf dem Schwaighofe von den pesten ihrer Leute 8 Pfund Pfennige an arme Leute; die Conrad von Hohenfels mit Raub und Brand, mit Steuern oder Vanchnuzze (d. i. mit Erpressung oder Gefangenschaft) beschädigt hat, verteilt werden sollten.

Diese 8 Pfund Pfennige hatte das Dorf Lengenfeld bei Amberg zu leisten. — 1730 verkaufte Katharina Gräfin von Montfort den Schwaighof samt den Jägerhaus um 1500 fl.

Amertshof, hieß ehedem ein bei Harenzhofen gelegener Einödhof. Der Name hat sich in der Bezeichnung der Feldflur erhalten. Im 30jährigen Krieg wurde der Amertshof niedergebrannt und nicht wieder aufgebaut.

Gugghof, bei Lengenfeld erlitt das gleiche Schicksal. Zwar wurde der Gugghof im 30jährigen Krieg nicht von Grund auf zerstört, doch er wurde nicht mehr nach der Ausrottung der Besitzer verwaltet. Äcker und Waldbesitz wurden aufgeteilt.

Helfenberg Bei Lengenfeld erhebt sich der weithin sichtbare Schloßberg Helfenberg, der auf seinem Rücken weitläufige Überreste einer Burg zeigt. Der Unterbau ist noch erhalten und weist gewaltige Ausmaße auf. Zur Herrschaft Helfenberg gehörten: Lengenfeld, Harenzhofen, Deusmauer, Günching, Krondorf, Wiesenacker, Richthofen, Albertshofen, Prönsdorf, Bernla, Reichertswinn, Kirchenwinn zum Teil, Kleinalfalterbach, Hilzhofen, Habertshofen, Dürn, Lampertshofen, Ostermühl, Schafhof, Bogenhof, Richthof Matzenhof, Hennenhof, und Ollertshof, dann 4 Untertanen in St. Colomann, einer in Freischweibach, und 4 in Engelsberg. In früheren Zeiten bildete diese Herrschaft einen Teil der Grafschaft Velburg, deren letzter Inhaber, Graf Ulrich, 1198 die Veste und die Herrschaft Helfenberg dem Regensburger Bischof schenkte. Im Jahr 1198 trug Wirnto von Plankenstein Helfenberg zu Lehen. Wirnto war ein Verwandter des Grafen Ulrich und war Besitzer von Plankenstein. Der Plankensteiner trug einen bedeutenden Namen. Er fungierte als Zeuge im Kloster Ensdorf und begleitete 1224 seinen Herrn, den Bischof von Regensburg, nach Straubing, wo der Herzog von Bayern mit dem Bischof einen Vertrag abschloß. Nicht lange behielten die Regensburger Bischöfe Helfenberg. 1232 vertauscht Bischof Sigfried die Herrschaft Helfenberg gegen die Herrschaft Falkenstein an Conrad den Hohenfelser um ein Aufgeld von 100 Pfund Regensburger Pfennige.

Die Herrschaft Helfenberg grenzte an die Grafschaft Hohenburg. Bei diesem Verkauf erfolgten einige Zuteilungen von Orten und Ortshälften, was man in der späteren Festlegung der Diözesan- und Pfarrgrenzen noch als Richtung gebend verfolgen kann, wie die Zuteilung von Engelsberg, Richthofen, Albertshofen zur Regensburger Diözese, wie die Teilung des Ortes Prönsdorf in 2 Pfarreien und Diözesen. Der Bischof scheint deshalb Helfenberg den Hohenfelsern verkauft zu haben, weil er selber aus dem Hohenfelsischen Vasallengeschlecht „von Sallern“ stammte.

Wappen der Hohenfelser von Helfenberg

Das Hohenfelser Geschlecht war ein berühmtes, aber auch ein berüchtigtes Geschlecht. Schon 1249 stand anläßlich der Klostergründung Seligenporten durch Gottfried von Wolfstein und dessen Gemahlin Adelheid von Hohenfels Konrad von Hohenfels und sein Vasall Ruger von Helfenberg, der Sohn Wirntos von Plankenstein Zeuge. Im Jahr 1256 kam Helfenberg an die Ehrenfelser. Ein Zweig der Hohenfelser, dem bei der Teilung die Herrschaften Ehrenfels und Helfenberg zugefallen waren, nahm den Namen Ehrenfelser an. Wir finden ja häufig in jener Zeit, daß adelige Geschlechter je nach wechselnden Besitzungen auch ihren Namen wechselten. Nun spielt bei dieser Namengebung allerdings ein anderer Grund die größere Rolle als der Grund der Teilung. Es ist auffallend daß die beutende Feste Ehrenfels vor dem Jahr 1256 unter diesem Namen überhaupt nicht vorkommt. Da spielt folgendes Ereignis herein. Konrad III. von Hohenfels stand m Dienste des Bischofs Albert I. von Regensburg. Dieser Bischof lebte mit dem deutschen König Konrad in Feindschaft. Der Hohenfelser faßte nun den Entschluß — ob mit oder ohne Wissen des Bischofs ist unbekannt — den König, der im Dezember 1250 nach Regensburg gekommen war und im Kloster St. Emmeram Quartier genommen, zu ermorden. Mit 6 seiner Gesellen schlich er nun in das Schlafgemach und erstach — einen Diener des Königs, der die königliche Schlafstätte eingenommen hatte. Der Mörder floh aus der Stadt und seine Gesellen verbreiteten die Sage, der Hohenfelser sei auf der Flucht von einem Blitz getötet worden. Tatsächlich lebte der Hohenfelser sicher und ruhig bei der damals im deutschen Reich herrschenden Verwirrung auf einer der vielen Burgen seines Geschlechts. Nach dem 1254 erfolgten Ableben König Konrads gab es in Deutschland lange Zeit kein Reichsoberhaupt, so daß der Hohenfelser wieder im Land sich halten und als Herr von Ehrenfels zu Helfenberg und Ehrenfels wieder in Erscheinung treten konnte. Konrad der Ehrenfelser begegnet uns tatsächlich zwischen 1256 und 1286 sehr häufig in Urkunden. Für die Feste Helfenberg bestellte er eigenen praepositus oder einen Probst, als solcher uns um 1264 ein Gottfried praepositus von Helfenberg überliefert ist. Des Gottfried Nachkommen hatten lange Zeit dieses Amt inne. Sie nahmen deshalb sogar den Geschlechternamen Probst an, unter dem sie heute noch fortleben in Familien– sowie in Hausnamen. Als eine der letzten Funktionen des Konrad von Ehrenfels stellen wir fest, daß er am 30. Juli 1277 genehmigt, daß der zur Herrschaft Helfenberg gehörige Dienstmann Wirnto von Frickenhofen, dem Kloster Pielenhofen eine Schenkung mache. Unser Konrad (I.) starb 1286 und hinterließ als seine Söhne: Konrad den II., der uns später als Probst zu St. Johann zu Regensburg begegnet, ferner einen Sohn Heinrich (den I.) einen Sohn Konrad II., der Pfarrer in Wiesenacker war, und einen Sohn Konrad IV. den Jüngeren. Heinrich I. und Konrad der IV. begegnen uns in Urkunden von 1286—1317 und von 1288—1326. Am 21. Juni 1304 verkaufen die beiden Brüder Heinrich und Konrad der Jüngere von Ehrenfels dem Pfarrgotteshause zu Illschwang ein zur Herrschaft gehöriges Gut zu Nörtershofen (Natershofen) bei Lauterhofen. 1319 gibt ein Ulrich, Probst zu Helfenberg, dem Neumarkter Spital ein Gut in Waikenhofen. Sein Bruder Heinrich war Schultheiß zu Pfaffenhofen, deren dortige Feste Heinrich den Ehrenfelser für seine Dienste gegen Österreich (1313) im Jahre 1315 zugeteilt erhielt. Heinrich I. von Ehrenfels starb 1317 und hinterließ von einer unbekannten Gemahlin einen Sohn Heinrich II., einen Conrad V. und eine Hedwig, die als Klosterfrau in Pielenhofen lehrte. Conrad IV. ging unter die Raubritter und starb 1326 ohne Kinder. Heinrich II. begegnet uns von 1320—1349. 1320 ist er als Bürger zu Neumarkt beurkundet. Es war gebräuchlich, daß der Adel Bürgerrechte in Städten annahm, die von König Ludwig dem Bayern besonders bevorzugt waren. Von Helfenberg wird uns 1326 berichtet, daß Gottfried Pawaer aus den Frickenhofer Geschlecht auf Helfenberg saß und einen herzoglichen Hof in Altenveldorf zu Lehen trug. Heinrich selber am 20. Februar 1332 mehrere Güter der Herrschaft Helfenberg an Ulrich den Sinchinger (Gleich Günchinger). Im gleichen Jahre veräußerte Heinrich seine Stammburg Ehrenfels an Ludwig den Bayern und nahm hierauf seinen Wohnsitz auf Helfenberg. Am 11. November 1332 geben die beiden Brüder 8 Pfund Pfennige aus dem Dorfe Lengenfeld bei Amberg „nach ihrer Leute zu Helfenberg Rat“ an jene Personen zur Verteilung, die ihr verstorbener Vetter Conrad IV., der bekannte Raubritter mit Raub und prant, mit Steuren (Erpressungen) und Vanchnuzze geschädigt hat. 1333 begegnet uns Heinrich von Ehrenfels als bischöflicher Pfleger zu Hohenburg. Aus dem Verkauf der Feste Ehrenfels, aus der Abtretung von Gütern und aus der Annahme von Pflegerstellen ersehen wir, daß das so mächtige und reiche Geschlecht in Verarmung geriet. 1340 heißt Heinrich „zu Helfenberg gesessen“.

Nachmals begegnet uns als Helfenberger Burgvogt Ulrich der Frickenhofer, der am 16. April 1342 Güter zu einer ewigen Messe zum Kloster Seligenporten schenkt. Sein Her Heinrich von Ehrenfels begibt sich des Gerichts auf diesen Gütern. Am 13. April 1344 verleiht der Eichstätter Bischof Albrecht von Hohenfels dem Kloster Pielenhofen die in der Herrschaft Helfenberg gelegene Pfarrei Wiesenacker. Bisher stand dem gestrengen Ritter Heinrich von Ehrenfels, gesessen zu Helfenberg, das Patronat zu. Am 24. April verzichtet er auf dieses ihm zustehende Recht zu Gunsten des Klosters Pielenhofen, wozu auch seine Gemahlin Adelheid die Einwilligung gibt. Aus dieser Hergabe haben sich allerdings sehr bald Zwistigkeiten ergeben. Das Kloster hatte nämlich den Kirchensatz zurückgegeben, worauf Heinrich am 13. Mai 1345 nochmaligen Verzicht beurkundete und 300 Pfund Pfennige zu bezahlen versprach, so er die Schankung je anfechten würde. — Heinrich hinterließ 2 Söhne Peter und Johann. Johann heiratete 1358 Dorothea von Wolfstein, die ihm 1000 fl. zubrachte. Peter und Hans waren besonders dem Kloster Engelthal zugetan. 1359 eignen dem genannten Kloster 3 Teile des Zehents zu Weizenhofen. Zu dieser Zeit lebten Ulrich der Probst und Ernst der Kuttenauer als Ehrenfelsische Diener auf der Burg Helfenberg. Mit Kastl gerieten die Ehrenfelser zu Helfenberg des öfteren in Streit. Besonders heftig gestaltete sich dieser im Jahre 1364, als das Kloster Kastl und die Ehrenfelser bezüglich des Besitzes der Mitter– und Göhrenmühle zu Wiesenacker in Streit gerieten. In den folgenden Jahren scheinen die Ehrenfelser in weitere Bedrängnis gekommen zu sein. Am 11. November 1368 verkauften Peter von Ehrenfels und seine Gemahlin Ibilis ihren Hof zu Krondorf um 120 Pfund Heller. 1370 verkauft Hans der Ehrenfelser seinen Hof zu Allertshof bei Helfenberg. Am 15. August 1370 verpfändete er seinen Anteil sn der Feste Helfenberg nebst den Kirchensätzen zu Lengenfeld und Günching um 1046 Pfund Pfennige an den Pfalzgrafen. Da den Ehrenfelser die Verpfändung scheinbar nicht befriedigt hatte, trug er noch im gleichen Jahr noch seine Burg der Krone Böhmen auf und erhielt sie aus den Händen Königs Karl IV. als Lehen wieder zurück.

Böhmen brachte wenig Segen in den zerrütteten Haushalt der Ehrenfelser. So war Hans genötigt am 15. August 1373 seinen Teil an Helfenberg, nämlich den Hag, den Berg mit den Vorhöfen zu Helfenberg nebst dem Anteil an den Zugehörungen zu Guntzenhofen, Plankenstein, Heilsberg, ein Hof zu Neusezz (Neuseß), einen Teil an dem Hofe zu Bernlach, einem Hof zu Lengenfeld, den Zehentanteil zu Teysenpaur, Petzersberg, Harungshofen, die Vogtei zu Oberwiesenacker an den Pfalzgrafen zu verkaufen. Peter machte es wie sein Bruder Hans und verkaufte gleichfalls an den Pfalzgrafen seinen Anteil an den besagten Besitzungen. Hans starb alsbald. Der Pfalzgraf zahlte der Witwe Anna Marschalk von Bibrach für ihre Ansprüche 1000 fl, 1380 folgte auch Peter seinem Bruder im Tode nach. — Helfenberg wurde als Eigentum der Pfalzgrafen von Pflegern verwaltet. Als solche sind uns beurkundet: 1403 Conrad von Rohrenstadt, 1404 Erhard von Rohrenstadt, 1423 Conrad der Pöllinger, 1440 Wolf von Eglhofstein, 1446 Nikl Wiggelin, 1457 Georg der Pöllinger, 1496 Heinrich Hausner, 1500 Chrstoph von Haidenburg, 1511 Hans von Thanhausen, 1527 Wilhelm Hausner, 1530 Hans von Thanhausen, 1551 Hans von Thanhausen, 1565 Christoph von Freudenberg, 1590 Johann Carl von Botzheim, 1601 Andre Stockmann, 1620 Christoph von Bischofsheim, 1626 Johann Seitz, Pflegsverwalter. — Am 30. September 1630 kommt die Herrschaft Helfenberg an den Feldherrn Grafen Tilly. Kurfürst Max I. von Bayern belohnte die Verdienste des Grafen durch Übertragung der Herrschaften Breiteneck, Hohenfels und Helfenberg. Tilly selber war nie auf Helfenberg und hat das prächtige Schloß nur einmal aus der Ferne gesehen, als er von Neumarkt nach Amberg eilte. Am 30. April 1631 starb Tilly und sein Bruder Werner, der am 12. Februar 1635 zum Reichsgrafen erhoben wurde, trat das Erbe an. Dem Werner folgte 1651 Ernst Emmerich, diesem 1694 Ferdinand Lorenz von Tilly, der 1724 als der letzte seines Stammes starb. Seine Schwester Maria Anna Katherina brachte Helfenberg ihrem Gemahl dem Grafen von Montfort zu. Nach ihrem Tode — die Grabschrift bei den Karmeliten zu Straubing trägt als Todesjahr 1746 — 1744 fiel die Herrschaft den Freiherrlichen Vettern Xaver von Haslang und Georg Sigmund von Henneberg zu. Haslang nahm für seinen Anteil 25000 fl. Mit Kajetana von Hegnenberg erheiratete 1782 der Freiherr Xaver von Seibolsdorf die Herrschaft Helfenberg. 1793 löste der Bayerische Staat die Herrschaft um 67000 fl. ein und verkaufte das unter Tilly 1699 abgebrannte und in herrlicher Pracht wiederaufgebaute Schloß im Jahre 1807 um den Spottpreis von 2420 fl. auf Abbruch, eine unglaubliche tat des Bayerischen Staates. Am Abend vor dem zum Abbruch bestimmten Tag gab es auf dem Schloß ein großes Bankett mit Ball, von dem sich das Volk lange Zeit vieles zu erzählen wußte. Im Schloßhof stand das Bildnis des Feldherrn Tilly. Der Gerichtsbezirk Helfenberg wurde 1793 zum Gericht Pfaffenhofen gelegt.

Pfleger seit Tilly waren: 1640 Johann Friedrich Keilholz, 1665 Johann Meiller, 1675 Johann Panzer, dessen Erkrankung die Veranlassung zur Errichtung der Wallfahrt Habsberg gab, 1691 Johann Velhorn, 1718 Winter, dem Wirsing und Lang folgten. 1730 Kleber, 1749 Johann Kleber, 1768 Mathias Winter, 1769 Paul Knebel, 1772 Johann Neumeier, 1776 Michel Hellzart, 1790 Wilhelm Strasser.

Die Helfenberger führten als Wappenschild ein weißes Mittelschild in rotem Felde. Ihr Begräbnis hatten sie im Kloster Kastl. Die Ehrenfelser zu Helfenberg wurden im Kloster Pielenhofen begraben.

Wettlauf um den Malefizer

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Zur Martersäule vor Raitenbuch

Von Dr. Hans Ammon

 

Am 7. Oktober 1583 — lang, lang ist’s her! — war ein großer „Augenschein“ im kleinen Kirchdorf Rackendorf bei Parsberg angesetzt, um gewisse Zehntsachen für das Kirchlein S. Moritz zwischen den einzelnen Herrschaften an Ort und Stelle zu erkunden und zu schlichten.

Bei diesem „ Augenschein“ wurden elf Untertanen der verschiedenen Herren einvernommen, darunter auch der achtzigjährige Georg Kamerl (?).

Er gab zu Protokoll:

Sei nun bei achtzig Jahren und wohne in Dettenhofen unter der Velburger Herrschaft. Vor 55 Jahren (also 1528!) habe er zwei Jahre lang einen Zehnten im Bestand gehabt, weil er damals zu Rackendorf wohnte. Diesen Zehnten mußte er nach Willenhofen auf das geistliche Kastenhaus liefern. Georg Aichamer, der alte, sei damals Zehntprobst und Wirt in Willenhofen gewesen. Er selber wisse nun nicht mehr, wieviel sein Zehnt betragen habe. Doch sei ihm noch bewußt, daß der Zehnt nach dem Kirchlein S. Moritz gehörte und aufs Schloß Lupburg. Er sei in Raitenbuch geboren; dort habe eine Marter gestanden, und er habe noch von seinem Vater gehört, der erzählt habe: Wann eine Malefiz (böse Tat) sich begeben, seien zwei Boten (aus Raitenbuch), der eine auf 1 Stunde gen Velburg und der andere gen Hohenfels geschickt worden. Die Malefizperson wurde unterdes an die Säul (Marter) gebunden. Wer eher kommen (Herrschaft aus Velburg bzw. Hohenfels), hab sie (die Malefizperson) genommen . . . “

Martersäule Raitenbuch

 

Der Bericht des alten Mannes ist aufschlußreich. Das vielumstrittene Grenzgebiet — zwischen Kurpfalz/Hohenfels und Parsberg/Lupburg, auch Velburg/Wißbeck und Jungpfalz — hatte dort diese eigentümliche Regelung getroffen, und man sieht die Narrenkappe und hört die Narrenschellen dran bei diesem Wettlauf um den Malefizer, wie man noch im alten Frankenland sagt. Die wohl schönste Martersäule aus dem Mittelalter in jener Juragegend steht noch heute fast am gleichen Ort und Kreuzweg, nur ein paar Schritte von der nun asphaltierten Straße entfernt, etwas erhöht in einer Wiese vor Raitenbuch — 1420 errichtet am Kreuzweg Hohenfels/Lupburg und Beratzhausen/ Velburg. Die alte beliebte Darstellung des Herrn am Kreuz mit Maria, seiner Mutter, und Johannes, seinem Lieblingsjünger, in Stein gemeißelt und mit gotischer Schrift! versehen, erfreut auch heute den Wanderer und Fahrer; denn es ist ein Kleinod unter seinesgleichen und man denkt ans alte Flandernlied: „Manch Kreuz am Wegesrande erglüht im Abendrot!“

Aber der berichtete Wettlauf der beiden Herrschaftsboten hat ja nur Humor – grimmigen Humor! — für die Boten und Herrschaften und gaffenden Leute, nicht für den Malefizer am Marterl dort! „Wer eher kommen, hat ihn genommen!“ So berichtet der alte Mann, der seine acht Jahrzehnte ganz im tollen 16. Jahrhundert hat leben müssen. Ob er noch einen solchen Wettlauf miterlebt hat? Raitenbuch und die Mark seiner Herrschaft war ja nicht allzugroß, und Malefizer gabs wohl nicht gerade im Dutzend. Immerhin: man war im Wettlauf einig auch bei solcher bösen Sache! Freilich möchte man wissen, was der Mann am Kreuz — an der ersten Marter der Weltgeschichte und Christenheit — von solchem grimmigen Humor und Wettlauf zweier christlicher Herrschaften um die Aburteilung eines schuldigen Menschen — in seiner Erhöhung gedacht hat! War da nicht in einer bösen Weise seine eigene Passion unter Pontio Pilato, Hannas und Kaiphas und Herodes mitbetroffen und wiederholt?

Martersäule Detail

 

Er war ja an der ersten Martersäul gewesen . . . man lese nur wieder seine Passion im Zusammenhang, und er hing zwischen zwei Malefizern seines Volkes bis zuletzt. Und was er seinen wütenden Anklägern aus dem Hohen Rat bezeugte mit dem Kreuzeswort: „Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“ galt das nicht auch hier beim grimmigen Wettlauf um Malefizer aus Raitenbuch und Umgebung?

Nun, auch dies ist vorbei, der Wettlauf um den Malefizer dort. Aber das Marterl steht standhaft, mahnend, beschwörend auch den Menschen von heute, am Kreuzweg dort im Juraland. Die Malefizer dort werden wie anderswo im Bayernland und Westdeutschland behandelt, ohne Eifersucht der Herrschaften, ohne grimmigen Wettlauf ums Vorrecht der Aburteilung! Auch das ist doch ein Fortschritt gegen früher. Und am meisten würde sich Raitenbuch und sein Umland und der Herr an der ersten Martersäule — nun erhöht über der grimmigen Menschenrede! — freuen, wenn die böse Malefiz überhaupt absterben und aussterben könnte in Herz und Hand der Menschen! Aber bis dahin laßt uns gemeinsam bitten und beten: „All Sünd hast Du getragen, sonst müßten wir verzagen! Erbarm Dich unser, o Jesu!“

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Quelle: Staatsarchiv Amberg, Neuburger Abgabe 1911, Nr. 12809.

Aus: „Die Oberpfalz“, 1971

Jakob Grimm über Schönwerth

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Jakob Grimm über Schönwerths „Sitten und Sagen aus der Oberpfalz“

 

In Nr. 21 des „Literarischen Centralblatt für Deutschland“ erschien 1858 vom Altmeister der deutschen sprach‑ und Sagenforschung Jakob Grimm eine Besprechung über die Sammlung von oberpfälzischen Sitten und Sagen Fr. X. v. Schönwerth, welche nachstehend zur Kenntnis gebracht sei:

„Schon der erste Teil lieferte eine bedeutende, planmäßig vorgenommene und ausgeführte Sammlung von Sitten und Gebräuchen des oberpfälzischen Volkes, wird aber durch den zweiten noch weit übertroffen. Nirgendwo in ganz Deutschland ist umsichtiger, voller und mit so leisem Gehör gesammelt worden; der Verfasser hat gewußt, alle Vorteile zu ziehen, die sich aus der ruhigen Beschränkung auf einen sagenreichen Landstrich ergeben. Die Berge, Hügel, Wälder seiner teilweise rauhen, unbegünstigten und doch schönen Heimat hegen ein Fülle schlichter und treu bewahrter Überlieferung, wie sie anderen glänzenderen Gegenden nicht zu Gebote stehen, zumal hat die Ecke von Waldthurn, Pleistein und Vohenstrauß, hart an der böhmischen Grenze, große Ausbeute gewährt; nicht weit davon, ein wenig nördlicher, liegt Tirschenreuth, der Geburtsort des unvergeßlichen Schmeller, der die Poesie und Kraft der Volkssprache und alles dessen, was daran haftet, wie keiner erkannte; die Begabung des Landes scheint auch auf Männer, die ihm entstammen, überzugehen. Ausdrucksweise, Gebräuche, Sagen und Märchen sind hier noch in recht lebendigen Flusse und durchdringen einander wechselweise. Wie lieblich und bedeutsam sind z. B. im zehnten Buche die Erzählungen von dem Wasserfräulein, die aus der Sage sogar in das heimlichere Märchen fallen und mit dem anmutigsten, wirksamsten Zügen abwechseln. Was aber Überraschung und Staunen erregt, es begegnen uns unverkennbare Anklänge an die heidnische Götterwelt und an Mythen der Edda, von denen bisher in Deutschland noch keine Spur gefunden war; wir zielen besonders auf die Sage von Woud und Freid, in deren Namen Wotan und Freya deutlich vertreten. Woud ist ein gewaltiger Herrscher, der einen großen Mantel trägt, dessen Hüftenkleid durch einen endlosen Gürtel gehalten wurde; an diesen Gürtel war seine Gewalt gebunden. Seine Gemahlin war das schönste Frauenbild, sie trank nur Wasser aus der Quelle; wenn sie sich bückte, um es mit der hohlen Hand zu schöpfen, erglänzte ihr Haar wie Sonne, ihr Arm wie Schnee. Sie ließ sich von Zwergen einen herzgewinnenden Gürtel schmieden, mußte sich aber den Zwergen zum Lohne ergeben; als Woud erfuhr, um welchen Preis sie diesen Schmuck erworben hatte, wich er von ihrer Seite und nahm das Halsgeschmeide mit; sie eilte dem Flüchtigen nach in viele Länder, und alle Tränen die sie weinte, wurden zu Perlen. Wer kann hier die eddische Sage von Odin und Freya, wiederum von Odr und Freya, von Odins Mantel, Thors Megingiardir, Gerdis leuchtendem Arme einen Augenblick verkennen? Doch zeigt sich das meiste anders verknüpft und höchst altertümlich ist die Angabe, daß Woud und Freid nackt, nur in Hüftkleidern, in Mantel und langes Haars gehüllt, einherschreiten. Der Verfasser (bayerischer Ministerialrat und Generalsekretär) ist in der Edda und in Grimms Mythologie belesen; wer dürfte ihm zutrauen, den Gehalt verworrener Volkssage eigenmächtig erhöht und erweitert zu haben? Ihm, der eine solche Menge der ältesten Überlieferung vorlegt, die nicht erfunden werden mag. Wir können annehmen, daß er alle diese Umstände mit dem Namen gibt, wie sie ihm in dem oft genannten Dorfe Neuenhammer oder einem benachbarten berichtet wurden, und fortan werden sie als wichtiger Zeuge für das heidnische Altertum auftreten. Auffallenderweise findet sich keine Spur von Berta in diesen Sagen. Holda ist einmal als Wasserfrau genannt. Der Verfasser hält die Oberpfälzer nicht für Bayern, sondern für Abkömmlinge der Gothen und Sueven, doch muß hierüber noch mancher Zweifel obwalten auch seine hin und wieder versuchten Etymologien leiden Einspruch,, unsere Literatur ist ihm aber für eine so reiche und willkommene Gabe den größten Dank schuldig,“

Grimm schrieb ferner am 3. Februar 1858 an J. H. Schröer er möge seinen Freund Ipoliy auffordern, daß er die ungarischen Sitten und Sagen niederschriebe in der Weise, wie Leoprechting und Schönwerth es taten, woraus erhellt, daß deren Arbeiten von ihm als mustergültig anerkannt wurden.

Auch in einem Briefe an S. Pfeiffer in Wien spricht er mit großer Anerkennung über Schönwerths schöne Sagen, woraus der deutschen Mythologie bedeutender Nutzen erwachse.

Daß sich Grimms Urteil über dieses Hauptwerk unseres Schönwerth auch nach Erscheinen des 3. Bandes nicht änderte, erhellt aus einem Schreiben von ihm an Schönwerth vom 4. Februar 1861, in welchem er diesem wiederholt seine Anerkennung ausspricht und ihn ermuntert, auf der betretenen Bahn fortzufahren.

(Wie Johannes Freßl in dem Nekrologe Schönwerths 41. Bd. der Verhandlungen des histor. Vereins der Oberpfalz S. 206) mitteilt, fanden sich in seinem Nachlass noch drei bis vier Teile Fortsetzung und Ergänzung zu den Sitten und Sagen aus der Oberpfalz vor. Ihre Veröffentlichung ist jedoch leider unterblieben. Die traurige Erfahrung, die der Verfasser mit den drei ersten Bänden machen mußte, wird vielleicht die Ursache gewesen sein.

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Unbekannt

 

Nordgau und Oberpfalz

Nordgau und Oberpfalz
als Reichsländer und Territorialstaaten*

Von Professor Dr. Karl Bosl

Das Thema meines Vortrages ,,Nordgau und Oberpfalz als Reichsländer und Territorialstaaten“, der den 21. Bayerischen Nordgau einleiten soll, bringt mich etwas in Verlegenheit, wenigstens als Wissenschaftler. Ich vermute nämlich, daß im Urnordgau, das heißt im Raum zwischen Ingolstadt, Nürnberg und Regensburg noch niemals ein Nordgautag stattgefunden hat; ich meine, daß dies ganz zu recht geschehen ist, weil in dem bezeichneten Gebietsdreieck heute ein Nordgaubewußtsein nicht mehr lebendig ist. Jedoch soll man der historischen Wahrheit = Wirklichkeit willen nüchtern feststellen, daß der Raum, den man heute als „Nordgau“ bezeichnet und in dem die Nordgautage stattfinden, erst später mit diesem Namen belegt wurde, deshalb auch nur sekundär alter bayerischer Nordgau genannt wird. Selbstverständlich ist nicht zu bestreiten, daß der Nordgau, so wie man ihn heute gemeinhin versteht, der auch zumeist mit der heutigen Oberpfalz identifiziert wird, altbayerisches und stammesbayerisches Land ist. Dafür zeugen eindeutig Sprache und Siedlung. Aber das gilt nicht für die politisch- herrschaftsgeschichtliche Entwicklung des Landes, das wir heute amtlich Oberpfalz und auch Nordgau nennen. Ich stelle mit Freuden auf der politisch-parlamentarischen Bühne Münchens fest, daß seit einem Jahrzehnt sich das Oberpfälzische und die Oberpfälzer im Rahmen des Bayerischen kraftvoller zu rühren und stärker zu artikulieren begonnen haben. Diesem geweckten und autonomen politischen Selbstbewußtsein der Oberpfälzer sollte und dürfte es nicht unangenehm sein, wenn ihm der historische Forscher sagt und beweist, daß dieses Land vor 1268 mit Ausnahme seines Südteiles nicht zum bayerischen Stammesherzogtum und auch nicht zur frühen Landesherrschaft der Wittelsbacher gehört hat, sondern daß es seine selbständige Geschichte im Rahmen des Frankenreiches und des Deutschen Reiches bis zum Untergang der Staufer hatte und daß es auch anschließend nur zwischen 1268 und 1329 territorial zum altbayerischen Landesstaat und dann von 1329 bis 1628/9 auf Grund des wittelsbachischen Hausvertrages von Pavia (1329) zur Pfalzgrafschaft bei Rhein und dem Landesstaat der Rudolfinischen Linie der Wittelsbacher gehörte.

Der alte Nordgau hatte und hat also seine eigene Geschichte, er war weitgehend Reichsland und Königsterritorium vor allem in Salier- und Stauferzeit bis 1268. Wenn heute der österreichische Staat eine große Babenberger-Ausstellung im niederösterreichischen Stift Lilienfeld eröffnet und damit das tausendjährige Gedächtnis des Herrschaftsantrittes der fränkischen Babenberger von Schweinfurt als Markgrafen der Ostmark 976 feierlich begeht, dann konnten Oberpfalz und Nordgau fast gleichwertig dabei mithalten und mitfeiern, weil ungefähr zur gleichen Zeit oder etwas früher die gleichen fränkischen Babenberger von Schweinfurt von dem Ottonenkaiser zu königlichen Kommissaren auf dem bayerischen Nordgau bestellt wurden. Die löbliche Bayerntreue der Oberpfälzer hat verhindert, daß sich ein stärkeres oberpfälzisches Geschichtsbewußtsein entwickelt hat, denn würde es dies geben, dann würden die Oberpfälzer vielleicht gar nicht verwundert feststellen, daß sie ebenfalls mit den großen württembergischen Stauferfeiern unserer Tage mittun könnten, weil die Oberpfalz seit Barbarossa und besonders seit dem Aussterben der Grafen von Sulzbach ein Glied der großen staufischen Reichslandpolitik zwischen Nürnberg, Eger und Altenburg in Sachsen gewesen ist. Das aber war nicht zuletzt die historische Folge davon, daß der große Salierkaiser Heinrich III. im Zuge der Konsolidierung der Ostgrenzen des Reiches gegen Böhmen und Ungarn auf dem bayerischen Nordgau die kleinteiligen und wohlorganisierten Königsmarken Cham und Nabburg errichtete und damit für unser Land die erste sichere und belegbare größere Herrschafts- und Verwaltungsorganisation schuf. An ihrer reichischen Geschichte kann die Oberpfalz nicht mehr länger vorbeigehen, sie macht den individuellen Sondercharakter dieses historischen Raumes mindestens bis 1268, wenn nicht bis in das 17. Jahrhundert aus. Diese Feststellung kann die Bajuwarizität der Oberpfalz gar nicht stören und auch nicht die bekannte oberpfälzische Anhänglichkeit an den bayerischen Stamm und den bayerischen Staat; denn diese ist fest in Sprache, Volkstum, Siedlung und Kultur begründet. In einer Zeit, in der es um die Erhaltung von Identität und Individualität geht, darf man dieses oberpfälzische Sonderwesen und seine Eigenart nicht unbeachtet und ungenutzt lassen. Aus diesem Grunde habe im mein Thema gewählt und lade Sie ein, mit mir einen kurzen Blick in die historischen Grundlagen der oberpfälzischen Art und Entwicklung zu tun, die einen besonderen Wert und historische Individualität besitzen.

Eine umfassende historische Analyse der oberpfälzischen Geschichte kann sich nicht einseitig an der großen Herzogs-, Königs-, Kaiser- und Reichsstadt Regensburg, diesem ehrwürdigen alten Zentrum von Herrschaft, Wirtschaft, Geist, Kunst, Kultur orientieren, auch nicht am Stammland der Bayern, sondern muß sich auch nach Westen und Südwesten orientieren und den Anschluß an das Frankenreich herstellen, dessen Teilgebiet ja auch das fürstliche Herzogtum der Agilolfinger des 6.– 8. Jahrhunderts war. Der bayerische Urnordgau und seine beiden wichtigsten Königshöfe Ingolstadt und Lauterhofen, die dieses Gebiet flankierten, begegnen zuerst in den Händen des fränkischen Hausmeiers Karl Martell, gehen dann in agilolfingische Hände über und werden bei der Absetzung Tassilos III. 788 von Kaiser Karl dem Großen wieder zurückgenommen. Die beiden Königshöfe Ingolstadt und Lauterhofen im Lauterachtal müssen vor 740 Stützpfeiler einer fränkisch-karolingischen Auffangstellung und Ausgangsposition zwischen Donau, Jura, Pegnitz, fränkischem Keuperwald und Ries gewesen sein und auch so verstanden werden. Die beiden Höfe liegen auf dem Nordgau, der ein Teil von Bayern war, das als fränkische provincia bezeichnet wird. Dieser Name hat sich erst später mit zunehmender Besiedlung und herrschaftlicher Organisation ostwärts verlagert und wurde eigentlich erst im 11. Jahrhundert die Bezeichnung für das Gebiet, das wir heute die zentrale Oberpfalz nennen. Für die Grenzen des alten Urnordgaus sprechen die Tatsachen, daß 1. noch später in den Quellen die salische Reichsburg und spätere Königsstadt Nürnberg „auf dem Nordgau“ liegt, daß 2. das weiter westlich situierte Fürth zwar im fränkischen Radenzgau sich befindet, aber in Grenzlage zum nordgauischen Raum um Nürnberg „Am bayerischen Nordgau“ liegt 3. der alte Königshof und die spätere Reichsstadt Weißenburg am Sand. Die Hauptflußachse dieses Nordgaus war die Altmühl, seine Grenzflüsse aber waren die Donau im Süden und die Lauterach im Nordosten.

Der Nordgau

Gerade dieser Raum war 805 auch die Operationsbasis für die Böhmenfeldzüge Karls, des Sohnes des großen Karl. Doch büßten die beiden villae dominicales = Königshöfe Ingolstadt und Lauterhofen schnell ihre Bedeutung und Funktion ein, als nach 817 unter dem später ostfränkischen König Ludwig dem Deutschen, dem Sohne Kaiser Ludwig des Frommen, sich die ostfränkische Herrschaft sehr intensiv auf Regensburg konzentrierte, das unterdessen audi „sedes ac metropolis ducatus Bavariae“ (Sitz und Hauptstadt des Herzogtums Bayern) genannt wurde. Seit Anfängen aber war Bayern ein ducatus = Grenzprovinz und eine provincia = Verwaltungsgebiet des Frankenreiches gewesen; die Worte ducatus und provincia entstammen dem Vokabular der römischen Reichsverwaltung, die die Franken für die von ihnen besetzten früher römischen Provinzialgebiete übernahmen. Bayern war eine Grenzprovinz und Provinz des Frankenreiches und war es noch im 9. Jahrhundert ohne und mit Agilolfingern, die fränkischer Abstammung waren, eine autonome, fürstengleiche Stellung im 8. Jahrhundert einnahmen und damals Herzöge in Bayern und Alemannien zugleich waren. Von Regensburg aus wurde seit der Besiegung der Awaren die große ostfränkische Politik und Expansion gegen Böhmen, das Großmährische Reich, gegen Pannonien = Ungarn und gegen Karantanien betrieben.

Der Königs- und Reichsgutscharakter von Ingolstadt ist belegt durch die Vergabe von Teilen des Gutes von Reichsklöstern, so an Niederalteich, Niedermünster in Regensburg und auch das Reichskloster Metten an der Donau. Nördlich anschließend bis zum Ries wurden das bonifatianische Großkloster Fulda sowie das Adels- und Reichskloster Lorsch an der Bergstraße mit reichem Besitz aus Königsgut ausgestattet. In diesem Raum nördlich der Donau aber hatte das fränkische Bistum Eichstätt die zentrale Position; seine Südgrenzen bildeten auch Donau und Sandrach bei Ingolstadt. Hier ist die Feststellung wichtig, daß ein breiter Streifen Landes nördlich der Donau vom Ries bis Passau und hinein in das niederösterreichische Waldviertel mit seinen Forsten und Wäldern Königsland war, das den Pfalzen, Königshöfen und Reichsklöstern im Stromtal zugeordnet gewesen sein muß. Diese um Königspfalzen – auch Ingolstadt hatte Pfalzcharakter – Königshöfe und Reichsklöster aufgebaute Herrschafts- und Siedlungsorganisation um die Donau und nördlich des Stroms ist durch den letzten Sachsenkaiser Heinrich II. aufgelöst und in großen Teilen an sein neugegründetes Reichsbistum Bamberg geschenkt worden. In der karolingischen Reichsordnung von 817 aber lesen wir, daß die Königshöfe Ingolstadt und Lauterhofen Königsdienste zu leisten, also den reisenden Hof, seine Kommissare und seine Heere zu verpflegen hatten.

Anfang des 11. Jahrhunderts erscheint im gleichen westlichen Raum in den Quellen die Nordgaugrafschaft des Berengar, die sich im 12. Jahrhundert zur Grafschaft Hirschberg weiterentwickelte, ihr Rechtsnachfolger wurde im 14. Jahrhundert das kaiserliche Landgericht Hirschberg, das südwärts wieder zur Donau reichte, das auch Ingolstadt einschloß, das im Westen die alte Stammesgrenze zwischen Bayern und Schwaben erreichte, nördlich das Burggrafenamt Nürnberg streifte und im Osten durch die Schwarze Laber bis zu deren Mündung in die Donau begrenzt wurde. Offenbar hat sich also der alte Urnordgau der fränkischen Zeit bis zum kaiserlichen Landgericht Hirschberg in den gleichen Räumen kontinuierlich weiter entwickelt; die Donau war ja auch die Südflanke des Urnordgaus und dessen Südflanke wurde durch Ingolstadt gedeckt. Der Urnordgau war vermutlich reichisch-königliches Land. Die Ostgrenze des Urnordgaus und zugleich die Ostgrenze des Bistums Eichstätt bezeichnete der zweite Reichsort Lauterhofen, der an einem uralten Weg aus dem Maingebiet·zum Regen und zur Donau nach Regensburg lag. An dieser Straße lagen die fränkischen Königshöfe Forchheim, Fürth, Hersbruck und Lauterhofen; sie führte Lauterach- und Vilsabwarts zur Naab und nach Regensburg. Die östliche Diözesangrenze von Eichstätt war eine politische und strategische Linie. Ein Unterbezirk des Urnordgaus muß der pagus Uuestermannomarcha oder Uuestermann = Westermanngau gewesen sein, in dem die Orte Prünthal und Raitenbuch zwischen Lupburg und Hohenfels im Bezirksamt Parsberg und Bergmatting zwischen Regensburg und Kelheim lagen. Zur Zeit Karls des Großen hieß das von mir oben umschriebene Gebiet zwischen Ingolstadt und Lauterhofen allein Nordgau, wahrend das zur Regensburger Diözese gehörige Gebiet im Norden der Donau dagegen zum Donaugau gerechnet wurde. Dieses vorgenannte Land aber hieß im Kapitulare Karls des Großen von 806 „pars Baivariae quae dicitur Northgow“ und war mit dem Eichstätter Sprengel identisch.

Aus einer Stelle der Vita Wynnebaldi aus der 2. Halfte des 8. Jahrhunderts dürfen wir den Schluß ziehen, daß sowohl die südwestliche Oberpfalz bis zur Linie Premberg, Schmidmühlen, Lauterhofen wie auch das Vilstal bis in das Amberger Becken und das Naabtal bis Nabburg damals siedlungsmäßig erschlossen waren. All das aber zwingt endlich zur Aufgabe der These Michael Doeberls, die er erstmals in seiner Habilitationsschrift vorgetragen hat, daß es nämlich eine Markgrafschaft auf dem bayerischen Nordgau oder eine Böhmische Mark gegeben habe. Für ein solches Gebilde gibt es keinen quellenmäßigen Beleg. Dazu gehört auch die Feststellung, daß auf dem nördlichen Donauufer selbst in nächster Umgebung Regensburgs im 8. und 9. Jahrhundert nur ganz wenige Orte bezeugt sind. Es sind dies Premberg und Lauterhofen, Etterzhausen an der Naab, Beratzhausen an der Laber, Pfraundorf, Prünthal, Raitenbuch und Degerndorf zwischen Parsberg und Hohenfels, Kuntsdorf (= Königsdorf) bei Premberg, Allersburg an  der Lauterach und Berching an der Sulz. Wenn wir dazu mit Hans Dachs die Ortsnamen als Leitfossile der Besiedlung dieses Landes befragen, so stellen wir fest, daß Ortsnamen mit dem Grundwort -ing, die dem 8. Jahrhundert zugehören, gehäuft nur im Chamer Becken auftreten, zahlreicher auch im Altmühltal bis Eichstätt hinauf und in einigen Seitentälern der Altmühl vereinzelt; dazu kommt noch eine geschlossene Gruppe zwischen Amberg und Nabburg und Schwarzenfeld. Ausbau und Kolonistensiedlungen und ihre Namen mit den Grundworten heim, hofen, hausen, die auch dem 8./9. Jahrhundert angehören, schieben sich von Regensburg die Donaunebenflüsse nordwärts hinauf bis zu einer Linie, die von Hersbruck über Lauterhofen an das Regenknie bei Marienthal verläuft; der ganze Osten der heutigen Oberpfalz ist fast völlig frei davon. Das paßt auch zu der von Dachs festgelegten Linie Forchheim, Nabburg, Furth i. W., bis zu der die Siedlungsbewegung des 8./9. Jahrhunderts aus dem Süden verläuft. Schließlich fügt sich damit auch die philologische Feststellung zusammen, daß auch die Namensform der slavischen Namenbezeichnungen Perschen nahe Nabburg und Pfreimd in die Zeit zwischen 700 und 750 weisen. Daß die Oberpfalz genauso wie Ober- und Mittelfranken eine slawische Besiedlung hatte, deren erste Phase nach der slawischen Westbewegung seit 600 einsetzte, deren zweite Epoche durch die fränkische Staatskolonisation bewirkt wurde, ist zuletzt durch die Forschungen von E. Schwarz geklärt worden.

Die früheste Nachricht aus der südlichen Oberpfalz von heute stammt aus einer St. Emmeramer Urkunde von 819, die berichtet, daß die dem Domkloster St. Emmeram zu Regensburg unterstehende Zelle Chammünster gegenüber der Mündung des Chambflusses in den Regen vom vorletzten Agilolfingerherzog Otilo, also vor 748, mit reichem Grundbesitz ausgestattet worden sei. Die Grenzen dieses Besitzes wurden unter seinem Nachfolger Tassilo III. und wiederum 819 gegen wiederholte Übergriffe festgelegt. Das Klosterland, seinem Wesen nach ein forestis = Forst, lag zwischen dem Janabach und der Miltach. Wie die anderen beiden Klostergründungen Tassilos zu lnnichen im Pustertal und zu Kremsmünster in Oberösterreich hatte dieses Kloster am Chamb-Regen Zusammenfluß die Funktion einer Herbergs- und Verpflegstation der wichtigen Straße von Regensburg über den Further Paß nach Domaslice = Taus und Prag und ihrem Zusammentreffen mit einer anderen wichtigen Straße von Straubing über Stadevanga = Stallwang nach Cham. Im Chamer Becken haben wir auch ein dichtes Netz von alten -ing-Orten, die sich entlang des Regenflusses bis Regensburg fortsetzen, Zeichen eines guten Bodens und einer größeren Besiedlungs- und Bevölkerungsdichte. An der selben Linie reiht sich aber auch Krongut der fränkischen und deutschen Könige auf, das an das agilolfingische Gut anknüpft. Wir haben hier später die Königshöfe Nittenau, Roding, Cham. Das Reichsgut Nittenau wurde von Kaiser Heinrich II. 1007 an das neugegründete Bistum Bamberg geschenkt. Aus diesem Besitz schenkte Bischof Otto von Bamberg Güter an seine Klöster Prüfening (1109) und Ensdorf. Hier breiteten sich die großen Reichsforsten Nittenau, Rechart und Dürn aus, in denen die Bauern des Hochstifts rodeten. Roding trat erstmals 844 als Königspfalz in Erscheinung. Kaiser Arnulf von Kärnten gründete hier eine Pfalzkapelle mit Kollegialstift. Pertinenzen dieses alten Reichsortes und vermutlich ebenso des Reichshofes Cham waren die 1003 genannten Orte Dicherling und Zenzing, Hotzing, Scharlau, Posing, Au und Frieding mit dem Forst Eisenhart. Cham ist 976 als civitas und 1040 als castrum überliefert. Dieser Siedlung ist gleichzusetzen die Reichsburg Camma über den Chambfluß, zu der die heute Altenstadt genannte Siedlung und eine Georgskapelle auf dem Galgenberg gehörten. An der Südseite des Chamer Beckens lag der Alte Markt (= Altenmarkt), der 1135 und 1137 so genannt wurde, die Siedlung an der Stelle der heutigen Stadt Cham wurde 1210 erstmals als novum forum (= Neumarkt) im Gegensatz zum Alten Markt bei dem heute noch so bezeichneten Ort genannt. Zwischen Cham und Furth schenkte Kaiser Heinrich III. 1156 aus Reichsgut Besitz in Döfering, Schlammering, Grasfilzing, Grabitz, Furth, Kothmaissling, Degelberg, Großmannsdorf, Buchberg und Sichowa (abg. bei Furth); auch in Ballersdorf, Habersdorf, Michelsdorf verfügte der König über Besitz.

1n der Reichsteilung Karls des Großen von 806 wurde der Urnordgau aus Bayern, wie es Tassilo besaß, ausgegliedert und mit ihm die Reichshöfe Ingolstadt und Lauterhofen. Sein Sohn Pippin bekam das tassilonische Bayern, sein Sohn Karl aber neben anderem den Nordgau, der als „pars Baivariae“ (Teil Bayerns) bezeichnet wurde. Zu Bayern gehörte auch die südöstliche Oberpfalz um Cham und am Regen. Bayern aber war selbst fränkische Provinz und seit 788 waren Urnordgau und Land am Regen fränkisch-karolingisch bzw. später reichisch-deutsch. So war es in der ersten Etappe südoberpfälzischer Geschichte bestellt und geworden.

Unter den Ottonenkaisern hebt in der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts die zweite Phase an. Kaiser Otto I. mußte den widerspenstigen Luitpoldingern und wohl auch dem Hause seines Bruders Heinrich ein Gegengewicht in den fränkischen Grafen von Schweinfurt aus dem Hause der jüngeren Babenberger entgegenstellen. Er vereinigte darum das nördliche „Ostfranken“ und den Nordgau als kommissarische Verwaltungsgebiete in babenbergischen Händen. Vermutlich um 950 übertrug der König an den Grafen Berthold die Grafschaften im Nordgau, wo er 945 im Dienste des Herrschers bezeugt ist; 960 und 973 waren in seinen Händen auch die ostfränkischen Grafschaften Volkfeld und Radenzgau; dazu kam noch die praefectura über das Königsgut Bamberg. Berthold begegnet mit dem Titel marchicomes, was ausdrückt, daß er mehrere Grafschaften vor der Grenze in seiner Hand hatte. Daneben ist die Feststellung wichtig, daß Bertholds Bruder Luitpold 976 die bayerische Ostmark im heutigen Österreich entlang der Donau zwischen Enns und Wienerwald übertragen erhielt und dazu auch noch die südöstliche Hälfte des Donaugaus (wohl bis Deggendorf) bekam. Der nordwestliche Teil des Donaugaus von der Kleinen Laber bis zum Regen aber kam an Graf Pabo, den Ahnherrn der königlichen Burggrafen von Regensburg, die am Ende des 12. Jahrhunderts ausstarben und im 12. Jahrhundert in die beiden Zweige der edelfreien Herren von Riedenburg und der Landgrafen von Stefling im Regental sich aufgegliedert hatten. Wenn wir nun sehen, in wieviele Grafschaften der Gewaltbezirk Heinrichs von Schweinfurt, des Sohnes unseres Berthold, nach seiner Erhebung gegen Kaiser Heinrich II. aufgeteilt wurde, müssen wir sagen, daß der Titel Markgraf, den diese hier amtierenden Babenberger hatten, eine bedeutsame Stellung vermuten läßt, die freilich mit einer Markgrafschaft auf dem Nordgau nichts zu tun hatte, die nicht belegbar ist. Im Gegenteil! Wir müssen annehmen, daß im 10. Jahrhundert die ostfränkischen Grafschaften und der Urnordgau, das Land um die mittlere Naab und vielleicht auch den Regen als großer königlicher Gewaltbezirk in den Händen der Babenberger von Schweinfurt vereinigt war.

Daraus erklärt sich dann auch am leichtesten, daß der zweite Salierkaiser den östlichen und mittleren Teil dieses Gebietes entlang der böhmischen Grenze als die Marken Cham und Nabburg organisiert hat, die wir als Form der Grenzsicherung und Grenzorganisation, als militärische Aufmarsch- und Etappenstellung zu verstehen haben. Solche Gebilde haben wir auch an der Westgrenze des Reiches sowie in Hessen und Sachsen. Zentrum solcher Marken (marcae) war eine Reichsburg. Funktion und Folge dieser Markenbildung auf dem nun ostwärts gerückten Nordgau war die herrschaftliche Organisation des ganzen Gebietes nördlich des Regen und östlich der Naab. Daß Kaiser Heinrich III. in diesem Land besondere Interessen hatte und es organisatorisch stärker gliedern wollte, geht vor allem daraus hervor, daß nun gerade im Nordgau Königsdienstmannen (servientes regis) mit Dienst- und Eigengut erscheinen. Daß im zurecht im 10. Jahrhundert Oberpfalz und östliches Franken als königliche Herrschaftseinheit ansehe, geht auch daraus hervor, daß Heinrich III. neben Cham und Nabburg in der Nordostecke des Gebietes die Reichsburg Nürnberg errichtete (zwischen 1040 und 1050) und daß er gerade hier das Reichsgut in einer Ministerialenverwaltung zusammenfassen wollte. Ich vermute also einen weitläufigen Plan des Salierkaisers hinter all diesen Maßnahmen. Aus diesem Grunde wollte dieser große Organisator das dem Bistum Bamberg 1007 und später in verschwenderischer Fülle ausgetane Reichsgut wieder zurücknehmen – besonders das Reichsgut auf dem Nordgau – und den Aufbau eines Königslandes hier vorbereiten. So gesehen ist die Gründung der Markgrafschaften Cham und Nabburg Tei! einer umfassenden Organisation des Nordgaus und des in ihm liegenden Königsgutes. Am Westtor Böhmens sollte ein Starkes Bollwerk entstehen. Das Land an Regen und Naab hatte gerade darum eine zentrale Bedeutung, weil Egerland, Vogtland und das Waldgebiet am Nordhang des Erzgebirges noch zu dünn besiedelt und zu wenig herrschaftlich aufbereitet waren, um eine starke Basis für eine Ostpolitik abzugeben. Der deutsche König war dazu gezwungen, weil die Böhmen und Ungarn entlang ihrer Grenzen gegen Westen auch künstliche Wehranlagen und ein Grenzschutzsystem mit ständiger Verteidigungsbereitschaft errichtet und dort eine Grenzmiliz, wie in unserem Falle die Choden, angesetzt hatten. Die Choden waren slavische Wehrbauern an der Grenze, die auf erblichen Bauernhöfen angesetzt waren, um eine ständige Überwachung an der Grenze sicherzustellen. Die erste Spur dieser böhmischen Grenzmiliz begegnet 1004; 1040 und 1041 fand Kaiser Heinrich III. das böhmische Landestor von Taus durch starke Festungsanlagen im Grenzwald versperrt und durch Bogenschützen besetzt.

Von der Mark Cham hören wir erstmals 1055 bei einer Schenkung Kaiser Heinrich III. in der ,,marchia Champie“. Diese Mark ist sicher identisch mit dem pagus Champriche, der 1050 erwähnt wird; dort erhalt ein Königsdienstmann Dienstlehen zu Eigen übertragen. „Champriche“ bezeichnet einen geschlossenen Königsgutsbezirk um die Reichsburg Cham. Wir können seinen Umfang noch aus den Marchfutterorten des bayerischen Herzogsurbars vom Anfang des 14. Jahrhunderts erschließen. Der Königs- oder Reichsgutsbezirk Champriche war der Kern der Mark Kaiser Heinrich III. In einer Urkunde von 1058 vergibt der unmündige Heinrich IV. vier Königshufen bei Arnschwang an das Kloster Ebersberg mit dem Rodungsrecht; ihre Lage wird so umschrieben: in marcha Kamba versus Boemiam, que pertinet ad ducatum Bavvaricum, quam matri nostrae concessimus = in der Mark Cham gegen Böhmen, die zum bayerischen Herzogtum gehört, das wir unserer Mutter überlassen haben. Die verfassungsrechtliche, nicht machtpolitische Zugehörigkeit zum bayerischen Herzogtum ist unangetastet, aber das Herzogtum hat das Königshaus inne. Das Gebiet um Cham hat sicher auch zum Gewaltbezirk des Markgrafen von Schweinfurt aus babenbergischem Hause gehört. Doch gilt die zur Grafschaft weiterentwickelte Mark Cham als Sondergebiet, das eigentlich nicht zum Nordgau und zur späteren Oberpfalz gehörte, wie ihr Pfandcharakter seit dem Hausvertrag von Pavia 1329 deutlich macht. Grenzpunkte des Reichsgutsbezirkes Chamberich waren gegen Osten und Südosten Weißenregen bei Kötzting, Furth im Wald und Döfering (slavischer Ortsname) bei Waldmünchen. Kaiser Heinrich III. hat dieses Kerngebiet der Mark mit einer Wehrorganisation neuen Stils ausgestattet, deren Träger die Ministerialen und ihre Burgen waren; letztere treffen wir in großer Zahl gerade um Cham. Die Ministerialität wurde zum Träger der Verwaltung und Verteidigung dieses „Staatslandes“ und das entscheidende Werkzeug königlicher Kriegsführung. Das Dorf mit der Dienstmannenburg wurde hier wie im niederösterreichischen Waldviertel die Wehreinheit des neuen Systems. Zentrum des ganzen Befestigungs- und Verwaltungssystems war die Reichsburg Cham.

An die Spitze dieser Mark trat ein Markgraf, der auch der Kommandeur der Markministerialen wurde. Dieses Amt kam recht bald in die Hände der edelfreien schwäbischen Diepoldinger, deren Seitenzweig, den wir die Rapotonen nennen, auf dem Erbwege diese Stellung übernahmen. Als erster comes de Cambe (Graf von Cham) erscheint 1073 ein Rapoto, der treu zum Kaiser stand; sein Bruder Diepold war offensichtlich mit der Mark Nabburg belehnt. Als ihr Nachfolger und Erbe erscheint 1118 ein Diepold III., der 1118 als marchio de Napurch und 1140 marchio de Cambe bezeugt ist. Unterdessen waren die beiden Marken zu erblichen Reichslehen dieser Diepoldinger geworden. Es ist bekannt, daß der erste Stauferkönig Konrad III. beim Tode des genannten Diepold 1146 das Egerland einzog, das schon im 11. Jahrhundert an die Mark Nabburg angeschlossen gewesen zu sein scheint; dieses alte „Egerland“ ist also identisch mit der nördlichen Oberpfalz und dem südlichen Oberfranken. Auch dieser Landname ist erst später ostwärts nach Böhmen gewandert und wurde dort die Bezeichnung für das größere Umland der staufischen Reichsburg Eger. Trotz der Bestellung edelfreier Markgrafen waren die engen Beziehungen des Königs zu Markgut und Markministerialität in Cham, Nabburg und Egerland nicht unterbrochen. Um den genauen Umfang der salischen Marken Cham und Nabburg zu ermitteln, müßten wir die belegten Königsgutsbezirke, die Ministerialenburgen und die Pfarreiorganisation feststellen. Bei Cham wird wohl der Umkreis der alten Mark Cham zusammenfallen mit der Ausdehnung des alten Dekanates Cham. Als diese Gebiete zwischen 1180 beim Ankauf der Bamberger Vogteilehen der Grafen von Sulzbach auf dem Nordgau bei ihrem Aussterben und 1268 beim Übergang des staufischen Nordgaus an die Wittelsbacher in die Hände der letzteren gekommen waren, wurden sie im Bayerischen Herzogsurbar von 1280 auf den in Ober und Niederbayern geteilten wittelsbachischen Landesstaat aufgeteilt und politisch-administrativ auseinandergerissen. Nittenau, Wetterfeld, Roding, Miltach, Eschlkam, Waldmünchen wurden als Amtssitze im Urbar von Niederbayern aufgezählt; 1326 gehörten Wetterfeld mit dem Markt Nittenau, Roding, Neunburg, Nabburg, Obermurach und Oberviechtach zum Viztumamt (Burg-)Lengenfeld, dagegen die Landgerichte Cham, Waldmünchen, Eschlkam, Schneeberg und Pfreimd zum Viztumamt Straubing. Im Laufe des 13. Jahrhunderts ist als Folge der Territorialstaatsentwicklung, die die Wittelsbacher auf den Nordgau brachte, das alte königliche Markensystem aufgesplittert und umorganisiert worden.

Dies aber ist besonders an der Mark Nabburg zu zeigen. Diese wurde erstmals zu 1040 in einer Fälschung des Klosters Michelfeld oder des Bistums Bamberg erwähnt. Sollte sich der hier genannte Ortsname Pillungesriut auf Pullenried bei Nabburg beziehen, dann ist seine geographische Bezeichnung zu beachten; denn dieser Ort liegt „in pago Norgouue in comitatu Ottonis comitis et in marca, quae vocatur Nabburg“. Demzufolge war damals die Mark Nabburg noch keine selbständige Einheit, sondern Teil der Grafschaft Ottos. Nabburg selber war die zentrale Reichsburg dieses Gebietes. Selbständig wurde diese Mark erst nach dem Tode des babenbergischen Markgrafen Otto von Schweinfurt, der damals auch Herzog in Schwaben war, sowie seines Erben und Nachfolgers, des Heinrich von Hildrizhausen. Das alles geschah unter König Heinrich IV., der auch diese Mark den Diepoldingern übertrug. Wenn wir auch über die Mark Nabburg nicht so viel wissen, wie über die Mark Cham, so ist doch sicher, daß auch sie militärisch organisiert war. Nabburg beherrschte den Übergang einer auch später noch wichtigen Straße von Amberg nach Böhmen; es erscheint aber auch als starkes militärisches Kraftzentrum gegen das nördliche, damals noch kaum erschlossene Egerland. Aber Nabburg lag gegen Osten und Norden sehr weit im Hinterland; es muß also vor allem Auffang- und Ausgangsstellung gewesen sein. Das Land zwischen dieser Reichsburg und dem böhmischen Grenzland war sehr dünn besiedelt. In diese Burg hatte sich 929 König Heinrich I. mit dem bayerischen Herzog Arnulf zurückgezogen; daraus läßt sich der Reichsburgcharakter der Naabveste erschließen. Hier war wie in Cham eine Münzstatte. Der größere Raum von Nabburg trat erst durch die reichen Landschenkungen König Heinrichs II. an das neugegründete Reichsbistum Bamberg in das Licht der Geschichte.

Aus einer Urkunde von 1061, durch die der König an den bedeutenden Königsministerialen Otnand aus der Forchheimer Gegend einen Wald zwischen Schür- oder Höllbach, Krummenaab, Trebnitzbach und der Straße von Eger „im Nordgau und in der Mark Nabburg“ schenkte, können wir erschließen, daß der Südrand des Gebietes, den wir dann als provincia Egrensis und als staufisches Reichsterritorium Egerland kennen, hinauf bis Marktredwitz und noch weiter zur Mark Nabburg gehörte. Deren Hauptstoßrichtung und Ausbreitungsgebiet war der Norden. In diese Richtung zielte im 12. Jahrhundert der Landesausbau der Diepoldinger Markgrafen und ihr territorialstaatlicher Aufbau. Ihre nordwärts gerichtete Politik wurde durch den Staufer Konrad III. jäh unterbrochen; man holte aus der Mark Cham Ministerialen und setzte sie an der Naab und im alten Egerland als Mark- und dann Reichsministerialen zu Rodungsaufgaben und Herrschaftsorganisation ein. Die Machtbasis der Diepoldinger um Nabburg selbst war sehr schmal, da ein fester Ring von Burgen der Grafen von Sulzbach und anderer Edelfreien die Reichsburg umklammerte: Parkstein, Hohenburg an der Lauterach, Thurndorf, Murach, Flossenbürg. Die regio Egire erscheint 1135 erstmals als Verwaltungsgebiet. Die Grafen von Sulzbach, die Tirschenreuth besaßen, rodeten im Egerland. Weitere Rivalen waren die edelfreien Herren von Hopfenohe und Waldeck, deren Erben die späteren Landgrafen von Leuchtenberg wurden. Als Schwager der Hopfenohe-Lengenfeld-Pettendorf schoben sich südlich Nabburg die Wittelsbacher vor. Südöstlich der Reichsburg und östlich davon saßen in Altendorf die Grafen von Stirn und Ettenstatt aus der Rezatgegend; zu Schwandorf und östlich davon saßen die Grafen von Hohenburg. Nahe Rötz aber lag die Stammveste der Haderiche (= die Schwarzenburg), die in der ebenfalls von der von Heinrich III. gegründeten marchia Boemiae, um das dortige Retz (= ein zweites Rötz) reichbegütert waren; sicher waren sie Verwandte der Diepoldinger. Man müßte die genealogisch-besitzgeschichtlichen Verbindungen der genannten Geschlechter näher untersuchen, um so sicherere Aufschlüsse über Besitz- und Herrschaftsverhältnisse gerade im Raum um Nabburg und östlich davon zu erhalten. Das· historische Dunkel über unserer Oberpfalz würde sich weiter lichten.

Die Mark Nabburg lehnt sich an die Mark Cham an; es fällt nur der Raum um Schwandorf aus. Vermutlich fällt die marchia Nappurg zusammen mit dem Umfang des alten Dekanates Altendorf, dessen Urpfarrkirche zweifellos Perschen am linken Naabufer gegenüber Nabburg war. Grenzorte waren Seebarn, Rötz, Tiefenbach, Schwarzach, Eslarn, Waidhaus, Lennesrieth, Floß, Ilsenbach, Wurz, Altenstadt, Neunkirchen, Kohlberg, Neunaigen, Saltendorf und Schwarzenfeld. Die Nordgrenze ist deshalb nicht mehr auszumachen, weil sich das staufische Reichsland Eger gegen Süden abgeschlossen hatte und sich im Gefolge davon zwei neue Dekanate Thumbach und Beidl gebildet hatten. Vermutlich war die Nordgrenze der Mark Nabburg sehr lange offen. Der schmalen Machtbasis der Diepoldinger in diesem Südraum entspricht die geringe Westerstreckung des Dekanates Altendorf, dessen Sitz später Nabburg wurde. Östlich der Naab erstreckt sich ein großer Gürtel von ried-Orten, in denen wir Zeugen eines hochmittelalterlichen Landesausbaus zu sehen haben. Es bedarf hier noch intensiver Einzelforschung, um die Kirchen-, Herrschafts- und Siedlungsgeschichte dieses Raumes zu erhellen. Wir können hoffen, daß die Atlasforschung der Kommission für Bayerische Landesgeschichte bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften sehr bald einen wesentlichen Teil dieser Arbeit leisten wird. Jedenfalls hat Archivdirektor Dr. Heribert Sturm einen Löwenanteil daran, der bislang die beiden Atlasbände Tirschenreuth und Kemnath schon erarbeitet und nun einen dritten Band übernommen hat, der den Raum um Weiden analysiert. Nach Westen wurde ein weiteres Ausgreifen der Mark Nabburg und der Diepoldinger versperrt durch die umfangreichen Vogteilehen der Bamberger Reichskirche auf dem Nordgau, die einen großen Teil der nordwestlichen Oberpfalz umfaßten. Außerdem war hier die Einflußzone der mächtigen Grafen von Sulzbach und Kastl-Habsberg. Im Umkreis von Nabburg und in der mittleren und westlichen Oberpfalz stellen wie eine starke eigenherrschaftliche Politik des Dynastenadels und seiner Geschlechter fest, die sich an der „Nordgauverschwörung“ gegen den alten Kaiser Heinrich IV. beteiligt haben und so ihre Interessen kundtaten.

Der Raum um Nabburg büßte seine zentrale Stellung im Nordgau ein, als nach der Entlassung der Diepoldinger durch Konrad III. die Staufer, besonders Barbarossa, begannen, in direkter Verknüpfung mit der terra imperii = dem Reichsland um Nürnberg auch eine terra imperii vor der Reichsburg Eger zunachst in der frühesten provincia Egire aufzubauen. So wurde dieses Gebiet fest eingegliedert in die große Reichslandkonzeption der Staufer, deren Ziel der Aufbau eines königlichen Territorialstaates in Süd- und Mitteldeutschland war. Diese Politik war großflächig gedacht, sie erfaßte den größten Teil des heutigen Mittel- und Oberfranken und der Oberpfalz, sie griff über das Vogtland hinaus in den sächsischen Pleissengau, wo die Reichsburg Altenburg wieder ein starkes Zentrum königlicher Herrschaft wurde. Ich möchte hervorheben, daß diese großzügige Reichslandpolitik vor allem dort möglich war, wo es große Wald und Forstgebiete gab und wo die königlichen Dienstmannen und Reichsministerialen Rodungen anlegten und so den Aufbau der Königsherrschaft vorantreiben konnten, weil dort kein adelig-kirchliches Streben nach gleicher Territorialität ihnen entgegenstand. An dem großen Rodungswerk beteiligte sich im frühen und späten Egerland auch das unter staufischer Reichsvogtei stehende Zisterzienserkloster Waldsassen, das die Diepoldinger ebenso gestiftet haben wie sie auch Gründer des Benediktinerklosters Reichenbach am Regen waren; das vierte bedeutende Adelskloster in der Oberpfalz gründeten gegenüber Reichenbach am rechten Regenufer in Walderbach die Burggrafen von Regensburg aus dem Hause der Pabonen. Aus dem Anfang des 12. Jahrhunderts stammt das auch noch heute in seiner Burgstruktur imposante Kloster Kastl über der Lauterach der Grafen von Kastl, Sulzbach und Habsberg. Die Stauferkaiser konnten ein von den Saliern begonnenes staatspolitisches und kulturschöpferisches Werk im ganzen Raum der heutigen Oberpfalz fortsetzen, in dem schon der letzte Sachsenkaiser Heinrich II. dem von ihm gegründeten Reichsbistum Bamberg (1007) die Vogteiherrschaft über große Waldgebiete um die obere Pegnitz, die Vils und den Regen (um Nittenau) schenkte. Diese Vogteiherrschaft kam im 12. Jahrhundert an das mächtige Grafengeschlecht von Sulzbach, das mit den Kastl-Habsbergern verwandt war und sich mit ihnen zur Gründung des Klosters Kastl zusammentat; dieses Kloster aber lag am Ostrande des Urnordgaus nahe Lauterhofen. Dem Geschlecht der Sulzbacher aber entstammte die Gemahlin Gertrud des ersten Stauferkönigs Konrad III., und ihre Schwester war Gemahlin des byzantinischen Kaisers Manuel Komnenos.

Nach der staufischen Reichslandkonzeption sollte der Nordgau = das Land der mittleren und nördlichen Oberpfalz eingespannt sein in ein System, dessen stärkste Flanken Nürnberg und Regensburg darstellten. Von Regensburg aus, wo sie seit dem Aussterben der Pabonen am Ende des 12. Jahrhunderts kaiserliche Burggrafen waren, schoben sich seit dieser Zeit nach Norden die Wittelsbacher vor, die 1180 Territorialherzöge in Bayern geworden waren. Sie faßten Fuß im Mündungsgebiet der beiden größten Flüsse der Oberpfalz Naab und Regen und wurden beim Aussterben des staufischen Kaisergeschlechts 1268 dessen Haupterben auf dem bayerischen Nordgau in der heutigen Oberpfalz, wie sie erst seit dem 15. Jahrhundert im Gegensatz zur Niederen Pfalz am Rhein genannt wurde. Barbarossa hatte eine Reihe von Gründen, dieses Gebiet so stark zu einer terra imperii auszubauen. Vor allem wollte er hier ein tragfähiges Glied seiner ganz Süddeutschland bis Hessen überlagernden Reichslandpolitik verankern. Der Nordgau war zudem ein Brückenkopf für eine intensive Einflußnahme auf Böhmen, das durch seine Edelmetallvorkommen wirtschaftlich ein reiches Land war. Sicher organisierte er dieses Grenzland herrschaftlich auch wegen seines wirtschaftlichen Eigenwertes, konkret wegen seiner Eisenvorkommen und Eisenverarbeitung, die im 12. Jahrhundert auch urkundlich greifbar wird. Bald wurden Amberg und Sulzbach zentrale Orte der spätmittelalterlichen Eisenproduktion, und Nürnberg, das zu einem Hauptzentrum der Waffenproduktion wurde, beschaffte sich Eisen und Stahl aus der Oberpfalz. Hammermühlen und Hammerschlößchen sind ein Charakteristikum des Wirtschafts- und Kulturraumes der mittleren und nördlichen Oberpfalz geworden. Außerdem gab es auf dem Nordgau, den ich den jüngeren oder zweiten Nordgau nennen möchte, noch so viel jungfräulichen Boden, daß sich hier leicht durch eigene Kolonisation und Rodefähigkeit ein herrschaftlich straff gelenktes königliches Territorium aufbauen ließ, das nicht direkt unter der zerstörenden Rivalität mit dem zu gleicher Territorialität aufsteigenden Adel stand. Man kann wohl sagen, daB der Nordgau seine politisch größte Zeit in der Epoche der Salier und Staufer und im späteren Mittela!ter unter Karl IV. hatte. Nach dem Untergang des großen deutschen Kaisergeschlechts erst wurde der Nordgau im ganzen Objekt und Teil der Territorialpolitik und des ausgreifenden Territorialstaates der Wittelsbacher, die 1180 Bayern als Reichsfahnlehen übertragen erhielten. Die relative Geschlossenheit ihrer Herrschaft auf dem Nordgau, das Freisein von rivalisierenden Hochadelsgeschlechtern und zu gleicher Territorialitat strebenden geistlichen Hochstifter war auf diesem Rodungsboden ein Erbe der Staufer. Daß der Nordgau fiir den wittelsbachischen Kernstaat primär aber keine Bedeutung hatte, ergibt sich daraus, daß Kaiser Ludwig der Bayer 1329 beim Abschluß des Hausvertrages von Pavia dieses Gebiet an die pfälzische Linie seines Haus abtrat und somit wieder fiir weitere drei Jahrhunderte aus dem altbayerischen Herrschaftsverband und Landesstaat ausklammerte.

Abschließend kann man sagen, daß unsere Oberpfalz eine karolingisch-ottonische und eine salisch-staufische Vergangenheit im Mittelalter hatte und daß in ihrer Geschichte babenbergische, diepoldingische, sulzbachische und wittelsbachische Adels- und bambergische Hochstiftstraditionen wirksam waren. Die Oberpfalz hat ein romanisches und gotisches Gesicht, sie ist vor allem eine romanische und gotische, keine barocke Kultur und Kunstlandschaft. Der Dientzenhoferbau von Waldsassen vermag dies nicht zu vertuschen. Die Oberpfalz hat ein eigenes Wesen und eine eigene Identität, die nicht in der bayerischen Geschichte des Mittelalters und der frühen Neuzeit einfach aufgeht. Auf ihre reichische Geschichte sollte die Oberpfalz stolz sein und es nicht den Österreichern und Württembergern überlassen, ein babenbergisches und ein staufisches Jahrtausendjubiläum zu feiern. Die Oberpfälzer sollten ihre Reichsgeschichte und ihren Eigenwert umsoweniger vergessen, als sie noch große Architekturzeugen dieser Vergangenheit vor sich haben in der romanischen Klosterkirche und Klosterburg von Kastl, in der romanisch-gotischen Klosterkirche von Chammünster, in der spätromanischen Zisterzienserkirche von Walderbach, in der romanischen Architektur von Reichenbach und last not least in der Kirche von Perschen. Am Rande verweise ich nur auf die beiden großen gotischen Hallenkirchen in Amberg oder auch an den gotischen Chor der Stadtpfarrkirche von Cham. Die Oberpfalz ist seit salisch-staufischer Zeit ein großes Burgenland, deren Ruinen überall den Wanderer grüßen; ich nenne nur die Ruinen von Flossenbürg, Leuchtenberg, Runding, Haidstein vor vielen anderen. Die Oberpfalz konnte keine Barocklandschaft werden, wie die klosterreichen Altbayern und Österreich erst geworden sind. Der alte Nordgau und die Oberpfalz sind heute staatlich und geistig tief verwurzelt im alten bayerischen und stammesbayerischen Raum; aber sie haben ihre eigene Vergangenheit und ein eigenes historisches Profil, sie haben ein Recht darauf, auch ein eigenes historisches und politisches Selbstbewußtsein zu artikulieren und durchzusetzen. Das ist wohl der konkrete Sinn der Nordgautage, die es nicht versäumen dürfen, in das altbayerische Wesen oberpfälzischer Art auch das Egerland kräftig mit einzubeziehen.

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Studien des Verfassers zur oberpfälzischen Geschichte:

1) Das Nordgaukloster Kastl. Gründung, Gründer, Wirtschafts- und Geistesgeschichte, in Verh. d. Hist. Vereins v. Obpf. 89 (1939) 3-189 ( = Münchener Dissertation).

2) Die Sozialstruktur der mittelalterlichen Residenz- und Fernhandelsstadt Regensburg. Die
Entwicklung ihres Bürgertums vom 9.-14. Jh. = Abhandlungen d. Bay. Ak. d. Wissenschaften. Phil.-Hist. Klasse NF 63 ( 1966).

3) Bayerische Geschichte. 4. Aufl. 1975/6.

4) Die Reichsministerialität als Träger staufischer Staatspolitik in Ostfranken und auf dem
bayerischen Nordgau, in Jahresber. d. Hist. Vereins von Mittelfranken 69 ( 1941) 1-105.

5) Die Markengründungen Kaiser Heinrich III. auf bayerisch-österreichischem Boden, in Zs. f. Bay. Landesgeschichte 14 ( 1943/4) 177-247 und in K. Bos! (Hgb.), Zur Geschichte der Bayern 364-442.

6) Die Entwicklung in Ostbayern bis zur Eingliederung in den wittelsbachischen Landesstaat, in Das Bayerland 55 ( 1953) 284-288.

7) Der Eintritt Böhmens und Mährens in den westlichen Kulturkreis im Lichte der Missionsgeschichte, in Böhmen und Bayern, Veröffentl. des Collcgium Carolinum I (1958) 43-64.

8) Probleme der Reichsgutforschung in Mittel- und Süddeutschland, in Jb. f. fränkische Landesforschung 20 (1960) 305-325.

9) Kulturstrome und Kulturleistungen der bayerischen Oberpfalz. In 125 Jahre  Regierungsbezirk Oberpfalz (1963) 31-50.

10) Das kurpfälzische Territorium „Obere Pfalz“, in Zs. f. Bay. Landesgesch. 25 (1963) 3-28 und in Die Oberpfalz 53 (1965) 1-4, 25-27, 49-53, 73-75.

11) Die Geschichte eines Grenz- und Durchgangslandes bis zum Niedergchen des Eisernen Vorhangs, in Das Bayerland 67 (1963) 198-207.

12) Pfalzen, Klöster, Forste in Bayern. Zur Organisation von Herzogs- und Königsgut in  Bayern, in Verh. d. Histor. Vereins von Oberpfalz (1966) 41-56 ( = Festschrift f. H. Dachs).

13) Dreihundert Jahre Entwicklung zur Reichsstadt ( 1050-1347), in G. Pfeiffer (Hgb.), Nürnberg. Geschichte einer europäischen Stadt (1971) 1 1 -33.

14) Oberpfalz und Egerland im Spannungsfeld der internationalen Politik. Vortrag anläßlich des 650. Jahrestages der Verpfändung des Egerlandes am 7. Oktober 1972 in Amberg ( 1973).

15) Der deutsche und europäische Rang Regensburger Urbanität = Festrede zum Ärztetag 1973 in Regensburg.

16) Landschaftliche und gesellschaftliche Gegebenheiten, in Reismüller-Müller (Hgb.), Ingolstadt I (1974) 11-18.
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* Eröffnungsvortrag des Verfassers zum 21. Bayerischen-Nordgautag in Nabburg, am 27. Mai 1976 in der Aula des Gymnasiums.

 

Die Burg Donaustauf

Die Burg Donaustauf, „das beste und festeste Haus der Regensburger Kirche“

Von Josef Fendl

Lage, Name, Vorgeschichte

Nördlich bzw. nordwestlich der alten Donaudörfer Barbing und Sarching — Gründungen der bajuwarischen Landnehmer — ragt jenseits des Flusses vor der Kulisse der Hohen Linie der Burgberg von Donaustauf auf.

Geologisch gesehen ist er ein Zeugnis dafür, daß während und nach der Auffaltung des kristallinen Grundgebirges (des Bayerischen Waldes) granitische Schmelzen in das Deckgebirge eindrangen und erstarrten. Die Abtragungen der vergangenen 300 Millionen Jahre brachten diese granitischen Gesteine zum Vorschein. Umlagert wird der Burgberg vom sogenannten Rotliegenden, dem Rest eines im Perm (vor rund 280 Millionen Jahren) entstandenen Randstreifens der Südflanke des Vorderen Bayerischen Waldes, der im Tertiär (vor rund 50 Millionen Jahren) durch eine ruckartige tektonische Bewegung mehrere hundert Meter absank. Der Name ,stouf‘ ist die althochdeutsche Bezeichnung für Fels, Bergkuppe oder Berg von der Gestalt eines Kegelstumpfes und findet sich noch mehrfach im süddeutschen Raum.

Funde aus neuester Zeit lassen die Vermutung gerechtfertigt erscheinen, daß der Berg schon im siebten bis vierten Jahrhundert v. Chr. (in der sogenannten Urnenfelderzeit) einer der zahlreichen Herrschaftssitze keltischer Stämme war, — wobei nicht ausgeschlossen werden soll, daß die Bergkuppe auch früher schon Zufluchtsort für größere Sippen war.

Der Berghügel verschwindet dann wieder für mehrere Jahrhunderte aus dem Blickfeld der Geschichte, um im 10. Jahrhundert n. Chr. umso deutlicher herauszutreten.

Die erste urkundliche Erwähnung

Die erste schriftliche Erwähnung einer Befestigung fällt in die Regierungszeit des Abtbischofs Tuto (894—930); sie findet sich in der Beurkundung eines Gütertauschs: Der Bischof und sein Vogt Arnimar geben eine Hube bei dem Kastell Stufo (iuxta Castellum quod dicitur Stufo) und Besitz in Phatragimundi (Pfatter bzw. Gmünd bei Pfatter) gegen eine Hube des Freien Richpero und seiner Gemahlin Engilfrita in Sempinchovun (Sengkofen).

Da eine Schenkung des Jahres 914 die Burg noch nicht kennt, ist anzunehmen, daß Donaustauf als bischöfliche Festung gegen die immer bedrohlicher anstürmenden Ungarn zwischen 914 und 930 — wahrscheinlich nach der Rückkehr Arnulfs des Bösen nach Bayern (918) — errichtet wurde. Dabei ist es durchaus möglich, daß vorgeschichtliche Ringwälle in diese Burganlage miteinbezogen wurden.

Die Form der Anlage

Die Burg Stauf war eine typische Abschnittsburg, d. h. im Laufe der Jahrhunderte wurde von einem „Kern“ aus ein Mauerring nach dem anderen gegen die Angriffseite (in unserem Fall nach Norden) vorgeschoben und jeder dieser Abschnitte durch einen festen Torbau abgeriegelt bzw. zugänglich gemacht. Das staffeiförmige Terrain wurde auf diese Weise vortrefflich ausgenützt: Bastion steht üher Bastion, — für den Bogennahkampf eine fast unüberwindliche Wehr.

Es ist möglich, daß diese Häufung der Verteidigungsabschnitte von den Kreuzfahrern im Heiligen Land wenn nicht entwickelt, so doch übernommen wurde.

Der „Kern“ auf der höchsten Erhebung (Westflanke) mag anfangs nur von einem Wall mit einem Palisadenzaun umzogen gewesen sein. Die ersten Steinbauten (Pallas, Kapelle, Bergfried) wurden vermutlich zwischen 1000 und 1050 errichtet. Aber auch die Mehrzahl der übrigen Bauten wurde wohl noch in romanischer Zeit aufgeführt. Die letzte Erweiterung erfuhr die Burg 1610 durch Herzog Maximilian. 24 Jahre später wurde sie von den Schweden geschleift.

Die Burgkapelle stellt schon von ihrer Lage her eine burgenbauliche Sonderform dar: sie lag (zumindest teilweise) im Torturm. Der kunstgeschichtlich höchst beachtenswerte Bau aus der Mitte des 11. Jahrhunderts soll dem hl. Rupert geweiht gewesen sein, der nach der Sage der Gründer der Burg war.

Die Kapelle war eine (entsprechend den Umfassungsmauern des Torturms) quadratische dreischiffige Anlage, deren Innenwände auf allen vier Seiten mit je drei halbrunden gewölbten Nischen ausgesetzt waren, in denen bis heute Reste von Wandmalereien aus der Mitte des 12. Jahrhunderts erhalten blieben: geistliche Würdenträger mit entsprechenden Attributen in der Hand. Nach den Fragmenten der romanischen Majuskel‑Inschriftenfriese zu schließen, waren hier die ersten Regensburger Bischöfe dargestellt. Das Nischensystem schloß sich wahrscheinlich Regensburger Vorbildern an, so etwa der 1052 geweihten Wolfgangskrypta in St. Emmeram. Die Raumwirkung dürfte aber in Donaustauf noch vollkommener gewesen sein.

Burg Donaustauf

Die Bischofsburg — ein Schauplatz der Geschichte

Wie nahezu alle Burgen gab auch Stauf im Laufe der Jahrhunderte die Bühne für mehr oder weniger bedeutsame Ereignisse ab. So z. B. hat nach glaubhafter Überlieferung Kaiser Friedrich Barbarossa die Nacht vom 7. auf den 8. September 1156 auf der Burg verbracht, von wo aus er am Morgen des 8. September zum Reichstag auf den Wiesen von Barbing ritt. In einem hochfeierlichen Zeremoniell wurde dort (vor der Kreuzhofkirche?) die Rückgabe Bayerns an Heinrich den Löwen und die Belehnung des Babenbergers Heinrich Jasomirgott mit Österreich vollzogen. 18 Reichsfürsten waren Zeugen dieses großartigen Schauspiels.

Auch die Zeit der Kreuzzüge — drei von ihnen gingen von Regensburg aus — mag manchen prominenten Heerführer jener Jahre innerhalb der Burgmauern gesehen haben.
So z. B. bestätigte 1233 Graf Albert von Bogen vor seinem Aufbruch zum Kreuzzug auf der Burg Stauf (in Gegenwart seiner Mutter Ludmilla, der Witwe Herzog Ludwig des Kelheimers) den Regensburger Minoriten die Schenkung des in ihrer Nachbarschaft gelegenen Bogener Hofes, eines Bezirkes „von großem Umfang, in welchem der Vater und die Vorfordern des Grafen weitläufige Gebäude und Wohnungen, Speisgadem, Küchen und Scheunen erbaut hatten“ (Gemeiner I , 334).

Als Bischof Siegfried, der 1227 — wie auch einige seiner Vorgänger — selber an einem Kreuzzug teilgenommen hatte, am 19. März 1246 starb, waren die Zwistigkeiten zwischen der Stadt und dem Bischof in der Frage der Stellung zu Friedrich II . noch lange nicht beigelegt. (Der Kaiser hatte Regensburg 1245 zur freien Reichsstadt erhoben, war aber vom Papst in den Bann getan worden.) Der Nachfolger Bischof Siegfrieds, Albert I., konnte es deshalb nicht wagen, das staufisch gesinnte Regensburg, gegen das übrigens auch das Interdikt (eine Gottesdienstsperre) verhängt war, zu betreten. Er residierte in Stauf (und gelegentlich auch in Eglofsheim).

Im Herbst des Jahres 1250 heckte er auf der Burg ein Bubenstück aus, das schlimme Folgen haben sollte. Während die Vornehmen der Stadt der dem Kaiser verlobten Tochter des Markgrafen von Meißen Geleit durch das Stadtgebiet gaben, schickte der Bischof seine Reisigen in einen Hinterhalt, und es gelang ihm, 40 (nach anderen Quellen 45) der heimkehrenden Regensburger Bürger in seine Gewalt zu bringen. Er steckte die Geiseln ins Burgverlies, — aber die Rache des Königs und des bayerischen Herzogs ließ nicht lange auf sich warten. Die beiden zogen in Eilmärschen von Landshut nach Regensburg und brandschatzten die hochstiftischen Besitzungen. Als der Bischof bei den Waffenstillstandsverhandlungen in Regensburg die Verwüstungen sah, reifte in ihm ein noch schlimmerer Plan: er wollte den König in St. Emmeram ermorden lassen („in eine andere Welt schicken“, schreibt Gemeiner). Ein Zufall ließ — wie schon so oft in der Geschichte — den Anschlag mißlingen: Der König hatte sich unter dem Bett versteckt, und der Dolch traf einen Unschuldigen.

Zum Nachfolger des Bischofs, der daraufhin abgesetzt wurde und ins Exil ging, wurde Albert II . (der Große), der gelehrte Dominikanermönch, gewählt. Er war von 1260 bis 1262 Bischof von Regensburg und verfaßte auf der Burg Stauf einen vielgerühmten Kommentar zum Lukas‑ Evangelium, den er dem Dominikanerkonvent in Regensburg als Andenken zurückließ. (Das Buch ist seit der Säkularisation verschollen.) Nach Schuegraf soll er dort auch „seltene mechanische Kunstwerke verfertigt“ haben.

Am 28. Januar 1285 bestätigte König Rudolf in Eger Bischof Heinrich I I . von Rotteneck (1277—1296) die Grafschaftsrechte zu Thumstauf: „den Blutbann und das Gericht, das Fischrecht von der Regensburger Brücke bis zum Flüßchen Kößnach, das Geleite auf der Donau bis ebendahin und deßgleichen auf der linken Thumstaufer Donauseite auch zu Lande“ (Janner III , 58). (Zu dieser Grafschaft gehörten die Orte Reifelding, Sulzbach, Bach, Demling, Friesheim, Lichtenwald, Altenthann, Adlmannstein, Schloß Falkenstein, Schönberg, Wenzenbach, Schwabelweis und die Vogtei Roith. Wörth wurde später als eigene Herrschaft von Donaustauf abgetrennt.)

Im Sommer 1324 hielt sich Bischof Nikolaus (ein Parteigänger Ludwigs des Bayern) auf der Burg vor dem Legaten des Erzbischofs von Salzburg (eines Anhängers Friedrichs des Schönen) versteckt, um die päpstlichen Botschaften nicht annehmen zu müssen. (Der Papst stand auf der Seite Friedrichs des Schönen und war vor allem später einer der erbittertsten Gegner des Wittelsbachers.) Der Bote wurde von den Knechten des Bischofs eingesperrt und erst am nächsten Tag wieder freigelassen. Aus Angst vor neuer Unbill warf er — so wird berichtet — die erzbischöflichen Weisungen in die Donau.

Nach 1331 zog sich der Bischof immer häufiger auf die Burgen Stauf und Wörth zurück, „wohl nicht ohne tiefen Kummer“ — wie Janner glaubt — „über die elende Lage, in welcher Ludwig, der seinem Herzen früher gewiß nahe gestanden, sich befand, über das Mißgeschick der Auer, mit denen er immer die freundlichsten Beziehungen unterhalten.“

Die Burg war auch ein vorzüglicher Hinterhalt: 1374 wurden vom staufischen Pfleger Regensburger Kaufleuten ganze Schiffsladungen an Wein und Getreide weggenommen und unter anderem ein Kölner „Gewandschiff“ aufgebracht.

Darüber hinaus diente sie auch als Gefängnis. Als im Verlauf des sogenannten Exemtionsstreites Bischof Leo der Thundorfer (1262—1277) das Kloster St. Emmeram befehdete, ließ er nicht nur (an einem Karfreitag!) dessen Vorratsräume plündern, sondern er steckte auch den vorher schon schwer mißhandelten Abt und zwei Mönche auf der Burg Stauf ins Gefängnis.

1440 wurde dort die Else Fließerin aus der Herrschaft Lichtenwald (der Zenger von Altenthann) wegen Räuberei und einer Reihe weiterer Straftaten eingekerkert, bis sie in Regensburg „peinlich befragt“ (d. h. in die Folterkammer geschickt) und hingerichtet wurde.

Burg Donaustauf Zeichnung von Weiß Grey sml

Stauf war ein begehrtes Pfandobjekt

Vom 14. Jahrhundert ab wechselte Donaustauf ständig seinen Besitzer. Die strategisch bedeutsame Lage ließ die Burg zu einem wertvollen, von allen Seiten begehrten Machtinstrument werden: der Bischof benützte sie gegen die Stadt, die Stadt gegen die bayerischen Herzöge, die Herzöge gegen den Adel, der Adel wieder gegen die Stadt . . . Diese Pfandpolitik soll im folgenden an den „Verschiebungen“ des 14. und 15. Jahrhunderts aufgezeigt werden:

Um 1301 war Donaustauf für kurze Zeit in die Hände des Rates der Stadt Regensburg gekommen, der Andreas den Auer mit der Pflegschaft belehnte, — eine Aufgabe, die die Auer auch noch nach der Rückkehr Donaustaufs in das Hochstift wahrnehmen konnten. So verlieh sie Bischof Nikolaus 1326 dem aus der Stadt verbannten Dietrich von Au; 1336 ging die Pflegschaft an die Egolfsheimer, 1337 an Ulrich von Abensberg, 1340 an die Hauzendorfer.

Noch im gleichen Jahr verpfändete Bischof Friedrich I., Burggraf von Nürnberg, Donaustauf für 1000 Pfund an Rueger den Reichen und Friedrich den Auer, um auf diese Weise die Geldmittel für die Deputation zu bekommen, die er nach Avignon schickte, um dort einen päpstlichen Schiedsspruch gegen seinen Gegenbischof Heinrich von Stein zu erwirken, — der ihm übrigens ein Jahr später Stauf mit Waffengewalt abnahm.

Anfang Juli 1355 verhandelte Kaiser Karl IV. unter größter Geheimhaltung in Sulzbach (‑ Rosenberg) mit Bischof Friedrich über den Erwerb der beiden Burgen Stauf und Wörth. Verschiedene Umstände kamen dem Kaiser, der damit seine Hausmacht bis an die Donau vorschieben wollte, entgegen: der Bischof war schwer verschuldet — auf Stauf allein lagen inzwischen Obligationen von nahezu 12 000 Gulden —, das Domkapitel wollte seinem Bischof keinerlei Finanzhilfe mehr leisten, der staufische Pfleger Peter von Eck war mit seinem Herzog zerstritten und Rueger der Reiche kurz vorher verstorben. Außerdem wollte der Kaiser dem Bischof — der vom Geld geblendet war, wie Gemeiner schreibt — noch einen Aufpreis von 5 000 Goldgulden zahlen und einige böhmische Güter dazulegen. (Der Erwerb von Wörth scheiterte allerdings am Veto Friedrichs des Auers von Brennberg.)

Ende Juli kam dann der Kaiser persönlich nach Stauf, um von seiner neuen Herrschaft, dem „Schlüssel des Königreiches Böhmen“, Besitz zu ergreifen. Das Domkapitel aber legte Beschwerde bei Papst Innozenz VI. ein, weil Friedrich „das beste und das festeste Haus, das dieselb Kirch besessen hat, das Stauffe genannt ist . . . und ohn das die Kirch von Regensburg ihrer Freyheit und ihrer Rechten nicht gefreuen mag“ an den Kaiser verkauft hatte, „und das ist geschehen zu der Kirchen von Regensburg grossen Verderbniß und ewiglichen Schaden“.

Der Papst schickte den südfranzösischen Bischof Bertrand von Apt als Untersuchungskommissär und kam nach dessen Bericht zu der Ansicht, daß der Handel rückgängig gemacht werden müsse. Nach den Sulzbacher Vereinbarungen blieb aber Stauf zumindest als Pfand in der Hand Karls IV., der dem Bischof weiterhin Geld darauf lieh, so daß sich die Staufer Pfandsumme 1360 bereits auf 21 000 Gulden belief; denn „er setzte auf diese Besitzung als auf einen Pfeiler und Eckstein seines Königreiches einen großen Werth“ (Gemeiner).

18 Jahre lang war die Burg Stauf Eigentum der Krone Böhmens. Als es aber Karl IV. 1373 im Zuge seiner extensiven Hausmachtpolitik gelungen war, von den Wittelsbachern die Markgrafschaft Brandenburg zu übernehmen, gehörte Stauf zur Kaufsumme und wechselte erneut seinen Besitzer.

Da die Burg in den Händen der bayerischen Herzöge eine scharfe Waffe gegen das Hochstift (aber auch gegen die freie Reichsstadt) war, schrieb Bischof Dietrich, der Nachfolger Friedrichs, in der Diözese ein Subsidium (eine Sondersteuer) aus, mit dessen Ertrag er im November 1382 die Burg für 13 000 ungarische Gulden und 200 Pfund Pfennige als Pfand zurückkaufte. Allerdings mußte er versichern, sie im Kriegsfalle den bayerischen Herzögen zur Verfügung zu stellen bzw. sich gegen die Stadt Regensburg neutral zu verhalten.

Bald nach dem Tode des Bischofs hatte aber das Domkapitel „in einer plötzlichen Geld Noth“, das heißt um die abensbergische Verwandtschaft des Bischofs abfinden zu können, die Burg wieder an die Wittelsbacher zurückgegeben, diese jedoch boten sie für 21 000 Gulden (gegen Wiederlösung) der Stadt an. Am 28. März 1385 erlegte der Rat die geforderte Summe und begann sofort, den Graben der Burg mit doppelten Mauern zu befestigen.

1422 wollte Herzog Heinrich Burg und Herrschaft wieder zurückhaben. Da sie Bischof Johann II . selber nicht einlösen konnte, war dieser mit dieser neuerlichen Transaktion einverstanden, — nicht aber der Rat der Stadt. Der beschwor vielmehr den Bischof, die Veste wieder selber zu übernehmen. Daraufhin ließ sich der Bischof in Passau von König Sigmund die Rückkauferlaubnis geben, konnte aber nach langwierigen Verhandlungen sein Ziel 1428 nur erreichen, weil der Magistrat und die Stadt die Pfandsumme übernahmen.

1433 bestimmte dann Herzog Wilhelm auf dem Konzil zu Basel, daß die Burg Stauf vom Hochstift nie mehr verkauft oder versetzt werden dürfe.

Trotzdem wird sie 1486 bereits wieder dem bayerischen Herzog Albrecht avisiert, der allerdings bestätigt, „daß diese seine Übernahme den bischöflichen Rechten auf Stauf keinen Eintrag thun und der Bischof jeder Zeit berechtigt sein solle, um den Pfandschilling die Herrschaft zurückzuerwerben“ (Janner III, 584). Der Herzog, der im August dieses Jahres die Burg persönlich in Besitz nahm, verbesserte auch die Rechtslage des Marktes Donaustauf und verlieh ihm 1494 das heute noch gebräuchliche Wappen. (Besonders gut scheint ihm der Staufer Wein gemundet zu haben, da er einige Jahre hindurch die gesamte Ernte nach München schaffen ließ. Die Kosten dieser „Weinfahrt“ hatte übrigens die Geistlichkeit des Regensburger Umlands zu tragen; Bischof Rupert II. ließ ihn dafür durch den Papst exkommunizieren!)

Obwohl sich 1492 schließlich auch noch Kaiser Maximilian I . für die Burg interessierte, — er ließ der Stadt durch den Reichshauptmann Graf von Zollern kundtun, daß man ihm die Veste übergeben sollte, damit er Regensburg umso kräftiger beschirmen könne —, blieb sie in den Händen des Herzogs.

Die Festung wurde oft belagert

Die strategische Bedeutung der Veste Stauf brachte es mit sich, daß sie nicht nur Tausch‑ und Pfandobjekt, sondern auch häufig Ziel militärischer Angriffe war. Nicht immer war es der Besatzung möglich, die Angreifer abzuwehren.

1132 z. B. lag Herzog Heinrich der Stolze mit dem (seiner Ansicht nach unrechtmäßig gewählten) Regensburger Bischof Heinrich von Diessen in Fehde. Der Herzog, der die Domvogtei an sich gebracht hatte, war vor allem darüber aufgebracht, daß Friedrich II. von Bogen (der rechtmäßige Domvogt) die Wahl seines Freundes Heinrich zum Bischof durchgesetzt hatte. Da der Herzog die Stadt nicht in seine Gewalt bringen konnte, überrumpelte er die bischöfliche Burg Stauf und ließ sie von seinen Truppen besetzen. Als verschiedene Adelige und auch die Dienstmannen der Bogener dem Bischof zu Hilfe kamen, „verbreitete sich das Kriegsfeuer wie eine Gewitterwolke über das ganze Land“(Gemeiner). Da die herzogliche Besatzung die Burg auf die Dauer — hauptsächlich aus Nachschubgründen — nicht halten konnte, — sie war, wie der Chronist meldet, der Gefahr nahe, Hungers zu sterben — entschloß sie sich Ende März 1133, „die Feste in den Brand zu stecken und in der Flucht zu entkommen“.

Bei einer zweiten Belagerung hatte der Herzog mehr Glück. Es wurde ein Waffenstillstand geschlossen, die Burg allerdings erst nach einer neuerlichen Verbrennung zurückgegeben. 12 Jahre später scheint aber die Anlage einigermaßen wiederhergestellt zu sein; denn Bischof Heinrich, der auf Regensburg das Interdikt gelegt hat — Bürger der Stadt hatten in einer Kirche einen Menschen totgeschlagen — residiert in Stauf und stellt dort Urkunden aus.

Im Mai 1146 wird die Veste vom bayerischen Herzog und seinen Helfern — darunter jetzt auch Domvogt Friedrich — erneut eingenommen. Der Bischof erreicht dafür beim Papst die Exkommunikation der „Brandstifter und Verwüster des Kirchengutes“.

Im Herbst des Jahres 1161 befehdeten sich der bayerische Herzog Heinrich der Löwe und Bischof Hartwig I I . von Regensburg. Die Gründe für diesen Streit sind nicht ganz klar. Die zeitgenössische Vita Eberhardi bericbtet: „Der Herzog von Bayern erkannte die Einfalt des Bischofs, und von unersättlicher Habgier getrieben, usurpierte er ein sehr bedeutendes bochstiftisches Gut, nämlich ein gewisses Schloß (Stauf) mit allem Zubehör; der Bischof wütete, tobte, setzte den Himmel in Bewegung, überlegte nicht, — kurz, von beiden Seiten fing man an, das ganze Hochstift mit Raub und Brand zu verheeren.“ (Janner II , 146 f.) Aventin dagegen meint, der Herzog habe das Hochstift vor der Ausbeutung durch den Bischof in Schutz nehmen wollen. Möglicherweise war aber der Streit wegen des Zolls auf der zwischen 1135 und 1146 erbauten Steinernen Brücke entstanden. Jedenfalls scheint das Hochstift ungeheuer unter den Verwüstungen gelitten zu haben („incendiis ac rapinis valde vastatus est“).

Zwischen 1132 und 1161 war also Stauf mindestens viermal mit Waffengewalt eingenommen worden.

Im Herbst 1341 gelang es dem Gegenbischof Heinrich von Stein mit Hilfe der Auer die Burg Stauf zu überrumpeln und Bischof Friedrich und der Stadt bis in den April 1343 Paroli zu bieten. Auch diese Fehde hat (nach Gemeiner) vielen Leuten das Leben gekostet.

Im Sommer 1388 kämpften die bayerischen Herzöge gegen die süddeutschen Städte, vor allem gegen die freie Reichsstadt Regensburg. Herzog Friedrich versuchte — „allbereit im Felde vor Stauf“ — zunächst von Sarching, später von Reifelding aus — dazwischen lag ein Marsch über Straubing! — die Burg Stauf in seine Gewalt zu bekommen, während sein Bundesgenosse Ruprecht Clemm die Felder und Weinberge der Umgebung verwüstete. Herzog Albrecht lagerte mit seiner Schar bereits am Fuße des Breuberges.(Damals geschah übrigens jener Hostienfrevel, der zum Bau der SalvatorkircheAnlaß gab.) Herzog Stephan und sein Sohn Ludwig der Gebartete waren von Kelheim herbeigeeilt und standen noch südlich der Donau, von wo aus sie die Veste „Tag und Nacht mit großen schweren Büchsen beschossen“. Aber die (insgesamt acht) wittelsbachischen Herzöge und Pfalzgrafen, die vor Stauf lagen, vermochten die Burg nicht in ihre Hand zu bekommen. Offensichtlich hatte auch die Besatzung — zumindest in der ersten Zeit — mit dem Nachschub keine Schwierigkeiten. Gemeiner kannte noch den Lieferschein über eine Ladung, die am Montag nach Jacobi zur Versorgung der Burg per Schiff nach Stauf gebracht worden war: Getreide, Mehl, Wein, Schmalz, Fleisch, Brot, Käse, Bier, Garn und Hanf (letzterer wurde für die Bogensehnen gebraucht und war von den Schustern der Stadt gratis zur Verfügung gestellt worden!).

Freilich, der ganze Markt war Bränden zum Opfer gefallen und die Kirche aus Verteidigungsgründen abgebrochen worden. (1397 baute dafür die Stadt den Donaustaufern ein neues Gotteshaus.)

Die Zerstörung der Burg

Das letzte große Kapitel der Geschichte der Burg Donaustauf beginnt am Ende des Jahres 1633 mit einem Überfall der bayerischen Burgbesatzung — etwa 80 Mann unter dem Kommando des Obristen Lorenz Nüsse — auf einen Geleitzug, mit dem die Schweden 60 Wagenladungen Salzscheiben von Straubing nach Regensburg transportierten.

Der Überfall der Bayern auf das schwedische Kommando gelang, die Fracht wurde gekapert und auf die Burg gebracht. In Regensburg hielt Bernhard von Weimar Kriegsrat,und man beschloß, die Freveltat unverzüglich zu rächen. Der schwedische Generalmajor Lars Kagge leitete die Belagerung ein. Aber schon heim ersten Sturm auf die Festung (am 17. Januar 1634) erlitten die Schweden große Verluste, und Kagge mußte verwundet vom Platz getragen werden.

Erst als die bayerische Besatzung, der die Munition auszugehen drohte, einen Ausfall versuchte, gelang es dem Feind, durch das mittlere Tor in die Burg einzudringen und eine größere Menge Vieh und Lebensmittel zu erbeuten. Als sie dann dort begannen, die Hauptburg zu unterminieren und auf bayerischer Seite nur noch „20 kranke und gesunde Musquetirer“ zur Verfügung standen und die sehnlichst erwartete Hilfe ausblieb, die Schweden dagegen Verstärkung erhielten, handelte sich die Besatzung am 21. Januar einen ehrenvollen Abzug nach Ingolstadt aus und überließ die Burg den Feinden, die bei der Belagerung an die 300 Mann verloren hatten.

Dem Donaustaufer Pfarrvikar Wolfgang Holdermüller war es noch gelungen, dem schwedischen Obristen Lars Kagge im Tausch gegen sein „ansehnliches exerzirtes Reitpferd“ die geraubten Donaustaufer Kirchenschätze (vasa spiritualia) abzuhandeln. (Was allerdings mit den Frauenzeller Kirchenschätzen geschah, die 1633 auf die Burg „in Sicherheit“ gebracht worden waren, ist nicht bekannt.)

Nachdem die Schweden das Straubinger Salz und die vorgefundenen Getreidevorräte weggeschafft hatten, wurden die meisten Bauwerke der Burg gesprengt und alles in Brand gesteckt. (Dabei ging auch das auf der Burg verwahrte Donaustaufer Pfarrarchiv zugrunde.)

Es klingt wie ein schlechter Scherz, daß noch 1630 an der Burg umfangreiche Reparaturen vorgenommen worden waren, deren „Pau‑Rechnung“ erhalten blieb.

Nach dem Abzug der Schweden setzte man die Burg wieder notdürftig in Stand — aus dieser Zeit stammt der Plan des Martin Schiffer —, aber eine völlige Wiederherstellung schien nicht mehr möglich. Seit dem Ende des 17. Jahrhunderts verfiel dann die ehemals so wehrhafte Anlage immer mehr.

1710 kam Donaustauf nach langen Verhandlungen (für 36 000 Gulden) wieder an das Hochstift Regensburg, und dieses wiederum — seit 1803 Teil des Fürstentums Regensburg— gelangte 1810 an Bayern; 1812 trat der Staat die Herrschaft Donaustauf als Entschädigung für die Postrechte in Bayern an die Fürsten von Thurn & Taxis ab, die seit 1899 den erblichen Titel eines Herzogs zu Donaustauf und Wörth führen.
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„Die Oberpfalz“, 1977